Was wir wirklich auf der Haut tragen
Ganz so schwarz ist es nicht, das „Schwarzbuch Baumwolle" vom international anerkannten Textilexperten Andreas Engelhardt. Wer von einem Schwarzbuch also ätzende Kritik oder einen Holzhammerschlag auf die gleichfarbigen Schafe erwartet, ist vielleicht etwas enttäuscht. Wer jedoch gewillt ist, solche Ansprüche etwas zurückzufahren, findet hier ein höchst informatives Buch und einen umfassenden Überblick zu einem Thema, das noch nicht mit vielen vergleichbaren Publikationen gesegnet ist.
Gleich zu Beginn bestätigt uns Andreas Engelhardt einen Verdacht. Nämlich, dass irgendwo in der Produktionskette von der Bio-Baumwolle zum Bio-T-Shirt eine wundersame Vermehrung stattfindet. Er kann uns zeigen, dass die Anzahl von Biolabeln auf Textilien in keinem Verhältnis zu den Anbaumengen von biologischer Baumwolle steht. Nun ist es immer diffizil, mit solchen Offenbarungen umzugehen: Man neigt dann gerne dazu, das Kind mit dem Bade auszukippen. Der Autor reagiert auf diese Herausforderung, indem er einfach fortfährt, wie er begonnen hat – sachlich, ausgewogen und fachkundig. So führt er uns, mit dem integren Auge immer die sozialen und ökologischen Wirkungen im Blick, durch eine ausführliche Bestandsaufnahme der heutigen Textilindustrie. Da die Frage, die er sich dabei stellt, jene nach den Möglichkeiten und Chancen einer nachhaltigen Bekleidung der wachsenden Weltbevölkerung ist, bleibt er dabei nicht spezifisch bei der Baumwolle, sondern vergleicht sie kritisch mit anderen Natur- und Kunstfasern. Wir erhalten Einblick in die Produktionskette von Textilien, und dabei die benötigten Informationen, um die Gefahren für die Ökologie und das Sozialgefüge unserer Welt einzuschätzen. Diese erschöpfen sich, wie zu erwarten, nicht im landwirtschaftlichen Sektor: Für eine sorgfältige Analyse der Nachhaltigkeit müssen auch produktionstechnische und logistische Faktoren berücksichtigt sein. Entsprechend dicht und komplex ist das Gewebe, das uns der Autor präsentiert.
Diese Dichte geht zwar stellenweise auf Kosten einer mühelosen Lesbarkeit, insgesamt schickt uns die Lektüre aber nicht erschöpft, sondern bereichert und angeregt in den letzten Teil des Buches. Hier wagt der Autor einen Blick in die Zukunft und ertastet sich vorsichtig einen Weg, auf dem die Nachhaltigkeit von Textilien erhöht werden könnte. Eine klare Aussage macht er bezüglich Zellulosefasern wie beispielsweise Viskose, die er zu den ökologisch unbedenklichsten erklärt. Zudem sieht er einen Bedarf nach politischen Regulierungen, um insbesondere auch die sozialen Härten der globalisierten Textilindustrie auffangen zu helfen. Der Hauptantrieb für eine Veränderung, so schliesst er, liegt aber bei uns, den Kunden, und an unserem klaren Bekenntnis zu ökologie- und sozialverträglicher Kleidung. Mit dieser Erklärung sind wir nicht ganz befriedigt. Auf Politik und Kunden wird immer gern verwiesen, und der Autor unterstützt uns in diesem Bestreben mehr theoretisch als praktisch. Dennoch möchten wir für diese theoretische Untermauerung danken und das Buch jedem empfehlen, der sich von den Strategien und Mängeln der globalen Textilproduktion ein fundiertes, präzises Bild machen will.
Rezension: Sacha Rufer