Buch «Virus Auto»

Buch «Virus Auto»

Die Geschichte einer Zerstörung

Mobilität - ein Zauberwort. Kaum ein Zusammenhang, dem es nicht einen positiven Anstrich geben kann. Mobilität, so scheint es, ist in sich selbst begehrenswert. Und tatsächlich will ihr nicht einmal der Verkehrsexperte und vehemente Autokritiker Hermann Knoflacher ihren Wert absprechen, meint sie doch Beweglichkeit, Regsamkeit, und damit implizit Freiheit. Aber meint sie auch das Auto?

 

Autor Hermann Knoflacher 
Verlag Ueberreuter Verlag
Umfang 221 Seiten
ISBN 978-3-8000-7560-7
Preis Fr. 28.50 (UVP)

 

Seit das Automobil seinen Siegeszug als persönliches Beförderungsmittel erster Wahl angetreten hat, hat es unsere Welt verändert. Sehen wir mal aus dem Fenster: Wie viele Autos sehen wir? Wie viele asphaltierte Strassen, Parkplätze, Fussgängerstreifen? Oder hören wir nur hin... Das Auto ist allgegenwärtig. Wir haben ihm unsere Städte, Dörfer, Felder anheimgegeben, und ganz in diesem Sinne bedeutet heute Stadt- bzw. Landschaftsplanung meistenteils auch Verkehrsplanung. Doch diese, so plädiert Hermann Knoflacher in seinem Buch, hat fundamental versagt. Sie hat dem Auto einen Status als Eroberer eingeräumt, dem die Menschen sich zu unterwerfen haben. Nun ist unser Bild eines Eroberers, in dem man sitzen und bequem herumkutschieren kann, vielleicht etwas schief. Doch die Fakten und Zahlen, die uns der Autor vorlegt, sind es nicht. Wäre das Auto eine Seuche, fragt er, würde dann nicht ihre alljährliche Opferzahl - nur schon an Verunfallten - eine Panik auslösen? Zusätzlich zu dieser direkten Zerstörung von Menschenleben entstanden durch das Auto die wohlbekannten Schädigungen von Umwelt und Lebensräumen und die etwas leiseren, aber nicht zu unterschätzenden Zerrüttungen von lokalen Strukturen und der sozialen Begegnungsstätten, als die die Strassen und Plätze einstmals dienten. Mobilität, so argumentiert er, bedeutet nicht nur Herumfahren. Sie bedeutet auch geistige Beweglichkeit. Diese jedoch hat sich innerhalb der magischen Aura des Automobils schon früh ersatzlos verabschiedet. So sehr, dass ein menschlicher Lebensraum ohne Autos undenkbar geworden ist, einfach indem er nicht mehr gedacht wird. Zum Beleg dieser Behauptung führt er eine stringente Beweisführung in den Fachgebieten von Biologie, Technikgeschichte und Politik, die immer wieder vorführt, wie wenig das Auto dem Menschen und seinen Bedürfnissen angemessen ist. Als Kur verficht er eine Entfernung der Autos - parkenden und fahrenden - aus dem menschlichen Lebensraum, und zwar mindestens bis auf die Entfernung des nächsten öffentlichen Verkehrsmittels. Als verdienstvoller Verkehrsplaner hat er diesbezüglich nicht nur theoretische Appelle, sondern auch das praktische Fachwissen zur Hand.

In unserer Begeisterung für dieses Buch sind wir, wir räumen es mal widerstrebend ein, vielleicht nicht ganz vorurteilsfrei. Immerhin ist dem Rezensenten sein bekennendes Fussgängertum auch schon mal zu Anfällen akuter Autofeindschaft gediehen. Es mag also sein, dass der Autonarr oder Tankstellenbesitzer nicht dasselbe Vergnügen aus dieser manchmal parodistischen, aber immer scharfzüngigen Mahnrede zieht. Doch ganz gleich, ob und wie sich Hermann Knoflachers Tonfall ins Ohr schmeichelt: Er hat seine Argumente bei Fuss und die Erfahrung eines praktisch tätigen Fachmanns im Rücken. Seine Vorschläge zu einer umweltschonenden und menschenwürdigen Verkehrspolitik haben gleichermassen gesellschaftliche, ethische und verkehrspolitische Substanz. Dabei hat er sich jene Mobilität bewahrt, die er einklagt. Wie auch immer wir unsere geistige Regsamkeit einschätzen, er hält uns die eine oder andere Lektion bezüglich der Einnahme eines fruchtbaren neuen Blickwinkels bereit.

Rezension: Sacha Rufer

 

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