Buch «Eine kurze Geschichte der Menschheit»

Buch «Eine kurze Geschichte der Menschheit»

Ein Blick auf die Geschichte erweitert den Horizont und eröffnet neue Perspektiven, sagt man.

Doch längst nicht jeder kurze Geschichtsabriss vermag diesen Anspruch zu befriedigen. Wenn also ein Buch wie dieses mit seiner – relativen – Kürze wirbt und es dann tatsächlich schafft, die bequemst einzunehmende Perspektive ein ums andere Mal quer zu stellen, darf man ihm das ganz unverhohlen als Stärke auslegen. Nebst einigem anderen.

 

Autor Yuval Noah Harari 
Verlag Deutsche Verlags-Anstalt
Umfang 525 Seiten
ISBN 978-3-421-04595-9 
Preis Fr. 35.50 (UVP)

 

Die längste Zeit ihrer Geschichte war die Menschheit mit Jagen und Sammeln beschäftigt. Ihre Rolle im ökologischen und evolutionären Zusammenspiel war nicht grösser als jene von Elefanten – und wohl kleiner als jene der Spinnen. Dann kam das, was Yuval Noah Harari kurzerhand den „grössten Betrug der Geschichte" nennt: Die landwirtschaftliche Revolution, die Entwicklung zu einem sesshaften Leben im Dienst der Ackerkrume. Diese ermöglichte einen bedeutsamen Bevölkerungsanstieg, verunmöglichte damit wiederum eine Rückkehr zum weniger arbeitsintensiven und freieren Leben auf Wanderschaft und legte eine explosive Keimzelle für erste ökologische Verwüstungen. Das ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie der israelische Historiker Harari die Menschheitsgeschichte auf den Rücken wirft und ihre verschattete Unterseite dem Blick darbietet. Ähnlich verfährt er mit liebgewonnenen Mythen wie dem Leben „im Einklang mit der Natur" der Naturvölker, der verderblichen Macht des Geldes oder dem Fortschrittsgedanken allgemein. Er erzählt uns Geschichte nicht als einen Strang von Ereignissen, der unausweichlich und „logisch" zu unserer heutigen demokratischen Wohlstandsgesellschaft führt, sondern als eine Anhäufung von Kräften und Entscheidungen, die uns ebenso viel raubten wie sie uns gewannen. Das ist keine „unerhörte" Herangehensweise, und längst nicht jede skeptische Relativierung, die er uns anbietet, ist neu und revolutionär. Doch dass er diese gebündelten Zweifel und Zwiespälte so darzustellen vermag, dass sie ein schlüssiges, aufregendes und ansprechend persönliches Buch ergeben, für dessen uneingeschränkten Genuss nur das knappste Vorwissen erforderlich ist: Das setzt Massstäbe.

Yuval Noah Harari nimmt dabei eine Position ein, die für einen Historiker zumindest ungewöhnlich ist. Er stellt sich moralischen Fragestellungen, und er rüttelt auch dann an schwierigen und umstrittenen Themenbäumen wie der Ökologie, dem Patriarchat oder den Religionen, wenn sich im gewonnenen Fallobst voraussichtlich kein einzig wahrer Weisheitsapfel zu erkennen geben wird. Während er sich für seinen knappen Überblick über die grossen Zusammenhänge und Verschiebungen in der Menschheitsgeschichte zwangsläufig auf die Höhe eines Satelliten begeben muss, widerstrebt ihm die Rolle eines unberührten Beobachters. Natürlich werden mehrere seiner provokativeren Interpretationen der Menschheitsgeschichte im Detail nicht unwidersprochen bleiben, doch indem er seinem Buch mehr den Tonfall eines Diskussionsbeitrages als jenen eines sakrosankten Lehrwerks verleiht, öffnet er die Tür zu einem unbeschwerten tieferführenden Interesse. Zwar ist ihm anzumerken, dass er Historiker und kein Ökologe ist, und er unterschätzt dann stellenweise - trotz seiner engagierten Empfänglichkeit für die Problematik - die menschliche Verwundbarkeit durch ökologische Dynamiken. Doch solange kein Ökologe sich das Fachwissen, den Witz und den umsichtigen Scharfsinn auf historischem Gebiet zulegt, wie es Yuval Noah Harari umgekehrt getan hat, bleibt sein Buch auch in den Belangen der Umweltgeschichte eine vordringliche Empfehlung. Es zeigt die Menschheit am Scheideweg. Wir stehen vor der Herausforderung, dass es – erstmalig in der Geschichte – wohl nicht einfach „irgendwie weitergeht". Yuval Noah Harari stellt deshalb mit einiger Dringlichkeit die Frage: Wohin wollen wir eigentlich? Sein Buch bietet die umfassende und adäquate Grundlage, uns ihr zu stellen.

Rezension: Sacha Rufer

 

 

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