Buch «Jenseits des Wachstums»

Buch «Jenseits des Wachstums»

Warum wir mit der Erde Frieden schliessen müssen

Es ist, als spräche man gegen eine Wand. Das Bekenntnis zur Botschaft, dass eine begrenzte Erde kein unbegrenztes Wachstum ermöglichen kann, erfolgt in letzter Zeit in immer beunruhigenderer Nähe zum unbeschwerten Bekenntnis zum Wirtschaftswachstum als alleinigem Indikator für Wohl und Wehe der Gesellschaften. Vandana Shiva versucht uns mit der ihr eigenen Energie und Verve noch einmal klarzumachen, dass beides nicht zusammengeht.

 

Autor  Vandana Shiva
Verlag  Rotpunktverlag
Umfang  271 Seiten
ISBN  978-3-85869-593-2
Preis  Fr. 25.— (UVP)

 

Krieg gegen die Erde, so nennt die indische Wissenschaftlerin und Umwelt- und Frauenrechtsaktivistin Vandana Shiva die Auswüchse des Wachstumskapitalismus und der Globalisierung. Ein starkes Wort, denkt man sogleich, und ein unpassendes, da Krieg üblicherweise den gewaltorientierten Konflikt zwischen bewaffneten oder zumindest irgendwie wehrfähigen Parteien meint. Bäume, Landschaften und Getreidefelder scheinen nicht so recht in dieses Bild zu passen. Doch dann folgt man der Autorin nur zwei, drei Seiten in ihre Ausführungen hinein und bemerkt, dass sie sich mit dieser Charakterisierung nicht weit verschätzt hat. In den indischen Wäldern, Ebenen und Bergen wird die Befestigung und Ausweitung einer radikalen Marktlogik nicht zuletzt mit Waffengewalt betrieben. Dieser Angriff auf Umweltaktivisten, Frauen und indigene Völker wird als ein Kampf gegen Maoisten nur dürftig verschleiert. Dasselbe Indien wird dann, wenn auch in den letzten Jahren mit etwas eingeschlafener Rhetorik, als ein Paradebeispiel für die wohltätige Kraft einer dynamischen Marktwirtschaft herangezogen. Vandana Shiva führt uns, hauptsächlich am Beispiel der Industrialisierung der Landwirtschaft, tief hinein in die Schattenseiten eines Schulterschlusses von Politik und Konzerninteressen, der fast schulbuchmässig die international immer ähnlichen Folgen zeitigt: Raubbau, Ausbeutung, Hunger, Umweltschäden. Hier auch: Massensuizid von Kleinbauern, Vertreibung eingesessener Bevölkerungen oder Ausschluss der Menschen vom Wasserzugang. In ihrer Darstellung der allgemeinen Zusammenhänge einer wildwuchernden Privatisierung von Gemeingütern mit der Verarmung der Bevölkerung, der Biodiversität und der Ressourcen verhilft sie uns zwar zu keinen zwingend neuen Einsichten. Es ist stattdessen ihre Position als unmittelbare Zeugin, Betroffene und unermüdliche Widerstandsaktivistin, die das Buch aus der Masse der kapitalismuskritischen Schriften heraushebt und den Einsichten Gewicht verleiht. Hier schreibt jemand nicht aus dem Lehnsessel der Konsumverdrossenheit, sondern – um im Bild zu bleiben – aus der Kampfzone.

Als Gegenentwurf und Heilmittel für diese unselige Verstrickung von überholten Wohlstandsrezepten, Herrschaftssicherung und kurzfristiger Profiteffizienz wirbt Vandana Shiva für ihr Modell der Erd-Demokratie, das sie in ihrem vorgängigen Buch „Erd-Demokratie" schon ausführlicher vorstellte. Dessen Gedankengut von Regionalisierung, Solidarität, ökologischer Vernunft und Diversität bleibt in diesem neuen Buch bis zu den letzten Sätzen, wo sie ihre Forderungen schliesslich prägnant auf den Punkt bringt, etwas zu lang im Ungefähren schweben. Zudem meldeten sich auch bei uns, die das Vorwissen schon mitbrachten, stellenweise Zweifel. Zwischen den Zeilen der Stimmmeldungen aus dem Lager vor allem des indigenen Widerstands schwingen ein Ausschliesslichkeitsanspruch und ein leiser Chauvinismus mit, die der ehrbaren Ideologie der Erddemokratie im Erfolgsfall zur Fussfalle werden könnten. Ebenfalls sind wir nicht so grundsätzlich überzeugt wie die Autorin, dass alle Versuche einer menschlichen Mitgestaltung der Ökologie unserer Erde (Geoengineering etc.) zum blasphemischen Scheitern verurteilt sein müssen. Doch soweit sind wir ja noch nirgends. Vorerst bleibt auch dieses Buch der beredten, klugen und engagierten Autorin ein beunruhigender Weckruf mit wohl abgewogenen optimistischen Beiklängen. Es bietet, vielleicht etwas undisziplinierter als andere, aber dafür umso bewegender, einen breiten Überblick über die Produktionsweisen und Geisteshaltungen, die einer nachhaltigen Entwicklung im Weg stehen. Jene LeserInnen, die mit der Autorin vertraut sind, finden zudem in der leisen Verschiebung des Schwerpunkts der Autorin von den Frauenrechten auf den Schutz der Rechte der indigenen Bevölkerungsgruppen noch einmal eine lohnende Ausweitung des Horizonts.

Rezension: Sacha Rufer

 

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