Buch «Wie wir uns täglich die Zukunft versauen»

Buch «Wie wir uns täglich die Zukunft versauen»

Raus aus der Kurzfrist-Falle

Das kurzfristige Denken, so erläutert uns der Zukunftsmanager Pero Mićić, ist nicht erst mit der modernen Konsumgesellschaft aufgekommen. Es ist den menschlichen Denkmustern eingeschrieben. Weshalb es sich in der neueren Zeit dennoch zu einem immer dringlicheren Problem entwickelt, was es auf persönlicher und globaler Ebene anrichtet und wie wir ihm entkommen müssen und können, davon handelt sein Buch.

 

Autor  Pero Mićić
Verlag  Econ Verlag
Umfang  331 Seiten
ISBN  978-3-430-20160-5
Preis  Fr. 27.90 (UVP)

 

Als wir als Jäger und Sammler über die Ebenen zogen – also den längsten Teil der Menschheitsgeschichte – reichte eine kurzfristige Planungs- und Entscheidungsfähigkeit aus, um auch längerfristig die Bedürfnisbefriedigung zu gewährleisten. Zwar waren schon damals oft eine unvernünftige Ressourcenausbeutung oder gar die Ausrottung von Tierarten ihre unerspriessliche Folge, doch das Überleben der Menschheit, geschweige denn von ganzen Ökosystemen, vermochten sie kaum zu gefährden. Das hat sich zunehmend geändert. Jetzt, mit einem ökologischen Fussabdruck, der die Leistungsfähigkeit unseres Planeten bereits übersteigt, haben wir uns mit unserer Neigung, die kurzfristig angenehmste der langfristig vernünftigsten Entscheidung vorzuziehen, in eine Falle manövriert, auf die unser Gehirn schlecht vorbereitet ist. Pero Mićić setzt uns in seinem Buch auseinander, wie Psychologie und Neurowissenschaften diese Neigung erklären und zu welchen Fehlleistungen sie auf privater, ökologischer und politischer Ebene in Vergangenheit und Gegenwart Vorschub leistete. Er greift hier zu Beispielen, die jeden Leser direkt betreffen und in denen sich auch jeder Leser unausweichlich wiedererkennen wird. Daneben macht er stets an positiven Beispielen klar, dass wir, evolutionäre Veranlagung hin oder her, sehr wohl fähig sind, das längerfristig angelegte Denken zu meistern und in Taten umzumünzen. Dieser Erkundung und Erläuterung der Problemstellungen fügt er seine persönlichen Erfahrungen und schliesslich einen von diesen Erfahrungen gestützten Lösungsansatz hinzu. Da Pero Mićić aus der Unternehmensberatung kommt, beleuchtet er die meisten seiner Beispiele und Argumente aus ökonomischer Warte. Das hat die Vorteile des Pragmatismus und durchgängiger Bodenhaftung, offenbart aber auch Schwächen. Wenn er beispielsweise bei der Occupy-Bewegung Konservativität und Fortschrittsfeindlichkeit einklagt, mögen wir ihm zwar nicht vehement widersprechen, aber fühlen uns doch bemüssigt, auf ihre, ebenso vorhandene, Visionsfähigkeit hinzuweisen und im Gegenzug die weitgehend unreflektierte Definition von ‚Fortschritt' in seinem Buch zu bemängeln. Weiter hat es zur Folge, dass er im Umgang mit den wirtschaftlichen Vertretern des Kurzfristdenkens Samthandschuhe anzieht, die er dann bei der Beschäftigung mit seinen politischen Exponenten weit von sich wirft. Was zwischen diesen Lagern fast vergessen geht, ist die kulturelle Dimension. Hier, über soziale Mechanismen, oder auch bei der aufstrebenden ‚Commons'-Bewegung, wären noch einige Ansätze zu einer Veränderung von Denkmustern zu finden, die dem Autor scheinbar entgangen sind. Sein eigenes Modell der Einführung einer Fragestellung nach dem ‚Future Me' und ‚Future We' während einer Entscheidungsfindung vermag uns dann nicht ganz zu überzeugen. Die Anstrengung, nach einem ‚Future Me' zu fragen, bleibt im unmittelbaren Einflussbereich der geistigen Bequemlichkeit, die das Kurzfrist-Denken überhaupt begünstigt. So bietet sein Lösungsansatz ein durchaus taugliches und durchdachtes Instrument zu langfristigem Planen, aber behelligt die Wurzel des Problems nur oberflächlich.

Das sind nun doch recht weitreichende Kritikpunkte an einem Buch, das in einer Kolumne mit der Überschrift ‚Buchtipp' vorgestellt wird. Wollen wir es etwa gar nicht empfehlen? Doch, das wollen wir! Ungeachtet einiger Differenzen hinsichtlich Interpretationen der Gegenwart und Potentialen für die Zukunft: Pero Mićić hat hier ein Buch abgeliefert, auf das wir schon eine Weile gewartet haben. Er hat nicht irgendein Buch zum Thema abgeliefert, sondern eines, das in der Klarheit und Deutlichkeit seiner Ansprache jeden Leser zu einer Hinterfragung der eigenen Entscheidungsmuster nötigt. Es fängt eine durchaus komplexe Problemstellung, die stets gegenwärtig, aber verräterisch undeutlich am Rande von Nachhaltigkeitsdiskussionen schwebt, fassbar und prägnant zwischen zwei Buchdeckeln. Dort gelingt es dem Autor, das Interesse des Lesers stets sicher im Griff und wach zu halten. Es ist, kurz gesagt, ein Buch, das den Leser unweigerlich herausfordert, bewegt und ermutigt. Auch wenn über die Details das letzte Wort noch nicht gesprochen sein mag: Das pragmatische, aber auch leidenschaftliche Wort, das hier gesprochen ist, findet unseren freudigen Beifall.

Rezension: Sacha Rufer

 

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