Buch «Calpurnias faszinierende Forschungen»

Buch «Calpurnias faszinierende Forschungen»

Die USA, vor einhundertundfünfzehn Jahren. Das ganze weibliche Texas stickt, strickt und musiziert. Ganz Texas? Nein. Ein junges Mädchen mag sich dem Regime der Sittsamkeit nicht beugen und erforscht stattdessen lieber die Natur...

Autor Jacqueline Kelly 
Verlag Hanser Verlag
Umfang 315 Seiten
ISBN 978-3-446-24930-1
Preis Fr. 23.90 (UVP)


Der zweite Jugendroman um Calpurnia Virginia Tate beginnt dort, wo der erste endete: Im Schnee des Neujahrstag des Jahres 1900 - einem seltenen Ereignis im ländlichen Texas. Es ist dann ein weiteres seltenes meteorologisches Ereignis - ein ungleich tragischeres -, das die kleine Welt der indessen dreizehnjährigen Heldin erheblich erweitert. Die Nachwehen der Flutkatastrophe von Galveston spülen ihr eine traumatisierte ältere Cousine ins Haus, und in der Folge desselben Unglücks erhält Calpurnias Grossvater in Gestalt des Tierarztes Dr. Pritzker Unterstützung bei seiner zeitraubenden Aufgabe, ihren ungezügelten Wissenshunger zu stillen. Im Zuge dessen wendet sich Calpurnias Wissbegier nun verstärkt dem Forschungsfeld der Zoologie zu, muss sich hierzu jedoch auch weiterhin gegen die rigiden Rollenbilder durchsetzen - oder um sie herumschleichen -, die das Leben aller weiblichen Protagonistinnen des Entwicklungsromans prägen. Des Weiteren gilt es, den Dieb einer goldenen Fünfdollarmünze ausfindig zu machen, dem weichherzigen Bruder Travis als Ergänzung zu seiner Tierliebe etwas Widerstandskraft gegen die weniger knuddligen Aspekte des Lebens anzuerziehen und der genannten, geschäftstüchtigen Cousine Aggie ihre Schreibmaschine abzuschwatzen. Sowie, natürlich, viel zu lernen: Vom fernen Helden der Biologie, Mr. Darwin, von Funktion und Gebrauch eines Barometers und eines Astrolabiums, von Hunden, Fröschen, Regenwürmern, Pferden...

Wenn wir uns im aktuellen Angebot der literarischen weiblichen Identifikationsfiguren umschauen - und das tun wir unausweichlich regelmässig - so sinkt uns manchmal der Mut. Die Protagonistinnen von Kinder- und Jugendromanen haben zwar in den letzten Jahrzehnten gedrängte Verstärkung erhalten, und es besteht ein breites Einvernehmen dahingehend, dass diese "frech" und "wild" sein sollen. Doch abseits dieser formalen Charakterisierung zeigen sie sich dann doch meistenteils... konventionell, um es nett zu sagen. Wir erwähnen das hier, um unserer Hochachtung vor Calpurnia und ihren wissenschaftlichen Abenteuern Kulisse und Fundament zu geben. Calpurnia ist nicht frech. Ihr Selbstbewusstsein ist kein demonstratives, und ihr Leiden an den ihr auferlegten Beschränkungen und der Erkenntnis, nur als Bürgerin zweiter Klasse zu gelten, ist ein fassliches und anrührendes. Umso inspirierender ist es dann, wenn sie diese wiederkehrenden Schmerzen in zielstrebiger Gleichgültigkeit abschüttelt und unerschrocken weiter ihren Weg sucht. Calpurnia ist, dessen ungeachtet, auch nicht wild. Sie ist unangepasst, von disziplinierter Neugier, trotzigem Frohsinn und zähem Behauptungswillen. Aus alledem ersteht sie als ein unbedingt glaubwürdiges und berückend lebendiges Identifikationsbild für Mädchen... und Jungen? Für Leute.

Der Hauptgrund unseres Entzückens ob dieses zweiten Bandes von Calpurnias Abenteuern ist indessen kein genderspezifischer. Es ist, wie schon beim ersten Band, unser Behagen darüber, wie uns hier mit leichter Hand methodisches Denken, die Arbeitsweisen der Forschung und die Wissenschaft vom Leben nahegebracht werden: Nicht als das verrückte und etwas unheimliche Steckenpferd staubtrockener Intelligenzbestien, sondern als zugängliches und bereicherndes Instrument eines fragenden Geistes. Die Natur, die Calpurnia erforscht, ist keine zergliederte, abstrakte - auch wenn da schon mal ein tot aufgefundener Wurm seziert wird -, sondern bleibt durchwegs die erfahrbare, wundersame. Genauso wie die Heldin nähern wir uns der Wissenschaft unbefangen, dem Gegenstand dieser Wissenschaft – der Natur – hingegen respektvoll und im Bewusstsein ihres Werts. Das, so meinen wir, ist eine Botschaft mit Gewicht. Von diesem Gewicht soll sich indessen niemand erschrecken lassen: Das Buch jedenfalls zeigt sich von der dräuenden Last unserer Wertschätzung ganz unbeeindruckt und bleibt durchgängig eine vergnügliche, ergreifende und mitreissende Lektüre.

Rezension: Sacha Rufer

 

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