Buch «Selbstverbrennung»

Buch «Selbstverbrennung»

Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff

Der renommierte Klimaforscher und politische Berater Hans Joachim Schellnhuber hat ein dickes Buch zum Klimawandel geschrieben. Nun hätten wir die Frage, ob wir aktuell unbedingt noch ein dickes Buch zum Klimawandel benötigen, tendenziell mit Nein beantwortet. Doch für dieses räumen wir gerne noch ein Plätzchen im Regal frei, denn des Professor Schellnhubers dickes Buch ist ganz berechtigterweise dick.

Autor  Hans Joachim Schellnhuber
Verlag  C. Bertelsmann Verlag
Umfang  777 Seiten
ISBN  978-3-570-10262-6
Preis  Fr. 39.90 (UVP)

 

Das Lamentieren verging uns schon, während der Autor eingangs noch in einer kenntnisreichen Exkursion durch die Wirtschafts-, Klima- und Umweltgeschichte marschiert. Hier wird offenbar, wie er seine vortrefflichen Fertigkeiten der Wissensvermittlung einzusetzen gedenkt: Gewissenhaft, kritisch und unter Vermeidung unstatthafter Vereinfachungen. Er setzt uns demgemäss all den Komplexitäten, Unsicherheiten und Differenzierungen der Klimawissenschaften in ihrem akademischen, politischen und wirtschaftlichen Umfeld aus. Er nimmt sich dann aber die Zeit, uns da sachte, Schritt für Schritt und mit vollem Zutrauen in unsere Reflexionsfähigkeiten hindurch zu steuern.

So hält er es auch, wenn er in der Folge die Problematiken von Klimamodellen erörtert, hier und da eine Leiche im Keller des Wissenschaftsbetriebs begutachtet, IPCC-Berichte analysiert, die Unwägbarkeiten des irdischen Klimasystem insgesamt aufzeigt oder zur politischen Klimadiskussion Stellung bezieht. Was dabei - ob des Autors wissenschaftlich-differenzierter Kritikfähigkeit - leicht zum Munitionsvorrat klimawandelrelativierender Argumentationen geraten könnte, mündet stattdessen in ein engagiertes Plädoyer für Mut und Ausdauer im Umgang mit dem Klimawandel.

Klar; so gibt uns der detailkundige Klimaforscher zu verstehen: Klimamodelle bilden nur Wahrscheinlichkeiten, keine felsenfesten 'Wahrheiten' ab. Doch diese Wahrscheinlichkeiten, so verstehen wir ebenfalls und unmissverständlich, deuten mit unabweislicher Wucht auf einen einschneidenden Wandel der irdischen Klimasysteme hin. So sehr, dass Hans Joachim Schellnhuber schliesslich im letzten, der Zukunft zugewandten Teil seines Buches davor warnt, bezüglich eines wirksamen Klimaschutzes vordringlich auf den Systemwandel unserer globalen ökonomischen Machtstrukturen hinzuarbeiten – so wünschenswert diese auch sind und bleiben. Hierfür, gibt er zu bedenken, wird uns die Zeit fehlen. Wir werden stattdessen wohl vorsichtig und kreativ durch den Rest dieses Jahrhunderts lavieren müssen, um seine schlimmsten Manifestationen abschwächen oder wenigstens teilweise verhindern zu können.

Dies sehen wir, leider, zunehmend genauso, und mit seiner weitläufigen, profunden Auskundschaftung und Diskussion der uns hierzu zur Verfügung stehenden (oder noch anzustrebenden) politischen und technischen Werkzeuge weiss er uns auch hier Chancen, Herausforderungen und Irrwege klar vor Augen zu führen.

Was wir nicht so sehen: Dass wir Schweizer unsere Bergbauern ausschliesslich aus Nostalgie hegen. Wir hätten da auch noch einen ökologischen Grund beizubringen. Doch das ist, wie vielleicht zu erkennen, nur eine Marginalie am Rand, auf die zu reagieren wir einfach nicht widerstehen konnten.

Hans Joachim Schellnhubers bemerkenswert vergnüglich zu lesendes Buch bereitet uns also darauf vor, dem Klimawandel in einem fortdauernden Lernprozess zu begegnen, und es rüstet uns dafür mit sachkundiger Materialfülle. Diese verbietet uns dann zwar, es als eine Einführung in die Thematik zu empfehlen - so gern wir das möchten. Doch all jenen, denen an einer detaillierten Durchdringung der Klimadiskussion in all ihren wissenschaftlichen, ökonomischen und politischen Aspekten gelegen ist, legen wir es mit Nachdruck ans Herz.

Rezension: Sacha Rufer

 

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