Buch «Vom Land in den Mund»

Buch «Vom Land in den Mund»

Warum sich die Nahrungsindustrie neu erfinden muss

Ein Mähdrescher fährt auf einem Feld, das sich monochrom zum Horizont erstreckt, in den Sonnenuntergang. Ein biodynamischer Bauer steht auf dem Acker und redet den Rüebli gut zu... Bilder zu sehr unterschiedlichen Ansätzen von Agrarwirtschaft. Können sie zusammenfinden? Sie sollten, plädiert Jan Grossarth.

Autor Jan Grossarth
Verlag Nagel & Kimche
Umfang 159 Seiten
ISBN 978-3-312-00692-2
Preis Fr. 25.90 (UVP)

 

Der Journalist Jan Grossarth ist hingegangen. Zu den Monokulturen mit Genmais, in die Geflügelhallen, zur Hauptversammlung des Deutschen Bauernverbands, aber auch in den kleinen Samenladen in der Stadt, zum Industrieaussteiger auf seinem Biohof, zum veganen Tierrechtler. Er hat mit den Leuten gesprochen, ihnen zugehört und nachgefragt, hat Opponenten beider Seiten zu Streitgesprächen zusammengeführt. Was Jan Grossarth da zwischen den USA und Mitteleuropa, zwischen Hof, Konzern und Kunde gesehen und gehört hat, hat er jetzt in einem kompakten kleinen Büchlein zu einundzwanzig Thesen verdichtet, die das Zeug haben, eine sich immer weiter polarisierende Debatte auf gemeinschaftlichen Boden zurückzuführen.

Die Grundaussage der kurzweiligen Sammlung von kurzen, thematisch verbundenen Aufsätzen, Impressionen und Reportagen ist, grob zusammengefasst: Es gibt sie nicht, die "böse Industrie" und die "gute Natur". Ebenso wenig wie, umgekehrt, den alternativlosen Produktivitätsdruck oder die weltfremden Ökoträumer. Deshalb treffen wir in Jan Grossarths Buch auf pragmatische Bioproduzenten und auf selbstkritikfähige Schweinemäster, auf nachvollziehbare Argumente für Gentechnik ebenso wie auf solche für die Fruchtfolge. Die Kampfbegriffe des Lobbying oder der manipulativen Tierrechtspropaganda erhalten ein menschliches Gesicht. Der Autor nähert sich all dem mit einem seriösen Ehrgeiz zur Vorurteilslosigkeit und mit dem Verdienst, die dahinterstehenden Motive und Geisteshaltungen nicht nur wahrgenommen, sondern meistenteils auch verstanden zu haben.

Geboren aus dieser allseits kritischen, aber einfühlsamen Haltung eröffnet Jan Grossarths Buch jedweder Leserschaft die Chance, die jeweils entgegengesetzten Realitäten und Argumente nachzuvollziehen und zu würdigen. Das ist uns, angesichts der zunehmend übergriffigen Rhetorik an der Ernährungsfront, bereits Grund genug, es zu empfehlen. Gleichwohl bemüht sich der Autor in seinem letzten Teil auch noch, die jeweiligen Positionen zu einer Symbiose zu verlocken. Die Industrie, so führt er hier an, ist aus der Landwirtschaft nicht mehr herauszuoperieren. Das wäre angesichts wachsender Bevölkerungszahlen wohl auch nicht sinnvoll. Wie intelligent jedoch diese Industrie agiert, wie sie mit ihren Böden, den Tieren und der ökologischen Umwelt umspringt: Da darf sie sich den Einwänden ihrer Kunden oder den Erkenntnissen der Kreislaufwirtschaft nicht verschliessen. Auf der anderen Seite empfiehlt er implizit den Konsumenten, sich bezüglich ihrer Ansprüche zu desillusionieren.

In uns, die wir ja so allerlei ökologischen und tierethischen Träumen zuneigen, regten sich bei der Lektüre selbstredend einige Einwände. Diesen ist das Wörtchen "meistenteils" geschuldet, wenn wir oben Jan Grossarths Verständnis unterschiedlicher Geisteshaltungen loben - seinen versuchsweisen Ausbruch aus einer anthropozentrischen Grundhaltung ahnen wir als noch nicht vollendet. Ebenfalls fanden wir die Verdienste der Biodiversität in seinen Entwürfen einer agrarindustriellen Nachhaltigkeitspraxis zu zaghaft berücksichtigt und fragten uns dann, gerade auch in diesem Zusammenhang, woran sich denn nun ein "intelligenterer Einsatz" von genetisch veränderten Organismen in der Landwirtschaft genauer festmachen liesse.

Doch der Entwurf einer neuen globalen Agrarordnung ist nicht das Ziel des Buches. Es strebt danach, in den Befindlichkeiten und Denkweisen von Landwirten, Nutztierhaltern und Umwelt- oder Tierschützern Konsenschancen zu finden. Dazu wagt es sich an das Unterfangen, aus der Vielzahl von agrartechnischen Machbarkeitsphantasien einerseits und ökologischen Weltrettungsvisionen andererseits die zweckvollen Werte und Ansprüche herauszuschütteln. Dass sich dabei, trotz aller Sorgfalt und allem Pragmatismus, zwischendurch mal eine Ungereimtheit manifestiert, ist unausweichlich. Hier hilft jene von Jan Grossarth empfohlene und vermittelte Fertigkeit, die wir als eine weitere wesentliche, konstruktive Botschaft des Buches erkennen: Die Kunst, Uneindeutigkeit zu ertragen, ohne darüber in Gleichgültigkeit zu verfallen.

 Rezension: Sacha Rufer

 

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