Buch «Evolution»

Buch «Evolution»

Eine kurze Geschichte von Mensch und Natur

Wie wurde der Mensch, was er heute ist... und was ist er überhaupt? Das neue Buch von Josef H. Reichholf erläutert uns die Mechanismen und Entwicklungsstränge der grossen Evolution des Lebens im Umfeld der kleinen Evolution des Menschen. Es trieb uns dabei gelegentlich ein paar kritische Runzeln auf die Stirn - und bereitet uns gleichwohl viel Freude.

Autor Josef H. Reichholf / Johann Brandstetter (Ill.)
Verlag Carl Hanser Verlag
Umfang 238 Seiten
ISBN 978-3-446-24521-1
Preis Fr. 31.90 (UVP)

 

Dass ein Buch über Evolution mit seinen Erörterungen beim Menschen startet, das ist auch unter Jugendbüchern – wie diesem - ungewöhnlich. Üblicherweise beginnen sie ihre Darstellung von vorn, bei Genen und Zellen, oder dann, abstrakter, bei den grundlegenden Mechanismen von Variation und Selektion. Doch so sehr uns der gute alte Ordnungsgeist von der Richtigkeit solchen Vorgehens überzeugen möchte: Die Entscheidung des Evolutionsbiologen Josef H. Reichholf, die ganze Geschichte einmal anders aufzuzäumen, bewährt sich bestens. Sie mausert sich sogar zum durchschlagenden Qualitätsmerkmal. Denn indem der Autor durchgehend nach der Relevanz der Evolutionslehre für unser Selbstverständnis und unsere aktuellen Herausforderungen im Umgang mit der Umwelt fragt, wird sie uns auch in der ihr gebührenden Bedeutsamkeit einsichtig.

Erst einmal gewinnt sie aber hauptsächlich an Anziehung und Nachvollziehbarkeit. Die Frage, die sich als ein Bogen über das flüssig erzählte Buch spannt - warum wir Menschen nicht zur Abwechslung einfach mal nett zueinander sein können - dürfte sich so manchen von uns schon einmal gestellt haben. Sie in ihrem evolutionären Kontext beantworten zu wollen, birgt die Fussangeln des Sozialdarwinismus. Josef H. Reichholf begibt sich in diese Gefahr, wenn er im ersten Teil seiner Ausführungen (in dem er die biologische Herkunft, die anatomischen Spezialisierungen und die frühen Wanderungen des Menschen erläutert) eine evolutionäre Rechtfertigung unserer Neigung zu Fremdenfeindlichkeit, Krieg und Chauvinismus nicht leichtfertig abweist. Er kann ihr dann aber auf seinem anschliessenden Weg durch die erweiterte Evolutionsgeschichte umso redlicher und überzeugender begegnen, indem er neben den evolutionären Triebkräften der Konkurrenz jene der Kooperation in Stellung bringt. Diesen unseren kooperativen Fähigkeiten zu Kommunikation, Toleranz und der Überwindung von Angst forscht er im dritten Teil nach, in welchem er auch nach einem gangbaren, menschenmöglichen Weg in eine friedlichere und nachhaltigere Zukunft fragt. Bei alledem entflieht ihm der titelgebende Gegenstand nie - anhand spannender Fragestellungen und anschaulicher Beispiele lernen wir die Evolutionslehre als ein ungemein reizvolles Forschungsfeld kennen und verstehen.

Nun hat Josef H. Reichholf im Laufe seines neugierigen Forscherlebens einige in Fachkreisen umstrittene Thesen und Ansichten formuliert. Dieser gewahr, konnten wir es nicht unterlassen, ihrer Fährte im Rahmen dieses Lehrwerks nachzuspüren. Wir fanden sie dann auch – gleich neben dem uns ebenfalls bereits vertrauten, gesunden Selbstvertrauen des Biologen, welches beispielsweise zwei seiner eigenen Bücher in die Literaturverweise setzt. Das ist, auch in würdigender Kenntnis der Unerreichbarkeit einer absoluten Objektivität, der Erwähnung wert. Immerhin sollte ein Schullehrbuch zur Evolutionslehre (und diesem Unterrichtszweck neigt sich das Werk in Akzentsetzung und Gestaltung zu) keine "Evolutionslehre nach Reichholf" vermitteln.

In der grossen Überschau des Buches liegt uns diese Besorgnis jedoch nicht schwer auf. Zum einen, da Lernen nach unserem Verständnis unvermeidlich ein wiederholtes Ausbrechen aus Vereinfachungen oder liebgewonnenen Betrachtungsweisen bedeutet. Genau dieser Fertigkeit gibt das Buch Vorschub, indem es in herausragendem Mass die weiterführende Wissbegier weckt und somit keine vermeintlich unanfechtbaren Tatsachen zementiert, sondern sich kritischer Ausforschung öffnet. Zum andern, weil Johann Brandstetter es illustriert hat. Reichhaltig und wunderschön illustriert! Das ist, als Relativierung inhaltlicher Kritik, kein besonders stichhaltiges Argument. Wir bestehen aber darauf, dass es in jedem anderen Belang eines ist. Und wir wagen eine Voraussage: Sollte es das Buch in die Klassenzimmer schaffen, so wird es eines jener seltenen Bücher sein, die sich am Ende der Schulzeit nicht aus Erinnerung und Buchregal verflüchtigen.

 Rezension: Sacha Rufer

 

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