Buch «Die neuen Wilden»

Buch «Die neuen Wilden»

Wie es mit fremden Tieren und Pflanzen gelingt, die Natur zu retten

Fred Pearce gilt als einer der international einflussreichsten Umweltjournalisten. Dieser Ruf kommt nicht von ungefähr. Er neigte stets zu gewissenhafter Recherche, und er erarbeitete sich im Laufe der Jahre einen breiten Fundus belastbaren Fachwissens, die er dann ein ums andere Mal in die Form kurzweiliger und hilfreicher Bücher zu pressen verstand. Dies gilt auch für sein neuestes Werk, in dem er sich einer kontroversen Fragestellung annimmt. Sie lautet: Sind Neuzuzüger in bestehende Ökosysteme - Neophyten und Neozoen - böse?

Autor Fred Pearce
Verlag oekom verlag
Umfang 330 Seiten
ISBN 978-3-86581-768-6 
Preis Fr. 27.90 (UVP)

 

Der Konflikt flackert schon eine ganze Weile im Hintergrund der Umweltdebatte. In letzter Zeit zeigen sich die Fronten zunehmend verhärtet, der Ton verschärft sich. Da zeihen die einen, vom alternativlosen Nutzen einer heimischen Flora und Fauna überzeugt, die anderen, kulanteren, des charakterlosen Leichtsinns. Umgekehrt findet sich mancher wohlmeinende, engagierte Pflanzen- und Tierschützer plötzlich von seinesgleichen als Fremdenhasser oder Ökofaschist verunglimpft. Fred Pearce nimmt von solchen Emotionalisierungen geflissentlich Abstand, während er sich der Ehrenrettung der "Fremden", der Zugewanderten und "Invasiven" widmet. In anschaulicher Erzählung durchleuchtet er die vorhandene Datenlage bezüglich des Schadens und Nutzens dieser Eindringlinge. Dabei stellt er fest, dass die nüchterne Faktenschau keineswegs so eindeutig zur Dämonisierung der Neuzuzüger taugt, wie die Invasionsökologie uns lehrte. Das gesamte Urteil zur Sachlage, so stellt er fest, basiert stärker auf Parteilichkeit und eindimensionalen Studienkonzeptionen als auf objektiver, längerwährender Beobachtung.

Fred Pearce schreibt sein Buch als ein 'Bekehrter' - also als einer, der einstmals die zunehmende Migration von Tieren und Pflanzen als ein hohes ökologisches Risiko einschätzte und sich indessen eines besseren belehrt sieht. Als solchem ist es ihm möglich, die Gedankengänge und Sorgen all jener Naturschützer versöhnlich nachzuvollziehen, die hier ihr Wertgefüge jählings über den Haufen geworfen sehen, und dabei doch klar Position zu halten. Pointiert hinterfragt er das Weltbild, das biologische Spezies nach erwünschten und schädlichen zu ordnen trachtet. Weitergehend legt er dar, wie wir von der Vorstellung einer "Harmonie in der Natur" ebenso Abschied nehmen sollten wie von den Idealbildern einer ursprünglichen, vom Menschen unberührten Wildnis. An Stelle der Idee eines inhärenten Gleichgewichtsstrebens der Evolution empfiehlt er ein realistischeres Bild der Natur als einer Sphäre steten, unvermeidbaren Wandels.

Das alles dient ihm keineswegs als eine Rechtfertigung zur Preisgabe von Naturschutzbemühungen oder des Artenschutzgedankens. Er plädiert, im Gegenteil, für eine erweiterte Wertschätzung von "Wildnis". Er meint damit jene neu entstehenden Wildnisse, deren zwar uneingeladene, aber produktive Neubesiedler die städtischen Brachen, ausgemergelten Agrarlandschaften und malträtierten Küstenstriche aufwerten – eine Aufwertung, wie er betont, nicht nur im ästhetischen, sondern durchaus auch im ökologischen Sinn. Die Zuwanderer zu verachten und zu bekämpfen, so befürchtet er, ist nicht nur weitgehend aussichtslos, sondern kontraproduktiv. Im Gegenzug entwirft er das beherzte Modell eines systemischen Umweltschutzes, der mit Vertrauen in die regenerativen Kräfte der Natur eben diesen regenerativen Kräften Raum lässt. Er strebt eine Umorientierung unserer diesbezüglichen Ideen und Lösungsentwürfe an: Weg von der Vorstellung der Natur als Patient, hin zu ihrer Anerkennung als Arzt.

Ob sich die verfemten "Fremden", der Riesenbärenklau, der Japan-Knöterich oder die Zebramuschel auf lange Sicht zerstörerisch oder gedeihlich auf unsere Umwelt auswirken werden...? Diese Sorge sehen wir, als in der Frage derzeit noch Unentschlossene, von dem Buch nicht jenseits unserer Zweifel beruhigt. Doch dass mit ihrer Bekämpfung hauptsächlich symptomatische Kosmetik betrieben, während an den Ursachen ihrer Ausbreitung - Klimawandel und fortgesetztem Raubbau - nur zaghaft gerüttelt wird: Diesen Rempler müssen wir uns gefallen lassen. Auch seiner Kritik an "konservativen", da konservierenden Umweltschutzentwürfen pflichten wir bei – umso mehr, da er uns diese mit einem motivierenden Gegenentwurf versüsst.

Fred Pearce zwingt in seinem Buch einen der aktuell bedeutsamsten - und emotionalsten - Umweltdispute auf die sachliche Ebene zurück, trägt die verfügbaren Fakten und Kenntnisse zusammen und stösst die essentiellen Fragen an, die zur zweckvollen Entscheidungsfindung noch zu klären sind. Es wird die Debatte um die angezeigte Verfahrensweise mit Neobiota vorerst nicht beenden. Doch es ist das Buch, das man vor der nächsten eigenen Beteiligung an dieser Debatte mit Vorteil - und beträchtlichem Gewinn - gelesen haben sollte.

 Rezension: Sacha Rufer

 

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