Buch «Neben uns die Sintflut»

Buch «Neben uns die Sintflut»

Man kann sie Externalisierung nennen; die kapitalistische Gewohnheit, die Kosten auszulagern und die Renditen einzustreichen. Man kann sie auch Ausbeutung nennen. Stephan Lessenich nennt sie Externalisierung. Dies aber nicht, um sie dadurch unter dem akademischen Schutzschirm der Unverständlichkeit zu begraben, sondern im Gegenteil, um sie uns in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit sichtbar zu machen.

Autor Stephan Lessenich
Verlag Hanser Berlin
Umfang 223 Seiten
ISBN 978-3-446-25295-0
Preis Fr. 26.90 (UVP)

 

Angesichts der kapitalistischen Praxis der Auslagerung und Abkoppelung von Schäden und Kosten (und der sich damit vertiefenden globalen Ungerechtigkeit) drängt sich immer deutlicher der Schluss auf, dass es uns so gut geht nicht obwohl, sondern weil es so vielen anderen schlecht geht. Da mag uns eine leise Verzweiflung überkommen. Die Umweltschäden, die drangsalierten Kinder, die Armut sind uns ja nicht egal. Doch was können wir machen? Stossseufzer

Ein erster, wichtiger Schritt wäre es, erklärt Stephan Lessenich, uns dieser ungemütlichen Tatsache bewusst zu bleiben – und sie nicht, von der Abwesenheit einer einfachen Lösung erschreckt, sogleich wieder zu verdrängen. Deshalb führt er uns in seinem Buch unbeschönigt vor, wie das so läuft mit der Externalisierung. Wie es uns beispielsweise gelingt, die Umweltzerstörung hierzulande einzudämmen, indem wir sie in den globalen Süden auslagern. Wie wir uns des preisgünstigen Zugangs zu Ressourcen versichern, indem wir überwiegende Teile der Menschheit in Armut halten. Wie wir uns ob unserer weltläufigen Mobilität begeistern, aber dann, kaum werden "die anderen" mobil, die Zugbrücke hochziehen. Oder wie wir schliesslich, zur Entstörung des Konsumtraums, "digitale Putzkolonnen" dazu abkommandieren, die anstössigen Bilder der zerstörerischen Armut und der damit einhergehenden Gewalt aus dem Internet zu entfernen – die zerhackten Küken, geschundenen Prostituierten, nackten Mädchen nach dem Napalm-Angriff.

Stephan Lessenich erläutert uns das nicht als Ökologe oder Ökonom, sondern als Soziologe. Als solcher setzt er seinen Schwerpunkt darauf, uns die Praxis der Externalisierung in ihrem weltgesellschaftlichen Zusammenhang einsichtig zu machen – als ein Produkt von Machtverhältnissen und als Ausdruck der Verstrickung von politischen mit wirtschaftlichen Interessen. Er dokumentiert, wie unsere Externalisierungsgesellschaft – aller Rede von der verbindenden Kraft der Globalisierung zum Trotz – beständig ein sich immer wieder verschiebendes "Aussen" schafft, wohin sie all die ruinösen Schulden ihres Lebensstils ausführt. Er legt den Finger auf die selbstverstärkenden Mechanismen dieses unfairen Tauschs – und führt uns dann vor, wie wir es dabei noch unverdrossen hinbiegen, ihn als eine Form der Wohltätigkeit vorzuführen. Diese Systematik der Ausbeutung präsentiert er uns nicht vorrangig als das Verbrechen unethischer Konzerne oder des notorischen "Einen Prozents" (obwohl er natürlich auch dazu sein Teil anzumerken hat). Er zeigt uns auf, wie wir, wir alle, unseren aktiven Teil zu ihr beitragen.

Sein Buch ist also nicht dazu angetan, die im Eingang dieser Rezension behauptete leise Verzweiflung zu mildern. Das ist es auch nicht in seinem Tonfall. Stephan Lessenich wechselt fast schon rhythmisch zwischen nüchterner Analyse, hintergründiger Ironie und beissendem Sarkasmus. Da mag man es etwas aufgesetzt finden, wenn er – nachdem er uns über bald zweihundert Seiten in ethische Nöte stürzte – letztlich erklärt, er hebe den Zeigefinger nicht zur moralischen Ermahnung, sondern eben um zu zeigen. Umso mehr, da er dann die grundlegende Mahnung seines Buches gleich nochmals verdeutlicht: Dass nämlich die Zeiten der sorglosen Externalisierung sichtlich an ein Ende kommen und ihre Folgen in fortschreitendem Mass auf uns zurückschlagen – im Zuge des Klimawandels, als Mikroplastik in Wasser, Wind und Nahrung oder in Form von Flüchtlingsströmen.

Stephan Lessenichs Unwillen, uns aus diesem Unbehagen gleich wieder zu entlassen, ist es dann wohl auch geschuldet, dass wir nach seinen Verbesserungsvorschlägen etwas suchen müssen. Doch sie finden sich. Einerseits darin, dass er unser Bemühen um Nachhaltigkeit, bewussten Konsum und freiwillige Solidarität – bei aller festgestellten Tendenz zur Heuchelei – als einen achtbaren ersten Schritt bestätigt... vor einem zweiten, einem dritten... Und weitergehend darin, dass er uns auf die zahlreichen Initiativen und Kooperationen aufmerksam macht, die an der Peripherie unserer wirtschaftlichen Vormacht um demokratische Mitsprache, also um Selbstermächtigung ringen. Dass er diesbezüglich nicht konkreter wird, kann man bedauern. Doch einerlei, ob man sein Buch nun als konstruktiv wertet oder als pessimistisch, ob man sich von ihm überfahren fühlt oder aufgeklärt oder inspiriert; es ist vor allem eines. Es ist ein nötiges Buch.

 

Rezension: Sacha Rufer


 

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