Buch «Rettet die Nacht!»

Buch «Rettet die Nacht!»

Die unterschätzte Kraft der Dunkelheit

Die nächtliche Draufsicht auf unser Abendland aus dem Orbit gibt preis: Wir Europäer sind ein ziemlich helles Völkchen. Das ändert aber leider nichts daran, dass wir den Wert der Nacht für unsere Gesundheit, unsere Ökosysteme und unser Seelenleben offensichtlich nicht recht durchschauen. Die Vollbeleuchtung scheint uns das nicht zu erleichtern. Jetzt versucht es dieses Buch.

Autor Mathias R. Schmidt / Tanja-Gabriele Schmidt
Verlag Riemann Verlag
Umfang 255 Seiten
ISBN 978-3-570-50199-3
Preis Fr. 29.90 (UVP)

 

Sie ist eines, vielleicht sogar das meistunterschätzte menschengemachte Umweltproblem: Die Lichtverschmutzung. Auch uns hier gleitet sie immer wieder längere Zeit aus dem Fokus, bevor wir dann - meist vor Weihnachten - wieder einmal ein Artikelchen dazu veröffentlichen. Daran, dass sie wenig augenfällig wäre, kann es nicht liegen: Nacht für Nacht prangen unsere Städte, Dörfer und Autostrassen in prächtigem Glanz. Verdrängung also, oder schlichte Gewohnheit? Vielleicht, aber wohl noch mehr. Das Ehepaar Schmidt erkundet in ihrem Buch die schröcklichen Dunkelstunden in einem interdisziplinären Rundumschlag über Biologie, Medizin, Ökologie, Technik, Kultur- und Kunstgeschichte bis in die zeitgenössische Umweltpolitik.

Da ist dann erst mal festzuhalten: Licht ist ja nichts Schlechtes. Wer einmal nachts allein im dunklen Wald steht, sieht die menschliche Vernarrtheit in Feuer und Helligkeit rasch ein. Ach, wie tröstlich ist das Lichtlein, das da plötzlich durch die Blätter blinkt: Lasst uns unbedingt darauf zugehen! Dumm nur, dass das Insekten, Fische oder Zugvögel aus verschiedenen Gründen ganz ähnlich halten, und dumm ausserdem, dass auch wir Menschen auf regelmässige Dunkelphasen geeicht sind. Den Einstieg in das Buch bilden deshalb Einsichten in die Chronobiologie und eine konkrete Erörterung des Einflusses der künstlichen Beleuchtung auf unsere Gesundheit. Dem folgt ein informativer Streifzug durch die Kultur- und Technikgeschichte des künstlichen Lichts mitsamt einem Abstecher in die Historie der Himmelsbeobachtung und der modernen Astronomie. Eine kompakte, aber deshalb nicht weniger fundierte Darstellung unseres diesbezüglichen Kernthemas - der besorgniserregenden Einwirkung dieser künstlichen Beleuchtung auf die Ökosysteme - beschliesst dann die erste Hälfte des Buches.

Des Buches, sagen wir, und sollten vielleicht sagen: Der zwei Bücher. Jedenfalls erkundet es in seinem zweiten Teil – der problemlos auch allein stehen könnte – hauptsächlich die Inspirationsmacht der Nacht; bevorzugt an Beispielen der deutschsprachigen Lyrik, aber ebenso an Hand der Malerei, des Romans, des Films und des Comics. Nicht, dass uns das stören würde, geschweige nicht: Die kunstgeschichtlichen Ausführungen, hinter denen wir die Federführung der Literaturwissenschaftlerin Tanja-Gabriele Schmidt erahnen, geben den lebhaftesten Eindruck davon, weshalb wir Menschen die oft geschmähte Nacht wertschätzen könnten über die abstrakte Besorgnis um unsere Umwelt hinaus. Mag sein, dass es daran liegt, dass wir berufsbedingt mit diesen schöpferischen Aspekten des Themas seltener in Berührung kommen, doch wir halten diesen Teil des Buches für den inspirierendsten und der Sache förderlichsten. Einfach, weil er uns verführerisch aufzeigt, dass ein gelegentliches "Licht aus!" nicht zwangsläufig in öde Fortschrittsverweigerung münden muss.

Die Klammer schliesst sich schliesslich wieder, wenn zum Abschluss die Probleme der Lichtverschmutzung noch einmal in ihrem aktuellen politischen Bezug erörtert werden und sich die Möglichkeiten ihrer Verminderung dargelegt finden. Da lernen wir dann, dass die energieeffizienten LED-Leuchten leider einen recht beachtlichen Rebound-Effekt zeitigen, indem sie noch strahlendere Beleuchtung noch erschwinglicher machen. Wir lernen aber auch an einem konstruktiven Beispiel, wie sich ein korrigierendes Bewusstsein um den Lichtsmog herstellen lässt. Mit seinen zahlreichen Interviews, seiner übersichtlichen Textgliederung und seiner zugkräftigen Sprache ist das Buch von Mathias R. und Tanja-Gabriele Schmidt ein sachlich ambitioniertes, dabei jedoch höchst zugängliches und vielseitig anregendes Lesebuch. Eines, das wir unserer Leserinnenschaft mit Nachdruck auf den Nachttisch wünschen würden, wenn das nur nicht so verflixt kontraproduktiv wäre. Macht nichts: Lesen Sie es halt einfach bei Tag.

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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