Buch «Verschwendung»

Buch «Verschwendung»

Wie aus Nahrung Abfall wird

David Evans erforscht die Ursachen der Lebensmittelverschwendung in unseren westlichen Haushalten. Er stösst dabei auf bislang wenig beachtete Erklärungen und neue Ansätze, wie der Nahrungsabfall im eigenen Haushalt minimiert werden kann.

Autor David Evans
Verlag Konrad Theiss (WBG)
Umfang 192 Seiten
ISBN 978-3-8062-34947
Preis Fr. 24.90 (UVP)

 

Wie aus Nahrung Abfall wird? Kein Problem. Wir greifen uns ein Bündel Radieschen, fassen die Mülltonne scharf ins Auge, holen aus... Aber lassen wir den Blödsinn. Die Verschwendung von Lebensmitteln ist zu Recht eine derzeit vielbeachtete Problemstellung. Dabei wird jedoch schnell einmal die Moralkeule geschwungen, und in logischer Folge sind auch die Übeltäter rasch ausgemacht: Es sind die anderen. Die Reichen, die Armen, die Städter, Undankbaren.... Da der britische Nachhaltigkeitsforscher David Evans sich keinem dieser punktuellen Befunde anschliessen mag, ja sich nicht einmal selbst aus der Riege der Lebensmittelverschwender vollständig subtrahieren kann, lässt er die Moralkeule lieber im Sack und untersucht stattdessen die genaueren Mechanismen, die das mit klarer Verzehrsabsicht eingekaufte Radieschen schliesslich der Müllabfuhr überantworten. Er folgt dazu einer vielfältigen Auswahl seiner Landsleute beim Einkauf und in die Küche, sitzt mit ihnen zu Tisch, beobachtet sie in ihrem Tagesablauf.

Ein erster Schluss, der sich ihm aufdrängt, ist, dass es keineswegs in erster Linie mangelnde Wertschätzung ist, die hinter der Lebensmittelverschwendung im Haushalt steht. Stattdessen beobachtet er Prozesse, die nahelegen, dass hinter der vermeintlichen Achtlosigkeit und Dekadenz eine Reihe von - persönlichen und gesellschaftlichen – Zwängen und Ängsten stehen. Beispiel: Mutter kauft Gemüse. Die gesellschaftliche Konvention (und ihr eigener Wunsch) diktieren, dass sie ihre Söhne vielseitig und gesund ernährt. Ergo kauft sie drei verschiedene Gemüse, von denen sie im besten Fall zwei auch auftischen wird. Sie kauft sie ausserdem in einer vom Supermarkt angebotenen Menge, die ihren Bedarf übersteigt.

Es ist nun nicht David Evans Absicht, uns zu bedauernswerten Opfern unüberwindbarer Instinkte oder profitgieriger Konzerne zu küren. Er meint aber, dass die bisherigen Bemühungen, die Abfallmengen zu reduzieren, suboptimal ausfallen, da sie solche Konventionen und Motivationen verkennen. Auf jeder Station des Lebenswegs unseres beispielhaften Bündels Radieschen entdeckt er in der Folge Möglichkeiten und Verhaltensmodifikationen, es vor einem kläglichen Ende in den Flammen der Müllverbrennung zu bewahren. Manche davon sind hierzulande bereits umgesetzt. Wir würden etwa behaupten, dass die Grünabfuhr sich bei uns schon breiter etabliert hat, als es offensichtlich in der Umgebung von Manchester der Fall ist. Ebenso halten unsere Grossverteiler und Märkte bereits verschiedentlich kleinere Packmengen bereit. Das hilft uns aber leider nicht aus der Schlinge, dass auch wir Schweizer weiterhin Lebensmittel in unakzeptabler Grössenordnung fortwerfen. Ein diesbezüglicher Grund könnte in einer weiteren Beobachtung David Evans liegen: Dass es nämlich paradoxerweise oft das Gebot der Sparsamkeit sei, das uns zuviel einkaufen lasse. Wie das? In der einen Ecke: Das Aktions-Dreierpack appetitlicher Spinat-Riccota-Tortellini. In der anderen Ecke: Der Unwille, heute schon wieder Tortellini zu essen. Aaaand: Fight!

Dieser Zusammenhang ist Ihnen auch schon mal aufgefallen? Nun ja: Zu behaupten, dass alles, was uns David Evans aus seiner Untersuchung an Erkenntnissen und Verbesserungsvorschlägen auf persönlicher und politischer Ebene herauskristallisiert, revolutionär sei, wäre gewiss übertrieben. Ebenso wäre es überzogen, anzukündigen, seine Tour durch die Privathaushalte sei nervenzerreissend spannend. Sie verleiht aber der Aufarbeitung seiner Forschungen und Schlussfolgerungen Lebendigkeit und Fasslichkeit. Sein flüssig erzähltes und angenehm vorwurfsfreies Buch bietet uns eine Vielzahl von Anhaltspunkten zur kritischen Selbstbeobachtung. Die üblichen Verhaltensgebote zur Vermeidung von Essensabfällen werden dadurch nicht ausgehebelt, sie werden aber durch so manche konstruktive Idee zu einer zweckvollen (und wenig aufwändigen) Verhaltensänderung ergänzt.

 

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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