Buch «Stress and the City»

Buch «Stress and the City»

Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind

Menschen bauen Städte. Sie tun das schon lange, und meist tun sie es einfach... irgendwie. Manchmal so, dass diese Städte der eigenen Gesundheit abträglich sind. Mazda Adli zeigt uns in seinem bemerkenswert packenden Buch, woran das dann genau liegt, und wie wir es besser machen können.

Autor Mazda Adli
Verlag C. Bertelsmann
Umfang 383 Seiten
ISBN 978-3-570-10270-1
Preis Fr. 26.90 (UVP)

 

Wenn wieder einmal die Sprache darauf kommt, dass immer mehr Menschen weltweit in die Städte ziehen, so geschieht das üblicherweise in einem besorgten Unterton: Als wäre damit der Verelendung der Menschheit ein unausweichlicher Pfad bereitet. Das mag manchenorts auch tatsächlich so scheinen. Doch im Allgemeinen sind unsere Städte im kulturellen und sozialen ebenso wie im ökologischen Sinn ein zukunftsfähiger Lebensraum. Um sie uns lebenswert zu erhalten (oder erst einmal zu machen), bedarf es nur einer inspirierten Stadtplanung und -verwaltung. Wobei dieses "nur" - zugegeben - einer sträflichen Unterschätzung der Komplexität der damit anfallenden Aufgaben nahekommt.

Der Berliner Stressforscher Mazda Adli hat mit seiner Fachdisziplin ein vorzügliches Werkzeug zur Hand, um diese Komplexität kundig und verständlich zu durchdringen. Das Bild vom hastenden, gestressten Städter mag ein Klischee sein, doch tatsächlich bergen Städte eine Menge Stressoren, die sich dem ländlichen Einsiedler seltener aufzwingen. Verkehr, Lärm, das gedrängte Nebeneinander vieler Menschen und Kulturen und damit die sozialen Verunsicherungen oder die sprichwörtliche Anonymität der Grossstadt gehen auch der eingefleischtesten Städterin zwischendurch auf die Nerven. Sie sind damit mindestens genauso gesundheitsrelevant wie Luftverschmutzung oder das Niessen im vollen Bus. Wie genau - was uns an Städten also im Einzelnen körperlich und psychisch krank machen kann - zeichnet er uns in seinem Buch in globaler Perspektive nach. Er legt dabei einen expliziten Schwerpunkt auch auf die Wirkungen der städtischen Reizflut und Stressfaktoren auf unser Gehirn und zeigt anschaulich auf, wie sie dort messbare Spuren hinterlassen.

Dabei geht es ihm jetzt aber nicht darum, uns die Stadt abspenstig zu machen. Mazda Adli nimmt damit nur die Herausforderung und Dilemmas ernst, vor die das urbane Leben uns stellt, um darauf dann glaubwürdig seine Argumente zu bauen, weshalb die Stadt doch gut für uns ist. Im Folgenden spürt er deshalb den möglichen Visionen und Lösungen einer Stadtplanung kritisch nach, die helfen, gesunde und lebenswerte Strukturen zu schaffen. Er hebt dabei jene kulturellen und zivilisatorischen Begabungen hervor, die gefördert werden sollen: Toleranz, Partizipation und Flexibilität ebenso wie Kompetenzen betreffs Mobilität oder auch des Umgangs mit dem zwischenzeitlichen Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-Sein. In fachlicher Hinsicht stützt er sich dabei auf aktuelle Studien, Statistiken oder eindrucksvolle Experimente und hält dann regelmässig Rücksprache mit Expertinnen der verhandelten Themen in Form kurzer Interviews. Das weiss er dann, auf persönlicher Ebene, aufzuheitern durch Erlebnisse und illustrierende Anekdoten aus dem eigenen Erfahrungsschatz. Als ehemaligem Migrantenkind und bemerkenswert polyglottem Stadtbewohner ist ihm dieser reich und kontrovers gefüllt.

Dass er dabei, als Psychiater, vordringlich auf medizinische und neurologische Belange und damit auf die Menschen im Stadtbild fokussiert, ist begreiflich und seiner Sache dienlich. Dennoch wollen wir nicht verschweigen, dass seine Entwürfe unsere speziellen Ansprüche noch nicht ganz befriedigen. Die Durchdringung des städtischen Lebensraums auch durch nichtmenschliches Leben, seine Funktionen als Ökosystem und als Erfahrungsquelle der menschlichen Einbindung in die grösseren ökologischen Zusammenhänge finden sich höchstens kurz angetippt. So drängte sich uns dann verschiedentlich der Verdacht auf, dass die vorgestellten Visionen und Gestaltungsvorschläge einem fortschreitenden Anthropozentrismus eher förderlich als hinderlich wären.

Wir wollen diesen Einwand nun aber gewiss nicht überstrapazieren. Mazda Adlis Buch gelingt es, die meist als abgehoben, dem eigenen Handlungsvermögen allzu fern scheinende Thematik einer nachhaltigen Stadtplanung dem Laien fassbar und bedeutsam zu machen. Es füllt damit eine schmerzliche Lücke und ermächtigt uns zu genau dem, was die Zeichen der Zeit uns als eine Aufgabe vor die Nase setzen: Zur informierten und differenzierten Teilhabe betreffend der Gestaltung unserer urbanen Gemeinschaften. Mazda Adli rechtfertigt damit einerseits die von ihm mitbegründete interdisziplinäre Neurourbanistik als eine zweckmässige Hilfestellung. Er tut das überdies in einer belebenden und kurzweiligen Weise, die sein Buch dem breitesten Publikum zugänglich und relevant macht. Genau diesem möchten wir es deshalb herzlich empfehlen.

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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