Buch «Der Gesang der Bäume»

Buch «Der Gesang der Bäume»

Die verborgenen Netzwerke der Natur

Wer sich für die Natur, für ökologische Zusammenhänge, für Pflanzen und Tiere und ihre Eigenarten interessiert... Nun, die oder der findet massig vorzüglichen Lesestoff hier in unseren Buchtipps. Wer sich von alledem indessen auch noch bezaubern und poetisch transzendieren lassen möchte, liest ein Buch von David G. Haskell.

Autor David G. Haskell
Verlag Antje Kunstmann
Umfang 320 Seiten
ISBN 978-3-95614-204-8
Preis Fr. 31.70 (UVP)

 

"Der Wald legt seinen Mund auf alle Lebewesen und atmet aus." Dieser Satz steht da auf der ersten Seite des neuen Buches von David G. Haskell, und damit hatte uns dieser dann bereits wieder fest im Griff. Es ist die sinnlichste Beschreibung eines Prozesses, den wir sonst in unserem ökologischen Jargon leichthin als eine "Ökosystem-Dienstleistung" betiteln - als bestünde da eine vertragliche Verpflichtung und nicht ein Grund, vielleicht mal ein bisschen dankbar zu sein. Der Satz ist zudem ein vorzügliches Beispiel dafür, wie der amerikanische Biologe uns Biologie erzählt. Als Poesie nämlich, als eine sich weithin verzweigende, zauberische Komposition, als... ja, als Gesang eben.

Nun werden sich regelmässige Leserinnen unserer kleinen Buchbesprechungen möglicherweise wundern. Äussern wir nicht üblicherweise gelinden Unmut, wenn sich ökologische Sachverhalte ein mystifizierendes Mäntelchen überstreifen oder die nüchternen Fakten unter romantisierenden Beschwörungen begraben gehen? Doch, das tun wir. Und das würden wir auch hier tun, wenn David G. Haskell denn solches betriebe. Er macht aber etwas völlig anderes: Er straft die Aussage Lügen, nach der die Naturwissenschaften unsere Lebensumwelt entzaubert hätten. Wie kein zweiter meistert er es, botanische Details in ihrer inneren Ästhetik darzulegen oder biologische Zusammenhänge aufzudröseln, ohne sie dabei auf klägliche Bruchstücke zu reduzieren. Wenn er sein Ohr an Bäume legt, offenbaren sich ihm zwar keine elysischen Hymnen, aber umso eindrücklicher und unmittelbarer die vieldeutigen Klänge, Resonanzen und geheimen Signale jenes komplexen Beziehungsknäuels, das wir Leben nennen.

Er hält also sein Ohr an Bäume, dieser etwas seltsame David G. Haskell. Seltsam darum, da wir auch nach sorgfältiger Lektüre seines Buches nicht präzise ausmachen können, welche empirisch validierbaren Erkenntnisse er aus diesem seinem gewissenhaften Tun nun zieht. Das ist uns aber ganz egal. Denn während er dieserart nach ausgesuchten Bäumen auf dem amerikanischen Kontinent, in Schottland, Israel und Japan lauscht, schmeckt und tastet, geht ihm ein prächtiges Potpourri an profunden Kenntnissen, behutsamen Beobachtungen und inspirierten Einsichten durch den Kopf. Darin präsentieren sich die Rotesche, der Kapokbaum oder ein Mädchenkiefer-Bonsai weniger als Einzellebewesen denn als Nabel eines Beziehungsgeflechts, als Gabelungen eines ausgreifenden Netzwerks. Dementsprechend greift auch der Autor aus: Nach evolutionären Zusammenhängen, Vogelstimmen, Klimageschichte oder dem sensiblen Kommunikationsgebaren von Menschen an einer New Yorker Kreuzung. Nur um plötzlich wieder abzutauchen ins bedeutungsvolle Detail - dem Tasten einer Wurzelspitze, der Zählung von Plastikmüll an einem Stückchen Strand, der in einem Fossil geborgenen Erd-Geschichte. Wir beobachten mit ihm einen sturmgefällten Baum in seinem vor Leben sprudelnden Verrottungsprozess oder erfahren, wie die Haselnuss die Ausbreitung des Menschen nach Nordeuropa begünstigte. (Nein, nicht als Rollmaterial.) Seltsam auch - mehr im Sinne von selten jetzt -, wie aus dieser ausschweifenden Erzählweise dann doch ein Buch resultiert, das eine kompakte Botschaft unwiderstehlich zu vermitteln versteht: Die Erkenntnis vom Menschen nicht als Sonderfall, sondern eingegliederten Teil der biologischen Lebensnetze.

Die Stimme, die David G. Haskell uns aus seinem Lauschangriff auf unsere belebte und unbelebte Mitwelt übersetzt, ist bei aller Magie, die sich daraus mitteilt, keine entrückte, sondern eine eigentlich ganz alltägliche. Ein Gegenüber. Das ist es, was er uns mit seinem Ausflug in die reiche botanische Welt beschert, und er tut das dergestalt, dass wir unser Herz daran hängen können. Da kann unser persönlicher umweltpädagogischer Instinkt seine kurz hingeworfene Vision einer objektiven, holistischen Umweltethik auch für etwas verfrüht halten - während unsere westliche Gesellschaft sich doch gerade erst mit den Implikationen der Fragen plagt, ob Mastschweine möglicherweise leiden oder ob unsere Nachkommen ein Recht auf Fischspeisen haben. Es ändert nichts daran, dass sich sein neues Buch schnurstracks an die Seite seines vorherigen begeben hat – und damit auf einen beständigen Spitzenplatz unserer persönlichen Hitliste.

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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