Buch «Hinter dem Horizont»

Buch «Hinter dem Horizont»

Eine Geschichte der Weltbilder

Irgendwann hört er auf, sich zu wundern, jener Wanderer, der jedesmal, wenn er den anvisierten Horizont erreicht hat, einen neuen Horizont sich auftun sieht. Das ist verständlich: Er ist müde, die Füsse tun weh, und sein Blick hat sich derart auf die Horizontlinie verengt, dass ihm die Landschaft um ihn her nicht mehr auffällt. Um ihm Rast zu gönnen und seinen Blick wieder zu öffnen, empfehlen wir ihm das neue Buch von Ernst Peter Fischer.

 Autor Ernst Peter Fischer
 Verlag Rowohlt Berlin
 Umfang 379 Seiten
 ISBN 978-3-87134-182-3
 Preis Fr. 30.30 (UVP)

 

Der bekannte Wissenschaftspublizist und -historiker Ernst Peter Fischer präsentiert sich als gewitzter Kenner sowohl der Natur- wie der Kulturwissenschaften, während er uns durch die Geschichte der menschlichen Weltbilder führt. Ein peniblerer Autor als er hätte sich da erst einmal eine Weile damit aufgehalten, den recht nebligen Begriff des "Weltbilds" nach seinen Vorstellungen zu konturieren. Tatsächlich streift auch Ernst Peter Fischer dieses Unterfangen kurz. Dann aber schreitet er - weniger an Definition als an Anschauung interessiert - sogleich munter hinein in die abenteuerliche Vielfalt unserer Vorstellungen von unserer Welt - beginnend bei der Physik und deren sich wandelnden Aussagen darüber, an welcher Stelle wir unsere Person im grossen Weltenrund, im Kosmos bzw. Universum zu verorten haben. Das leitet ihn flüssig hinüber in die geografischen Belange, wo wir die grossen Entdecker bei ihrer Verschiebung der irdischen Horizonte und Erkundung "neuer Welten" begleiten; immer mit Blick auf die Folgen, die dies in der Möblierung unseres Oberstübchens zeitigte.

Solcherart die erste Umrundung unseres Erdballs abschliessend, startet Ernst Peter Fischer gleich eine zweite - diesmal nicht mehr nach Küstenlinien forschend, sondern nach unserer Vorstellung der in und an der Schöpfung wirkenden Kräfte. Dem Sonnenlauf hinterher verschafft er uns Einblick in die Mythen vom Ursprung der Welt und des Menschen, wie sie sich Japaner und Ewenken, Ägypter und Germanen und Maja erzählten. Der darin sich beweisenden menschlichen Neugier folgt er weiter in Makro- und Mikrokosmos und damit in die Welterklärungen der Wissenschaften der Biologie, Astronomie oder Paläontologie, um schliesslich und folgerichtig wieder beim Menschen anzukommen: Bei unserer Anschauung unserer selbst und der menschlichen Natur. Da klopft er dann unsere Selbstbezichtigungen als "Homo sapiens", "Homo faber" oder "Homo ludens" auf ihre Eignung als Markenzeichen ab.

Sein ambitioniertes Unterfangen bewältigt Ernst Peter Fischer bewundernswert leichtfüssig. Wer in der Schule auch nur beiläufig aufgepasst hat, wird ihm nicht nur problemlos folgen können: Sie wird sich auch keinen Moment langweilen. Das liegt zum Teil daran, dass er nicht nur nach den Horizontlinien fragt - den Scheidepunkten und Umbrüchen unseres Denkens -, sondern auch die Gefilde dazwischen erkundet und uns damit einen lebendigen Eindruck vom Denken, Glauben und Fragen früherer Generationen verschafft. Zum anderen Teil liegt es daran, dass er schlicht ein glänzender Erzähler ist.

So weit, so gut. Item: Da waren Kleinigkeiten, Nadelstiche, die uns zwischendurch immer wieder mal zum Grummeln anregten und die wir auch jetzt nach der Lektüre noch nicht recht einordnen können. Wenn der studierte Biologe Ernst Peter Fischer beispielsweise dem "egoistischen Gen" einen Seitenhieb angedeiht, der sich dann nicht über oberflächliche Semantik hinaus reckt. Oder wenn er die weniger harmonischen Implikationen des karmischen Gedankenguts des Hindu-, Jain- oder Buddhismus leichthin ausklammert. Auch seine abschliessende postman'sche Schelte der digitalen Jugend scheint uns, wiewohl in ihren Kritikpunkten bedenkenswert, wenig beweiskräftig, nur recht fern dieser Jugend. All dies markiert indessen höchstens die Bruchlinien zwischen unserem und des Autors Weltbild. Da er seine persönlichen Einschätzung durchweg kenntlich macht und der Leserschaft damit allen Raum zur Abgleichung offenlässt, bringt uns das nicht aus der eingeschlagenen Spur: Ernst Peter Fischers spannende und bereichernde Tour durch die Weltbilder ungebremst zu empfehlen. Weshalb diese aber für unseren ökologischen Kompetenzbereich relevant ist? Nun... Kaum etwas wird so grundlegend darüber entscheiden, ob wir in unseren Nachhaltigkeitsbemühungen Erfolg haben, als wo wir unsere eigene Position in unserer (Um)Welt verorten – hierarchisch, physisch, metaphysisch. Ernst Peter Fischer versorgt uns dazu mit einem präziseren Lageplan, historischem Fundament und der ermunternden Freude, unsere Weltanschauungen und Wertvorstellungen herauszufordern und zu überprüfen.

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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