Buch «No Man's Land»

Buch «No Man's Land»

Zwischen Utopie und Wirklichkeit verlassener Orte

Der Bildband von Henk van Rensbergen entführt uns in eine Postapokalypse, in der die Tiere und Pflanzen die Domänen der Menschheit gelassen zurückerobern – und lässt uns da dann allein. Wir wollen es darum mal wagen, ihm unsere Sicht der Dinge aufzupfropfen.

 Autor Henk van Rensbergen / Peter Verhelt
 Verlag Knesebeck
 Umfang 191 Seiten
 ISBN 978-3-95728-153-1
 Preis Fr. 69.-- (UVP)

 

So schaut's aus: Zwei Wildkaninchen hocken in der Kanalisation am Fusse einer Anzahl Leiterstufen. Durch die Öffnung in der Decke des betonierten Gangs - dem Ort, an dem die Leiter endet - scheint Licht herein. Eines der Kaninchen schaut hoch zum Licht... Oder auch so: Wir blicken aus dem Fenster eines Gebäudes auf die Fassade des Gebäudes gegenüber. Der Raum zwischen den Gebäuden ist mit jungen Bäumen zugewuchert, so dass der Sonnenschein bereits Mühe zeigt, sich seinen Weg hinein zu bahnen. Und da unten, in den Schatten, streifen drei Hyänen durchs Unterholz...

Der Bildband des belgischen Fotografen Henk van Rensbergen zelebriert die Apokalypse. Wobei... Das so zu sagen, erweckt den falschen Eindruck. Besser: Seine poetischen Fotografien geben uns Ausblick auf die Rücknahme der Welt durch Pflanzen und Tiere. Stille Bilder sind das, die seine Kamera malt, von Menschenbehausungen und Menschenwerk, abwesend von Menschen: Bröckelnde Andenken einer umtriebigen, ausgestorbenen Spezies. Manchmal ist da bei genauem Hinschauen eine Erinnerung an die Erbarmungslosigkeit dieses Sterbens zu erhaschen: In dem Abdruck auf einer Matratze, in durcheinandergeworfenen Gegenständen, in bereitgestellten, ungeöffneten Wasserflaschen. Zumindest spielt unsere Fantasie uns das vor: Henk van Rensbergen selbst nahm auf seine realen Motive des Zerfalls, wie wir erfahren, keinen Einfluss - ausser der sich darin herumtreibenden Giraffen, Eulen, Krokodile natürlich.

In dem Vorwort des bildgewaltigen Bandes sinniert der bekannte Verhaltensforscher Desmond Morris darüber nach, welche Katastrophe die Prämisse der Bilder - die Menschenleere - wohl verursacht hat. Krieg? Pandemie? Umweltzerstörung? Von allem etwas? Und er gibt dringlich zu bedenken, dass wir, bei all unserer selbstgesuchten Entfernung zur Natur und all unseren Erfolgen ihrer Zähmung, doch nie zu ihrer Herrschaft gelangten - dass wir ihr nur Bestandteil und aussortierbares Sujet blieben, in einer Überfülle ähnlich hübscher Sujets. An dieser Demütigung unserer Eitelkeit kämpft sich dann ebenso der Protagonist der eigens für den Bildband verfassten Kurzgeschichte des flämischen Schriftstellers Peter Verhelst ab, die sich dem Band als ein Epilog anfügt. Das Protokoll eines Überlebenden imaginiert uns die Verwirrung und Beunruhigung des Vertreters einer verschwindenden Tierart darüber, wie die Erinnerung an ihn und seine Artgenossen sich im Diffusen auflöst und schliesslich, unzweifelhaft, der ungewissen Obhut anderer Tierarten übergeben werden wird.

Diese Beunruhigung löst auch der Bildband aus – wenngleich nicht auf Anhieb. Erst mal bezaubern uns die sensiblen Tierporträts und die meditative Stille der Kompositionen, gewürzt mit dem gespenstischen Kitzel unserer zeitgenössischen Lust an der Postapokalypse. Keine Alarmglocke schellt, keine ökologische Ermahnung spricht aus den Graffitis an abblätternden Wänden. Doch während Henk van Rensbergen uns tiefer in seine Welt hineinzieht - und das tut er unweigerlich - geraten wir ins Grübeln. Diese Ruhe, beispielsweise: Stellt sie sich für den auf dem Polsterhocker herumlümmelnden Orang-Utan ebenso dar? Oder sind wir es einfach nur gewohnt, den Eindruck von "Lebendigkeit" mit dem Bild von Menschen zu verbinden? Was soll das überhaupt, dass uns diese Fotos ästhetisch ansprechen, während uns ihre Prämisse, die Auslöschung der Menschheit, doch eigentlich erschrecken müsste? Der Fotograf hat keine Antworten, stellt uns auch diese Fragen nicht: Er wirft uns nur in jene vielgeliebte, auf die Dauer aber verhasste Abgeschiedenheit, die sich vielleicht, wenn wir mit diesem Pferd da, mit diesem Kaninchen in Fühlung zu treten versuchten, abmildern liesse...?

Mag sein, dass eine anders vorbelastete Betrachterin als wir etwas ganz anderes aus den Bildern zieht. Das darf gerne so sein. Ungerührt lassen werden sie niemanden. In jedem Fall öffnen sie weiten Raum zur Selbstreflexion der eigenen Position in "der Natur". Diese stille Grundpraxis des ökologischen Bewusstseins einzuüben und zu vertiefen: Dafür sind Henk van Rensbergens Bilder - abseits des reichen ästhetischen Genusses - ganz vortrefflich geeignet.

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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