Buch «Berühmte Tiere der Menschheitsgeschichte»

Buch «Berühmte Tiere der Menschheitsgeschichte»

Tiere werden uns eher selten persönlich bekannt; so mit Namen, Wohnort und Pressemeldungen und allem. Elena Passarello schrieb ein Buch über die, die das geschafft haben. Nicht irgendeines. Elena Passarello schreibt dokumentarische Tierprosa in einer Verspieltheit, Intelligenz und Eleganz, wie sie uns seit Jahren nicht mehr auf dem Pult landete.

 Autor Elena Passarello
 Verlag Hanser Berlin
 Umfang 249 Seiten
 ISBN 978-3-446-25858-7
 Preis Fr. 33.10 (UVP)

 

Animals strike curious poses lautet der Titel von Elena Passarellos Buch im amerikanischen Original, und wir wundern uns kurz über die deutsche Titelsetzung. Die ist zwar faktisch korrekt; tatsächlich geht es in dem Buch um berühmte Tiere der Menschheitsgeschichte, meistenteils sogar artig in chronologischer Reihenfolge. Doch wir können unsere Empfindung nicht bezähmen, dass uns Elena Passarello hier etwas weit originelleres überreicht als nur eine historische Berichterstattung. Schauen wir mal:

Elena Passarello also. Wir kennen sie nicht, und aus dem Autorinnenbeschrieb lernen wir knapp, dass sie früher mal als Schauspielerin arbeitete (daher vielleicht die poses?) und jetzt an der Universität von Oregon State irgendwas lehrt. Kreatives Schreiben, sagt das Internet. Aber das kann nicht alles sein. Irgendwo in dem Überfluss an Dingen, die wir über sie nicht wissen, muss ein Hinweis darauf verborgen liegen, was sie genauer befähigt, hier jetzt einfach mal hereinzuschneien und ganz fabelhafte Tierprosa zu schaffen. Die sachverständigen Recherchen, von denen uns ihre Bibliografie Zeugnis gibt, werden da sicher eine Rolle gespielt haben. Sie erklären indessen nicht, was daraus dann entstand: Sechzehn prächtige Kapitel - oder was sind es? Essays? Porträts? Konzerte? - in impertinenter Weigerung, sich von uns als dokumentarisch oder literarisch klassifizieren zu lassen. Wilde, aber keineswegs planlose Texte, assoziativ, scharfsichtig und dabei vergnügt herumspazierend in den Fakultäten von Kulturgeschichte, Zoologie, bildender Kunst und Kinderlied. Curious.

Aber zu den Tieren jetzt. Um berühmt zu werden, müssen die einen Umgang mit der Gattung Homo Sapiens pflegen - oder so denken wir uns das wenigstens. Elena Passarello jedenfalls setzt diese Zusammenkunft als eine Prämisse, um darauf aufbauend die Umgangsformen zwischen den Spezies zu erkunden. Die sind, vom Menschen her, manchmal geprägt von Respekt, manchmal von liebevollem oder ergötztem Staunen, meist aber eher rustikal. Um diese sehr unterschiedlichen Reaktionen zu fassen zu kriegen, gräbt die Autorin im historischen und emotionalen Untergrund von Werturteilen und Weltbildern, um ihre Entdeckungen schliesslich gnadenlos ans Licht zu halten: Die Sehnsucht des Menschen nach einem Spiegelbild zu seinen Gunsten etwa. Die unterschiedlichen Ausformungen unserer Besessenheit vom Nutzen, reichend von vernarrter Liebe bis zur leichtfertigen Ausbeutung. Und allemal und leider immer wieder den menschlichen Horror vor der mit gewissenlosen animals angefüllten Wildnis, die allein schon zur Zähmung der eigenen Ängste mit Steinen und Schmach beworfen gehören.

Speziell in den letzteren Fällen grollten wir der Autorin gelegentlich, keine Anstalten zu machen, sich davon beschämt zu zeigen oder sogleich, in unserer Stellvertretung, Abbitte zu leisten. Aber im Nachgedanken tönte es dann stets: Warum sollte sie? Denn so wenig, wie sie uns das abnehmen muss, so sehr zelebriert sie ja, in demselben unbesorgten Überschwang, die jeweils innewohnende Genialität der porträtierten Tiere und schafft Intimität - mit all den diversen literarischen und narrativen Mitteln, die ihr gerade zufliegen. Da kann es dann zwar, während ihre Assoziationen mit den exotischeren Ausläufern ihres Bildungshorizonts herumkaspern, auch mal geschehen, dass sie uns völlig abhängt. Macht nichts, wir müssen nicht alles kapieren. Bis unser Hirn aufgeholt hat, haben wir einfach Spass, wenn sie Spass hat.

Es ist selten genug, dass man im Nachhall eines Buches das Gefühl hat, einer - ist's erlaubt? - Freundin begegnet zu sein. Umso behaglicher ist uns, wenn die es dann schafft, diese Impression auch gleich auf die Gegenstände ihrer Neugier - in diesem glücklichen Fall die Tiere - zu übertragen. Und falls Sie, liebe Leserin, sich fragen, weshalb von diesen Tieren kein einziges im Rahmen dieser Rezension genannt wird? Tja. Wir möchten Sie, bar all unserer gewöhnlich angestrebten Objektivität, ganz schlicht und dreist dazu anstiften, das Buch selbst zu lesen. Falls dazu jetzt doch noch ein Spoiler gesetzt werden soll: Einige der Tiere werden Sie kennen. Andere nicht. Ganz gewiss keines in den raffiniert stimulierenden Zusammenhängen, in denen sie Elena Passarello vor den Griffel liefen. Im Fazit: Strike!

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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