Buch «Die erstaunliche Wahrheit über Tiere»

Buch «Die erstaunliche Wahrheit über Tiere»

Was Mythen und Irrtümer über uns verraten

Von den Erfolgen der Zoologie und Verhaltensforschung wird oft berichtet. Von ihren Misserfolgen seltener. Das tut deshalb nun Lucy Cooke, und ihr höchst amüsantes Buch dürfte dabei auch noch wesentlicheres zu einem zweckvollen Artenschutz beitragen als so manche Erfolgsgeschichte.

 Autor Lucy Cooke
 Verlag Malik
 Umfang 364 Seiten
 ISBN 978-3-89029-476-6
 Preis Fr. 29.90 (UVP)

 

Schon dachten wir, wir seien vielleicht müde geworden. Dass sich vom Stapel der Neuerscheinungen dieses letzten Monats, der sich zu unserer Rechten still und stetig häufte, keine so recht als ein ehrlicher "Buchtipp" aufdrängen wollte: War das ein Zeichen dafür, dass unsere Begeisterungsfähigkeit ganz insgesamt eingeschlafen war? Doch dann traf dieses schöne Buch zur Ehrenrettung verfemter Tiere von der britischen Zoologin Lucy Cooke bei uns ein, und schon mit der Einleitung wurde klar: Nein. Unsere Begeisterungsfähigkeit ist wohlauf.

Die Liste verfemter oder sonstwie abschlägig etikettierter Tiere ist lang. Meist sind es solche, die unserem eigenen, makellosen moralischen Betragen zuwiderhandeln - indem sie etwa über das Verfallsdatum gereifte Kadaver frühstücken oder sich der Liebe hingeben, wo und wie sie nicht sollten. Oft sind es auch solche, die nur einen bedauernswert geringen Teil unserer ästhetischen Vorzüge - oder überhaupt unserer Gliederzahl und Haartracht - teilen. Und gar nicht selten bedarf es nicht einmal dessen, sondern bloss eines Gerüchts, einer fehlinterpretierten Kausalkette oder des Machtworts einer geachteten Autorität, um einer gesamten Tierart die eigentümlichsten Eigenarten anzudichten. Dass etwa Schwalben in Schwalbenknäueln auf dem Grund von Teichen und Flüssen überwintern. Dass Biber sich die eigenen Hoden abbeissen und dem Angreifer entgegen schleudern. Oder dass sich Fledermäuse, lässt man sie nur, mit verdammenswertem Appetit auf hängenden Schinken stürzen werden... All das galt die längste Zeit als respektables Schulwissen, das dann, auf dem Prüfstand, auch immer wieder Anlass zu den abstrusesten Forschungen gab.

Lucy Cooke dringt in ihrem ergötzlichen Buch zu den Wurzeln und Gründen solcher Tiermythen und Irrtümer in Volksglauben, religiöser Mission und Wissenschaft vor. Sie setzt damit den Schwerpunkt für einmal nicht auf die Erfolge der Zoologie, sondern auf ihre zahlreichen Misserfolge, Verfehlungen und Irrwege im Laufe all der Zeit, da Menschen Tiere beobachteten. Sie entdeckt darin viele verräterische Zeugen dessen, wie unsere menschlichen Erwartungen, Vorurteile und Anmassungen unseren Blick auf die Tiere einfärben. Das ist zu meisten Teilen sehr lustig, und das nicht nur auf Grund des Gegenstands ihrer Schilderungen, sondern auch ihrer beschwingten, humorigen Art, sie uns zu präsentieren. Manchmal mag uns indessen auch eine empathische Träne über die Wange rinnen, wenn die Fehlurteile zu ausgesucht sadistischen Experimenten Anlass gaben, oder eine peinlich berührte, wenn sich die Arroganz einer einstmaligen Wissenskoryphäe allzu verstiegene Bahn bricht.

Wobei wir aufgeklärten Heutigen uns nicht zu sicher fühlen sollten. Von all den fehlbeurteilten Tieren pickt sich Lucy Cooke dreizehn charakteristische heraus - auch heutzutage weniger geschmähte wie den Schimpansen, den Aal oder das Faultier. Und während sie in den ihnen gewidmeten Kapiteln einerseits stets ein belangreiches Motiv menschlich-tierischen Begegnungsraums ausleuchtet, schreitet sie andererseits zielstrebig in der Zeit voran. Zunehmend mischt sich in das unbeschwerte Amüsement über die unbedarften Altvorderen ein gelegentliches Zögern der Selbstreflexion: Könnte es nicht sein, dass unsere eigene Werthaltung gegenüber Tieren von ähnlichen Missverständnissen und Mythen geprägt ist - oder sie noch aktiv prägt? Und siehe da, wir werden beim Schliessen des Buches tatsächlich einem oder zweier solcher Fehlurteile begegnet sein. Nur gut, dass wir indessen vorgeführt bekamen, wie auch der bizarrste Irrtum manchmal einen Kern der Wahrheit enthält...

Dieser Anstoss zur Hinterfragung unserer aktuellen Tierbilder und -beurteilungen ist Anlass und Zweck von Lucy Cookes fulminantem Streifzug durch Fauna und Wissenschaftsgeschichte. Sie verfolgt ihn mittels Kurzweil und zielt ihn bewusst auf ein breites Publikum. Denn gerade jetzt, in Zeiten des beschleunigten Artensterbens, können wir uns die Bevorzugung uns genehmer und Geringschätzung aller anderen Tiere immer weniger leisten. Ebenfalls dürfte es von Vorteil sein, die Übertragung unserer moralischen Massstäbe und unseres Aberglaubens auf die Tiere auf ein Minimum zu reduzieren, um uns der Wahrheit ihrer Lebenswelten - und damit ihrem zielgerechten Schutz - sinnvoll anzunähern. Wir mögen es, vor reinem Vergnügen, gar nicht vorrangig bemerken, aber genau dafür gibt uns Lucy Cookes Buch wichtige Werkzeuge und Orientierungen zur Hand.

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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