Buch «Die verlorenen Arten»

Buch «Die verlorenen Arten»

Grosse Expeditionen in die Sammlungen naturkundlicher Museen

Auf ungewöhnliche Pfade führt uns dieses gehaltvolle Buch, während es uns in die Pracht und Vielfalt des Lebens einweist. In Archiven und Sammlungen sucht und findet es verlorene Arten, die nur darauf warten, bestimmt und benannt zu werden.

 Autor Christopher Kemp
 Verlag Antje Kunstmann
 Umfang 282 Seiten
 ISBN 978-3-95614-291-8
 Preis Fr. 34.50 (UVP)

 

Als damals, in den Wiegenjahren der Biologie, die Naturforscher begannen, die lebendige Welt zu vermessen, da taten sie neben nachdenken, beobachten und rumrennen vor allem eines: Sammeln. Käfer, Blumen, Vögel, Gräser, Würmer, Krebse, Pilze... Alles, was sich einigermassen bequem in eine Kiste packen oder ein Herbarium pressen liess, wurde da auch hineingepackt oder -gepresst. Das setzte sich dann über die Wiegenjahre hinaus genau so fort. Da es aber meist schneller geht, etwas zu sammeln, als es dann zu sortieren, zu vergleichen, mikroskopieren, beschreiben und klassifizieren, warten weltweit in den Archiven von naturkundlichen Museen und von Universitäten noch immer Unmengen von Kisten, Schubladen und Herbarien darauf, genauer in Augenschein genommen zu werden. Das nun nicht etwa, weil die Taxonomen chronisch faul wären - sie benennen jährlich etwa 18000 neue Arten -, sondern weil der Reichtum unserer lebendigen Umwelt einfach überwältigend ist. Dort also, in den Winkeln der Archive, in Schränken und unter Stapeln ruhen noch mancherlei unbenannte Arten: Die verlorenen Arten, wie der US-amerikanische Epidemiologe und Wissenschaftsjournalist Christopher Kemp sie nennt.

Auf den Spuren dieser bislang übersehenen Spezies entführt uns der Autor an die weniger gefeierten Arbeitsplätze der Biologie und Ökologie, wo nichtsdestotrotz die faszinierendsten Entdeckungen gemacht werden. Ein Kurzflügelkäfer etwa, gesammelt von einem gewissen Herrn Darwin, falsch zugeordnet in einer Schublade in London. Der Rote Seedrache (stellen Sie sich ein zündrotes Seepferdchen vor (ist aber keines)) in einer Sammlung in Perth; die erste neuentdeckte Seedrachenart seit hundertfünfzig Jahren. Eine brasilianische Riesenfliege; von anderen brasilianischen Riesenfliegen ganz einfach zu unterscheiden an der Form ihres, bzw. seines, Penis. Das sind so einige Fälle, die uns Christopher Kemp detailliert vorstellt, untermalt von einer Fülle an Kenntnissen aus Natur- und Naturwissenschaftsgeschichte, biologischer und taxonomischer Methodik, Evolutionslehre, Verhaltensforschung, an Feldforschungsanekdoten und Forscherinnenporträts. Er bewegt sich dabei, im groben Schwung überschaut, vom Grossen zum Kleinen, vom Wirbeltier zum Wirbellosen, vom Affen zum Fadenwurm. Um dann am Ende wieder beim Grösseren anzukommen: Bei absichtsvollen Kratzspuren auf einer Muschelschale, dort hinterlassen von einem frühen Homo Erectus, dem solcherlei Vandalismus bislang nicht nachzuweisen war.

Diesen Bogen von Pflanze und Tier zum Menschen schlägt Christopher Kemp natürlich mit Vorbedacht. Neben aller bunten und gehaltvollen Wissensvermittlung geht es ihm darum, ein erweitertes Bewusstsein für Artenschutz zu installieren - über Panda und Mammutbaum hinaus. Das tut er, indem er etwa die unterschiedlichsten Antworten auf die Frage gibt, was denn, bitte sehr, der Verlust einer winzigen Spinne, eines lungenlosen Salamanders im grösseren ökologischen Geflecht bedeute? Er bestärkt es, wenn er von der traurigen Arbeit berichtet, einem Tier seinen Namen zu geben, das in freier Natur bereits nicht mehr beobachtet wird. Und er tut es ausserdem, indem er immer wieder aufzeigt, welche höchst ausgeklügelten Lebensstrategien und Fertigkeiten auch der unauffälligste Käfer, die farbloseste Maus zu bieten haben, richten wir nur einmal ein wenig Neugier auf sie. So wird sein Buch auch zu einem Lehrstück dazu, wie die Evolution ihren Erfindungsreichtum ganz egalitär verteilt, unbesehen aller menschlichen Vorlieben betreffs Grösse, Schönheit, Nützlichkeit der Lebewesen. Eine Haltung, deren Aneignung sich betreffs der anstehenden Umweltprobleme als unbedingt notwendig zeigt.

Trotz - oder gerade wegen - all dieser Themenvielfalt und Thementiefe wollen wir das Buch nicht als eine erste Einweisung in die Bezauberung der Lebenswissenschaften und Biodiversität empfehlen. Christopher Kemp schreibt nüchtern, sachorientiert, manchmal ausufernd oder, umgekehrt, sich vergrabend ins Detail. Um ihm unbeirrt zu folgen, bedarf es grundlegender biologischer Vorkenntnisse ebenso wie einer diesbezüglich bereits regen Wissbegier. Dann aber eröffnet sich hier eine wahre Wundertüte an faszinierenden, belangreichen Einsichten und überraschenden Motiven; eine ungemein bereichernde Expedition in die fantastische Lebensvielfalt unserer Welt, wohltuend weit abseits aller ausgetretenen Pfade.

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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