Buch «Schiff oder Schornstein»

Buch «Schiff oder Schornstein»

Hoppla! Gemütlich ist es nicht gerade, was uns Andrea Stift-Laube da mit ihrem Roman an provokativen Fragen zur Beziehung von Mensch und Tier um die Ohren haut. Anregend, fesselnd und bedeutsam ist es umso mehr.

 Autor Andrea Stift-Laube
 Verlag Kremayr & Scheriau
 Umfang 185 Seiten
 ISBN 978-3-218-01154-9
 Preis Fr. 27.50 (UVP)

 

Schiff oder Schornstein: Das sind zwei Tatorte des Umweltaktivismus, an denen tätig zu werden sich Ila nicht zutraut. Ihre Schwester, Franziska, tat das; sich mit einer Nussschale unterm Hintern einem Walfänger in den Weg stellen, sich von Schornsteinen abseilen. Ila kann das nicht, und auch nicht der unglücklich in Franziska verliebte Konstantin. Die beiden dem Umweltschutz- und Tierwohlgedanken doch unbedingt verschriebenen Öko-Aktivistinnen überlegen sich also etwas anderes...

Andrea Stift-Laube schreibt ihren Roman hart geradeaus: Keine Glorifizierungen, keine Gefühlsduselei, nirgends eine wundersame Wendung abseits aller Wahrscheinlichkeit. Beginnend in den Achtzigern verfolgt sie die Leben ihrer zwei Hauptcharaktere Ila und Konstantin bis ins heute, ohne sie hochzustilisieren zum Idealbild oder, umgekehrt, zu gebrochenen Charakteren. Es ist - das sei hier gleich mal kundgetan - diese eiserne Ehrlichkeit, die uns an dem Buch der österreichischen Autorin zuerst beeindruckt. Sie widersteht jeder Versuchung, die schuldbeladenen Kompromisse oder die irrlichternde Wut, die Selbstgerechtigkeit oder niederschmetternde Hilflosigkeit ihrer Protagonisten - die allen aktiv Umweltbewegten bekannt vorkommen dürften - in "grosse Gefühle" zu verwandeln. Umso glaubwürdiger dann, wenn uns die Sorge um die Umwelt, um den Schutz der Tiere als eine Herzensangelegenheit um nichts weniger fassbar entgegentritt. Im selben Masse beeindruckt sind wir von der Vielfalt der Themen, die die Autorin in straffer Erzählung zur Verhandlung stellt.

Die Idee, auf die Ila und Konstantin verfallen, um Tierleid fassbar und relevant aus dem ignoranten Vergessen ans Licht zu zerren, ist die: Sie gründen einen Online-Versandhandel für Katzenfleisch. Katzen, artgerecht gehalten, von Kopf bis Fuss verarbeitet; bestellen Sie jetzt! Als provokative Kunstaktion gestartet, die nach dem Abflauen der Hass-Mails auch wieder eingestellt wird, folgen ihr doch unvorhergesehene Komplikationen. Anderswo auf der Welt hält man das für einen ganz glorreichen Einfall, reif zur Umsetzung, und bemüht sich um die Rechte.

Diese schmerzhaft inszenierte Auseinandersetzung um die Frage, weshalb wir Schweine quälen, Rinder schlachten, Katzen aber mit Inbrunst verteidigen, ist nur die plakativste, in die Andrea Stift-Laube uns wirft. Daneben platziert sie viele weitere Beispiele der ganz gewöhnlichen Grausamkeit gegenüber Tieren und spannt davon Fäden zu all den anderen Umweltproblemen, die die Leben von Konstantin und Ila begleiten und prägen: Raubbau, Atomkraft, Konsumgesellschaft, Klimawandel, usw. Sie macht es sich damit dann aber nicht in moralischer Deutungshoheit gemütlich. In einem Nebenstrang etwa erleben wir, wie obsessive Tierliebe sich zum Schaden der geliebten Tiere entwickelt.

Auch auf der anderen, der menschlichen Ebene setzt uns der Roman in unmittelbarer Aufrichtigkeit dem Schmerz gegenüber. Um Trauer geht es da, um Abschied und um das Ringen darum, loszulassen. So entsteht eine ausserordentlich dichte Erzählung, die uns kaum je fürsorglich an der Hand nimmt. Wenngleich uns die Werte und Weltbilder der zwei Protagonistinnen klar auseinandergesetzt werden, bleiben sie mehr Herausforderung denn Überzeugungsarbeit. Wie sollen wir uns dazu stellen, zu all den Widersprüchen, der Ignoranz und dem kulturellen Kuddelmuddel in der Beziehung von Mensch und Tier? Nur die Feststellung, dass die Beschäftigung damit eine relevante, folgenschwere ist, brennt sich überdeutlich in unser Bewusstsein. Und damit fügt sich Andrea Stift-Laubers Roman zu einer ausserordentlich differenzierten und integren Stimmmeldung, der es dann doch weder an Einfühlung noch an Eindringlichkeit mangelt. Brillant!

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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