Buch «Komisch, alles chemisch»

Buch «Komisch, alles chemisch»

Handys, Kaffee, Emotionen - wie man mit Chemie wirklich alles erklären kann

In Mai Thi Nguyen-Kims originellem und sympathischem Buch geht es um Chemie. Also um alles. Und noch dazu um die meisterliche Verteidigung des wissenschaftlich kritischen Denkens.

 Autor Mai Thi Nguyen-Kim
 Verlag Droemer
 Umfang 255 Seiten
 ISBN 978-3-426-27767-6
 Preis Fr. 23.40 (UVP)

 

Die moderne Mär von der Chemie ist diese: Sie ist schlecht. "Chemisch" ist geradeaus die Antithese von "natürlich" - und dass dem so ist, hat sich die chemische Industrie ja auch zu guten Teilen selbst zuzuschreiben. In allen anderen Teilen sollten wir uns jedoch daran erinnern, dass Chemie schlechthin das Fundament unserer belebten und unbelebten Welt (und unserer selbst) ausmacht. Diese Ehrenrettung möglichst unterhaltsam und allgemeinverständlich zu bestreiten, hat die Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim ihr Buch geschrieben - und verband das dann mit noch so einigem mehr.

Wer Mai Thi Nguyen-Kim bereits von ihrem YouTube-Kanal maiLab oder aus dem TV kennt, weiss, welch hingebungsvolle und glänzende Wissenschaftskommunikatorin sie ist. Dass sie das auch im fliessenden Text trefflich beherrscht, beweist sie uns auf ihrem kleinen Streifzug durch die Alltagsphänomene, der uns profunden Einblick in die verborgene Wunderwelt der Chemie gewährt. Wir folgen ihr da durch ihren ganz gewöhnlichen Tageslauf, vom Tröten des Weckers bis zum geselligen Abendessen, und entdecken dabei beispielsweise, was genau - hormonell und so - vorgeht, während wir aufwachen. Warum der Kaffee ganz von selbst abkühlt. Wie der touch in den Handybildschirm kommt. Wie wir genau zu Tode kommen, wenn uns jemand ins Vakuum des Weltalls schmeisst. Oder warum unsere Gefühle so kompliziert sind - chemisch, und überhaupt. Es gelingt ihr dabei nicht nur, uns über alle Ängste vor kniffligen Fachbegriffen mühelos hinwegzuheben, sondern findet auch noch durchwegs so originelle und intuitive Beispiele, dass uns der Erkenntnisgewinn zu komplexen molekularen, physikalischen und chemischen Phänomenen zum eigentlichen Anschauungsunterricht wird. Ohne dabei - und das ist uns gleich noch ein Lob obendrauf wert - die Materie simplifizierend zu verzerren oder es an nötiger Relativierung mangeln zu lassen.

In unseren Beifall für ihr unterhaltsames Buch mischen sich allenfalls kleinere Irritationen des persönlichen Geschmacks. Dass uns ihr gelegentlicher aufmerksamkeitsheischender Überschwang auf die Nerven gehen könnte, hatten wir aus Vorkenntnis bereits gewärtigt - und fanden diese Befürchtung dann nur angenehm selten bestätigt. Auf einer allgemeineren Note wunderten wir uns zwischendurch über das doch recht fundamentale Basiswissen, das sie einer ausführlicheren Erläuterung für würdig befindet. Aber da wir schlicht keine rechte Ahnung haben, was zur Zeit an naturwissenschaftlichen Grundlagen auf den verschiedenen Lehrplänen steht, wollen wir auch hier nicht allzu laut zum Tadel blasen; den Eindruck, sie halte ihre Leserinnenschaft für blöd, vermittelt sie dabei jedenfalls nirgends. Im Gegenteil traut sie uns auch ausserhalb des chemischen Fachbereichs einiges an Reflexionsfertigkeit zu - und das ist es dann, das ihrem Buch die Empfehlung unter unseren ökoaffinen Buchtipps endgültig sichert.

Mai Thi Nguyen-Kim geht es in ihrem Buch nicht nur um die gekonnte Wissensvermittlung zur Chemie. Die ist schlicht ihre Leidenschaft, an der sie dann wesentliches, weiteres anzumachen versteht. So geht es darin nicht nur um das Periodensystem der Elemente, um Oxidation oder Tenside, sondern im grösseren Rahmen auch stets um den Wissenschaftsbetrieb, um die kritische Beurteilung von Studien oder die Akzeptanz von Ungewissheit. Sprich: Um die wissenschaftliche Methode. Und diese gegen allzu gebräuchlich gewordene Vorurteile zu verteidigen ist wichtig, wollen wir - speziell auch im ökologischen Zusammenhang - zu zielführenden Lösungen gelangen. (Wobei ja gerade auch wir Ökos uns immer wieder mal für idealistische Dogmatik oder gefühlige Faktenresistenz anfällig zeigen.) Mai Thi Nguyen-Kim meistert es vorzüglich, uns die Stärken der wissenschaftlichen Denke einsichtig zu machen, ohne darüber ihre Grenzen kleinzureden. Mit mitreissendem Charme und gutmütiger Besonnenheit straft sie die Rede von der Überheblichkeit und Herzlosigkeit der Wissenschaft Lügen und ersetzt sie durch fidele, bezauberte Neugier. Bitte weitermachen!

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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