Buch «Wütendes Wetter»

Buch «Wütendes Wetter»

Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen, Hochwasser und Stürme

Aus dem Chorus der Veröffentlichungen zum Klimawandel sticht diese heraus: Erst mal in ihrem spezialisierten Fokus auf eine bedeutsame neue Entwicklung in den Klimawissenschaften. Und dann wieder darin, diese Spezialthematik belangreich in die umfassende Diskussion einzubetten.

 Autor Friederike Otto / Benjamin von Brackel (Mitarb.)
 Verlag Ullstein
 Umfang 237 Seiten
 ISBN 978-3-550-05092-3
 Preis Fr. 20.50 (UVP)

 

Sie ist die wohl repetitivste Erklärung, die betreffs des KIimawandels vorgetragen wird; die Richtigstellung, dass Klima und Wetter unterschiedliche Dinge seien. Insbesondere die Klimaleugner scheinen ihr in steter Wiederholung zu bedürfen, aber auch in unverdächtigere Kreise schleicht sich die Verwechslung immer wieder ein und verleitet dann prompt zu unzu(ver)lässigen Schnellschlüssen. Tatsächlich scheint uns die Abstraktion vom Rahmengefüge zum zeitnah Erlebten, von der Bühne zum Theaterstück ganz allgemein nicht leicht zu fallen. Hier auszuhelfen, tritt ein neuer Zweig der Klimawissenschaften an: Die Attribution Science oder Zuordnungswissenschaft, die aus Klimageschehen und Wetterlage ein Päckchen schnürt und uns genauer mitteilt, zu welchen Teilen unsere Wetter - und hiervon vor allem Extremwetterereignisse wie Dürren, Hurrikane oder Überschwemmungen - vom Klimawandel bereits korrumpiert sind. Wie sie das macht, was es uns lehrt und wie's uns nützt, erläutert uns die Klimawissenschaftlerin Friederike Otto in ihrem aufschlussreichen Buch.

Doch erst vielleicht ein Wort der Warnung: Wer, so wie wir, auf die Betonung persönlicher Geltung reizbar reagiert, der oder die knote sich vor Beginn der Lektüre ein paar extra Zentimeter an den Geduldsfaden. Denn zumindest im Start ihres Buches - später verliert sich das - vermag Friederike Otto die Bedeutsamkeit ihrer Wissenschaft mit ihrer eigenen formidabel zu verbinden. In Entsprechung des Rasenden Reporters kreist sie als Wirbelnde Wissenschaftlerin auf Deutungshöhe um die Welt und fällt, ruckzuck, die wichtigsten Entschlüsse. Doch das ändert nun ja nichts daran, dass ihre Arbeit tatsächlich eine bedeutsame ist. Ziel der Attribution Science ist es, den Klimawandel aus seinem Nimbus wabernder Ungewissheiten und wissenschaftlicher Zurückhaltung ins Hier und Jetzt zu holen: Mittels zeitnaher Analysen, wägbarer Daten und handgreiflicher Aussagen. Ebenso unstrittig ist Friederike Ottos Fertigkeit, die Methoden und Anwendungen der Zuordnungswissenschaft begreiflich und höchst anschaulich zu präsentieren.

Die amtierende Direktorin des Oxforder Environmental Change Institute wählt zur Vorstellung der von ihr mitbegründeten Fachdisziplin den ersten Härtefall, an dem sich diese erprobte: Den Hurrikan Harvey, der im August 2017 die Stadt Houston für Tage unter Wasser setzte, 83 Todesopfer verschuldete und Schäden im Wert von 125 Milliarden Dollar hinterliess. In minutiöser Aufarbeitung des Geschehens führt sie aus, wie hier möglichst zeitnah die verfügbaren Daten gesammelt, in den klimawissenschaftlichen Zusammenhang gebracht und innert des knappen Fensters der medialen Aufmerksamkeit zur klaren Aussage destilliert wurden, um wie viel wahrscheinlicher ein Extremwetter wie dieses in Zeiten des Klimawandels geworden ist. Um diesen roten Faden ihres Buches sortieren sich eine Vielzahl weiterer, wesentlicher Belange: Sachverständige Informationen zum Klimawandel selbst natürlich, hintergründige Einblicke in die globale Klimapolitik, Gedanken zur umstrittenen Frage, wie weit sich der notorisch zurückhaltende Wissenschaftsbetrieb in die öffentliche Diskussion einmischen soll, und fortgesetzt die fundierten Einschätzungen dazu, was mit dem Klimawandel weltweit auf uns zukommt.

Neben dieser detaillierten Erläuterung der Zuordnungswissenschaft als einem mächtigen Werkzeug zur Handhabe der globalen Klimaveränderung - in zielvollen Gegenmassnahmen ebenso wie in der vorausschauenden Schadensminderung und der Bewusstseinsbildung - geht es Friederike Otto mit ihrem Buch auch ganz direkt um Einflussnahme. Bei aller akademischen Differenzierung sucht sie doch stets persönlich engagiert nach Mitteln, das Schlimmste schnell und faktisch wirksam abzuwenden. Dafür erforscht sie breit die Handlungsmöglichkeiten in Wirtschaft, Recht und Politik, im kleinen Alltag und in der grossen Debatte. Das legt sie uns dann als ein breites Sortiment von Möglichkeiten aus, im eigenen Umfeld aktiv zu werden. Sie schafft so eine eigentümliche Quadratur des Kreises: Ein Buch zu schreiben, das bei aller gewünschten Detailliertheit seiner belangreichen Spezialthematik doch die Diskussionen um den Klimawandel breit aufbereitet - und dabei Nüchternheit zu bringen in eine emotionale Debatte, ohne die Emotion als Antriebsmotor stillzulegen.

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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