Buch «Das Sterben der anderen»

Buch «Das Sterben der anderen»

Wie wir die biologische Vielfalt noch retten können

Machen wir’s kurz und klar: Dies ist das Buch zum Artensterben, das zu lesen ist. Jetzt. Bitte…?!

 Autor Tanja Busse
 Verlag Blessing
 Umfang 415 Seiten
 ISBN 978-3-89667-592-7
 Preis Fr. 25.90 (UVP)

 

Aus Anlass ihrer Erschütterung darüber, dass sie, die sich doch seit Jahren mit Umweltthemen intensiv journalistisch auseinandersetzt, die Tragweite des weltweiten Artensterbens dennoch noch unterschätzte, schreibt Tanja Busse dieses Buch. Das hat erst mal zwei Effekte. Zum einen bleibt durch das ganze Buch eindrücklich spürbar, wie der Verlust so viel lebendiger Vielfalt sie persönlich aufwühlt: Eine Bestürzung, die sich dann als Erkenntnis der eigenen Mitverantwortung auf uns überträgt. Zum anderen bewahrt es ihr das Verständnis dafür, dass es ihren Leserinnen ganz ähnlich gehen mag wie ihr, was sie dann allen Versuchungen besserwisserischer Belehrung oder moralischer Verurteilung wiederstehen lässt.

Alles beginnt damit, dass ihr Sohn sie auf einem Ausflug verunsichert nach der Herkunft eines Geräusches fragt. Das Geräusch, so erfasst sie kurz darauf, ist das Zirpen einer Heuschrecke. Ihr Sohn – der durchaus kein naturfernes Leben führt – hört es nach den fünf Jahren seines Lebens gerade das erste Mal. Insektensterben, anschaulich aufgezeigt. Und das Insektensterben bleibt dann Dreh- und Angelpunkt ihres Buches, in dem sie uns das Artensterben belangreich fassbar macht und auch auf all seine anderen Aspekte und Reichweiten abklopft. In akribischer Recherche, eigener Anschauung und zahlreichen Gesprächen mit Aktivistinnen, Fachleuten und Betroffenen forscht sie nach der Ursache und den Konsequenzen des heimlichen Dahinschwindens der Tier- und Pflanzenwelt; nicht nur betreffs das Aussterbens von Arten, sondern auch im allgemeinen Schwund der Bestandszahlen. Sehr eindrücklich setzt sie uns da im ersten Teil ihres Buches das Problem der shifting baseline auseinander; jenes leidigen Phänomens also, das im Nachzug der Generationen den “Normalzustand“ der natürlichen Vielfalt ständig auf ein ärmeres Mass reduziert. Wer ohne Lerchen, Feldhasen und Tagpfauenaugen aufwächst, wird diese dann später auch kaum vermissen.

Die bemerkenswerte Leistung der renommierten Umwelt- und Agrarexpertin Tanja Busse besteht darin, uns komplexe ökologische Kausalitäten, politische Verstrickungen und globale Zusammenhänge faktenfest und reflektiert auseinanderzusetzen, ohne da dann dem nächststehenden Sündenbock aufzusitzen. Gewiss, es dreht sich in ihrer Analyse vieles um die industrialisierte Landwirtschaft mit ihren ausgeräumten Landschaften, doch daneben dann ebenso um Naturschutzgebiete, die weniger schützen als erhofft, oder um die im Wesentlichen immer noch fest verankerte Anschauung, wir Menschen könnten im Notfall auch ohne Natur. Diese Sorgfalt trägt sie hinüber in ihre Suche nach den Rezepten, wie dem beängstigend fortschreitenden Artensterben doch noch zu begegnen wäre. Hier kann sie uns vorführen, dass entsprechende wissenschaftliche Kenntnisse, finanzielle Reserven und politische und juristische Werkzeuge durchaus bereitstünden. Dem darauf sich begründenden Versprechen, dass politische Einflussnahme diesbezüglich doch so einiges bewirken kann, lässt sie noch die Überschau der Möglichkeiten folgen, wie individuelles Engagement im Kleineren einen Unterschied macht.

Gleichwohl geht es in ihrem Buch – wie gesagt – vermehrt um die Agrarwirtschaft und um die angezeigte Umformung derselben. Da sich in diesen Themenkreis erfahrungsgemäss oft seltsame Weltbilder und Ideologien aus allerlei esoterischen und politischen Richtungen einschlängeln, hielten wir ein Auge auch darauf. Doch auch hier kann uns Tanja Busse überzeugen: Bei aller Dringlichkeit ihres Anliegens lässt sie sich zu keinen Kurzschlüssen und bequemen Vereinfachungen hinreissen, sondern besteht auf Kritikfähigkeit und sachlicher Umsicht. Das fordert vom Publikum zwar vermehrt einmal Konzentration und die Bereitschaft, in Widersprüchen für einen Moment auszuharren. Im gesamten Bogen ihrer Argumentation – das sei hier versprochen – gelangt sie nichtsdestoweniger zu klaren Botschaften und einer dienlichen und ermutigenden Vision davon, wie die gefährliche Verarmung der irdischen Biodiversität zu stoppen ist. Sie schafft damit das informativste und eindringlichste Buch zum sechsten globalen Massensterben, das uns seit Jahren begegnet ist.

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

Kommentar schreiben

Die Kommentare werden vor dem Aufschalten von unseren Administratoren geprüft. Es kann deshalb zu Verzögerungen kommen. Die Aufschaltung kann nach nachstehenden Kriterien auch verweigert werden:

Ehrverletzung/Beleidigung: Um einen angenehmen, sachlichen und fairen Umgang miteinander zu gewährleisten, publizieren wir keine Beiträge, die sich im Ton vergreifen. Dazu gehören die Verwendung von polemischen und beleidigenden Ausdrücken ebenso wie persönliche Angriffe auf andere Diskussionsteilnehmer.

Rassismus/Sexismus: Es ist nicht erlaubt, Inhalte zu verbreiten, die unter die Schweizerische Rassismusstrafnorm fallen und Personen aufgrund ihrer Rasse, Ethnie, Kultur oder Geschlecht herabsetzen oder zu Hass aufrufen. Diskriminierende Äusserungen werden nicht publiziert.
Verleumdung: Wir dulden keine Verleumdungen gegen einzelne Personen oder Unternehmen.

Vulgarität: Wir publizieren keine Kommentare, die Fluchwörter enthalten oder vulgär sind.

Werbung: Eigenwerbung, Reklame für kommerzielle Produkte oder politische Propaganda haben keinen Platz in Onlinekommentaren.

Logo von umweltnetz-schweiz

umweltnetz-schweiz.ch

Forum für umweltbewusste Menschen

Informationen aus den Bereichen Umwelt, Natur, Ökologie, Energie, Gesundheit und Nachhaltigkeit.

Das wirkungsvolle Umweltportal.

Redaktion

Stiftung Umweltinformation Schweiz
Eichwaldstrasse 35
6005 Luzern
Telefon 041 240 57 57
E-Mail redaktion@umweltnetz-schweiz.ch

Social Media

×

Newsletter Anmeldung

Bleiben Sie auf dem neusten Stand und melden Sie sich bei unserem Newsletter an.