Buch «Alles wird anders»

Buch «Alles wird anders»

Das Zeitalter der Ökologie

Alles wird anders, sagt Bernd Ulrich. Das darf man, je nach eigenem Gemüt und Gusto, als Versprechen oder Drohung lesen. Gesetzt ist es als Fakt, dem die momentane Klimapolitik nicht Rechnung trägt. Warum dem so ist: Das erörtert er scharfsinnig und zukunftsweisend in seinem Buch.

 Autor Bernd Ulrich
 Verlag Kiepenheuer & Witsch
 Umfang 221 Seiten
 ISBN 978-3-462-05365-4
 Preis Fr. 22.10 (UVP)

 

Der Journalist und stellvertretende Redakteur der ZEIT Bernd Ulrich stellt sich in seiner Denk- und Streitschrift der Frage, wie es kommt, dass ausgerechnet er und seine Generation der Babyboomer, notabene die erste grün bewegte, sich so tief in die ökologische Sackgasse verirren konnte, in der wir nun alle herumstehen. Er startet sein Unterfangen mit einer persönlichen, wiewohl exemplarischen Spurensuche, wo genau er im Laufe seines Lebens den Faden verlor und sein ökologisches Gewissen träumen schickte. Von hier aus mag er dann aber nicht im Privaten verbleiben und sich der Kasteiung der Konsumverantwortung der Einzelnen anschliessen, der sowohl Ursache wie Lösung dieser Misere so gern aufgebürdet werden. Stattdessen richtet er den Blick auf die politischen Mechanismen, die uns hier Mal um Mal die Abzweigung verpassen lassen.

Bernd Ulrich erkennt in der gegenwärtigen politischen Kultur allerorten Leitmotive und Antagonismen des vergangenen Jahrhunderts, die sich von den aktuellen Herausforderungen überfordert zeigen. Da umwirbt man von Rechts nach Links die bewährten Zankäpfel der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit unter der Prämisse, doch tunlichst zum Konsens zu finden. Jedoch mit dem Klimawandel ist weder zanken noch verhandeln. Er ist eine fundamentale Bedrohung; eine radikale im eigentlichen Wortsinn. Radikalität ist hinwiederum verdächtig, und prompt verschiebt sich die Klimadiskussion zurück in abgesteckte und eingeübte Debatten des "Zumutbaren", der Lenkungsabgaben und mannigfaltiger sozialer Fragen. Gewohnt, Ideologien zu verhandeln, bestimmt man alsbald den Klimawandel zur Ideologie.

In einem energischen Rundumschlag enthüllt uns Bernd Ulrich die Denkmuster und Strukturen, die es der momentanen politischen Kultur erlauben, sich nicht nach den augenfälligen Problemen zu strecken, sondern stattdessen die Probleme politikgerecht zurechtzustutzen. Im Zuge dessen deckt er dann auch eins ums andere die Argumente der Verdrängung auf, die dort zur Blüte kommen, wo das nicht funktioniert: Von blanker Leugnung über Technikhörigkeit, Schuldzuweisung, Fatalismus bis zur süssen Ohnmacht. Er führt die Klimamythen an den Pranger, die uns die Krise zähmen sollen, und präsentiert uns diese Krise dann, entkleidet von Verniedlichungen, in aller Wucht und Dringlichkeit. Vor diesem Szenenbild plädiert er für eine den Realitäten angemessene, couragierte Politik anstatt der "realistischen", konsensgesteuerten. Ganz beiläufig macht er dabei noch all die ungeduldig "radikalen" Positionen der seltsamen jungen Leute begreiflich, die vor dem Regime der Sachzwänge und Wachstumsnotwendigkeiten nicht die Waffen strecken wollen.

Derweil sich der Autor in seiner brillanten Analyse recht strikt an Deutschland abarbeitet, bewahrt diese durchwegs ihre Relevanz auch hierzulande. Die Mechanismen und Motive sind hier wie dort dieselben. Wie eine angemessenere Politik und Geisteshaltung aussehen könnte, dazu schiebt er dann noch einige Ideen und Anstösse nach: Vorgebracht mit derselben Energie und gewürzt mit dem bissigen Humor, die uns schon vordem die intensive Lektüre des Buches zum mitreissenden Vergnügen machten. Doch ganz so einfach, ihnen einen wohlfeilen Strauss von Lösungsrezepten und Handlungsanleitungen frei Haus zu liefern, möchte er es seinen Babyboomerinnen dann doch nicht machen. Sein Buch ist ein Appell, sich aus den eigenen Abwehrhaltungen und Verdrängungstaktiken freizustrampeln und noch einmal in die Gänge zu kommen. Oder wie er selbst es im Abschluss formuliert: Die Turnschuhe tragen wir sowieso dauernd, dann können wir auch laufen… Hoch zum Waldrand beispielsweise, würden wir jetzt vorschlagen; um sich dort in Ruhe in dieses klug anregende Buch zu vertiefen.

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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