Autor | Jean-Marc Rochette |
Verlag | Knesebeck |
Umfang | 102 Seiten |
ISBN | 978-3-95728-378-8 |
Preis | Fr. 30.40 (UVP) |
In seinem neuen, als Erstem ins Deutsche übersetzten Comic verhandelt Jean-Marc Rochette die Beziehung zwischen Mensch und Wolf. Die Geschichte spielt im Massif des Écrins bei Grenoble in den französischen Alpen; einer rauen Gebirgslandschaft, die der Zeichner und Autor so atmosphärisch wie eindrucksvoll in seine Panels bannt. Hier hütet der Schäfer Gaspard in selbstauferlegter Einsamkeit seine Herde. „Schäfer und Wolf, das passt einfach nicht zusammen“ sagt er, und demgemäss erschiesst er kurzerhand eine Wolfsmutter, die sich an seinen Schafen gütlich getan hat. Zurück bleibt das Wolfsjunge, mit dem sich im Folgenden, über Jahre hinweg, ein Konflikt zuspitzt, den sie beide nur dank eines vorsichtigen Akts der Versöhnung überleben.
Gaspard ist dabei – entgegen dem Eindruck, den wir vielleicht gerade vermittelt haben – keineswegs die Wiederauflage eines schiessfreudigen Hemingway-Helden. Obwohl er den Widerstreit von Wolf und Schäfer als einen „Krieg seit Anbeginn der Zeit“ betitelt, bringt er es nicht übers Herz, den Wolfswelpen gleich seiner Mutter zu erschiessen, und fühlt sich ganz insgesamt den Tieren seiner Bergwelt sensibel verbunden. Es ist dies zwar eine unsentimentale Verbundenheit, die sich nicht scheut, Gämsen für den eigenen Nahrungsbedarf zu jagen, die dann aber die Beute auch mal respektvoll mit Adlern und Füchsen teilt. Die Natur – “seine“ Berge – sind dem wortkargen Gaspard seine fassbare Lebensgrundlage, der er sich in Dank und Wertschätzung verbunden weiss. Selbst sein Konflikt mit dem Wolf nährt sich nicht zuletzt daraus, dass er durch ihn das ihn umgebende Lebensnetz verwundet fühlt.
Jean-Marc Rochette erzählt uns seine Geschichte gradlinig und konzentriert, ohne romantische Verbrämung, zugleich mit hintergründigem Feingefühl. Das überträgt sich ganz und gar in seine Bilder, die sich in groben Schraffierungen keine ästhetischen Kinkerlitzchen erlauben, uns durch kraftvolle Komposition, ein ruhiges Erzähltempo und die stimmungsvollen Kolorierungen von Isabelle Merlet aber unabwendbar in die Bergwelt hineinziehen. Diese zeigt sich so schön wie feindselig, erhaben und zart. Solche Gegensätze auszuhalten traut Jean-Marc Rochette seinen Leserinnen auch bezüglich des Konflikts von Gaspard und dem Wolf zu: Selbst deren abschliessende Versöhnung bleibt weitgehend Einzelfall, mag sich nicht ganz zur universalen Botschaft einer Harmonisierung von Mensch und Natur aufschwingen.
Wir halten gerade die Kunstfertigkeit, mit der Jean-Claude Rochette uns in diesen Ambivalenzen gefangen hält, ohne uns darüber zu frustrieren, für das vorrangige Verdienst seiner Erzählung. Während er uns das Mitgefühl für Mensch und Wolf gleichermassen ermöglicht, mag er zu keiner simplen, oberflächlichen Beschwichtigung ihrer Konflikte eilen: Er leitet uns nachgiebig an, unsere eigenen Gedanken und Gefühle um die erzählte, dramatische Geschichte anzuordnen. Fast etwas schade ist es dann, wenn im Nachwort der Philosoph Baptiste Morizot doch eine klare Einordnung unternimmt. So wenig wir deren Botschaft einer notwendigen Neuerkundung unserer Beziehungen zu Tier und Natur auch widersprechen mögen, raten wir doch, nicht gleich im ersten Impuls nach dem hier angebotenen Anker zu greifen. Die Auseinandersetzung mit den eigenen, schwankenden Eindrücken und Betrachtungen könnte sich als einträglicher erweisen. Dies festgehalten, sei die ebenso spannende wie kluge Graphic Novel einer möglichst breiten Leserschaft ans Herz gelegt…
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