Buch «Die Childfree-Rebellion»

Buch «Die Childfree-Rebellion»

Warum «zu radikal» gerade radikal genug ist

Verena Brunschweiger setzt ihr zweites Buch zur Kinderfreiheit mitten hinein in die aktuellen ökologischen, gesellschaftlichen und politischen Debatten. Da bewährt es sich als engagierter und sachkundiger Anstoss, der Bevölkerungsdiskussion in der eigenen, umweltsensiblen Lebensplanung mehr Aufmerksamkeit einzuräumen.

 Autor Verena Brunschweiger
 Verlag Büchner
 Umfang 146 Seiten
 ISBN 978-3-96317-196-3
 Preis Fr. 22.10 (UVP)

 

Ob Verena Brunschweiger ihrem Anliegen mit diesem Buch einen Gefallen tut, wollen wir hier dem Urteil der Zeit überlassen. Dass dieses Anliegen aber ein belangreiches und die Debatte darüber noch eine weitgehend unbefriedigende ist, darf gleich mal festgestellt sein. Vor etwas über einem Jahr veröffentlichte die Gymnasiallehrerin und Ökofeministin ihr Buch „Kinderfrei statt kinderlos“: Ein Manifest der durchaus nicht unerhörten Idee, als persönliche Konsequenz aus der Bedrohung durch den menschengemachten Klimawandel darauf zu verzichten, noch mehr Menschen in die Welt zu setzen. Wobei… Nicht unerhört? Verena Brunschweiger jedenfalls war sofort nach Erscheinen des Buches schweren Anfeindungen ausgesetzt. Ihr neues Buch entstand in der Reaktion auf diese Angriffe. Es führt die Argumente noch einmal prägnant zusammen, antwortet auf die geläufigen Gegenstimmen und Fehlinterpretationen und erkundet weitläufig die gesellschaftlichen Befindlichkeiten, die die Debatte um die Kinderfreiheit prägen.

Um das gleich aus dem Weg zu räumen: Verena Brunschweiger ist nicht daran gelegen, die Menschheit aussterben zu lassen. Im Gegenteil geht es ihr darum, der Menschheit – und überhaupt dem Leben auf unserem Planeten – eine lebenswerte Zukunft zu sichern. Sie kitzelt dafür ein Tabu, an das sich die Umweltdiskussion stets nur sehr zögerlich herantraut: Die Feststellung, dass alle Bioernährung und aller Plastiksackverzicht wenig nützen, wenn nicht der Bevölkerungsanstieg rapide gebremst wird. Ihr Verdienst ist es nun, diesem emotional und politisch kniffligen Thema einen Weg ins öffentliche Bewusstsein zu bahnen. Der freiwillige Verzicht auf eigenen Nachwuchs, den sie propagiert, beruft sich erster Hand auf ökologische Begründungen. Die legt sie im ersten Teil ihres Buches schlüssig dar, hinterlegt dann noch mit ethischen und feministischen Argumenten.

In der Hauptsache erforscht die Autorin in ihrem neuen Buch aber das gesellschaftliche Klima, aus dem die hochemotionalen und harschen Entgegnungen auf ihr vorheriges Buch rühren. Sie stellt fest, dass sich hier noch einmal Vorstellungen eines traditionellen Rollenbildes Gehör verschaffen, denen an einer Selbstbestimmung der Frau über ihr eigenes Fortpflanzungsgebaren wenig gelegen ist. Gleichzeitig führt sie an vielen Beispielen vor Augen, wie unreflektiert und idealisiert sich Elternschaft durchweg darstellt, während ihr doch oft nur eigennützige Motive der Selbstbestätigung und –darstellung oder die Abwehr einer Kenntnisnahme der eigenen Endlichkeit zu Grunde liegen. Nicht zuletzt geht sie dann auch noch gegen die Idee an, dass „Bevölkerungsexplosion“ stets irgendwo anders stattfinde und mit der eigenen Lebensplanung nichts zu tun habe. Demgegenüber arbeitet sie sachkundig heraus, wie die freiwillige Kinderfreiheit einen konstruktiven Beitrag zur nachhaltigen Zukunftsgestaltung und der eigenen, umweltsensiblen Lebensführung leistet.

Wenn wir oben unsere Unsicherheit anmeldeten, wie weit ihr Buch ihrem Anliegen nütze, bezieht sich das erst mal auf dessen Tonfall. Verena Brunschweiger antwortet auf die Angriffe gegen ihre Person und ihre Argumente selbst mit Angriff. Das ist absolut nachvollziehbar, aber es gestaltet, in seiner unentwegten Aufgeregtheit, die Lektüre anstrengend. Gleichzeitig schiesst sie in ihrer Gesellschaftskritik und Ergründung der Motivlage des Pronatalismus gelegentlich ein Stück darüber hinaus, was wir für den angemessenen Interpretationsspielraum halten. Im Hinterkopf zu behalten bleibt ausserdem der Grund, aus dem die Umweltbewegung die Überbevölkerungs-Thematik scheut: Es ist dies eine heikle, weil sie sich notorisch heiklem, menschenverachtendem Gedankengut öffnet. Mit ihrem Entwurf der Freiwilligen Kinderfreiheit schiebt die Autorin diesem mindestens graduell einen Riegel, doch aus der Welt ist es damit nicht. Wir empfehlen ihr Buch hier also weder als ein Kunstwerk noch als erschöpfende Antwort auf die Bevölkerungsdiskussion. Wir empfehlen es aber unbedingt in genau dem Sinne, in dem es geschrieben ist: Als energischen und fundierten Vorstoss, dem freiwilligen Verzicht auf eigenen Nachwuchs in der persönlichen, umweltsensiblen Lebensplanung und der gesellschaftlichen Debatte einen prominenteren, entstigmatisierten Platz einzuräumen.

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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