Buch «Fallout»

Buch «Fallout»

Das Atomzeitalter – Katastrophen, Lügen und was bleibt

Geheimniskrämerei und Vertuschung prägten die kriegerischen und die friedlichen Nutzungen der Atomkraft seit Anbeginn. Wie sie die aktuellen Debatten noch heute färben, und wo dahinter die Fakten liegen, setzt uns Fred Pearce in seiner neuen, spannenden Reportage minutiös auseinander.

 Autor Fred Pearce
 Verlag Antje Kunstmann
 Umfang 342 Seiten
 ISBN 978-3-95614-359-5
 Preis Fr. 34.50 (UVP)

 

Man kann sich darauf verlassen: Wenn sich Fred Pearce eines Themas annimmt, dann tut er das gewissenhaft und gründlich. Der renommierte britische Umweltjournalist ergibt sich keinen vorgefassten Meinungen oder ideologischen Grabenkämpfen, er macht sich auf die Socken und geht vor Ort, spricht mit Zeitzeugen, befragt die Sachverständigen. Er forscht und hakt nach, recherchiert ausgreifend und bewahrt sich bei aller emotionalen Beteiligung seinen nüchternen Scharfblick. Daraus entspringen unvermeidlich Bücher, die sich uns als massgebliche, vertrauenswürdige Informationsquellen aufdrängen. Das war bislang so, und es ist es auch wieder im Fall seines neuen Buches, in dem er den Kosten, Errungenschaften und Schäden des nuklearen Zeitalters nachspürt.

Als weiland „die Bombe“ über Hiroshima explodierte, veränderte sie mit einem grausamen Schlag die Welt. Plötzlich bewies sich die Auslöschung der gesamten Menschheit als ernsthaft ins Auge zu fassendes Szenario; Technologie und Wissenschaft hatten ihre furchtbarste Fratze offen gezeigt. Wir begegnen Fred Pearce im ersten Kapitel seiner weltumspannenden Reportage, wie er am Jahrestag des Bombenabwurfs vor einer kleinen Gedenktafel in Hiroshima steht und sich wundert: Kaum jemand interessiert sich dafür, nur ein paar verloren wirkende Blumen erinnern an zehntausende Tote. Er macht sich umso entschiedener daran, dem Vorspiel und den Nachwirkungen dieses Ereignisses erschöpfend auf den Grund zu gehen. Seine Berichterstattung ähnelt dabei manchmal, gar nicht so selten, einem Agentenroman. Vertuschung, Spionage und Desinformation waren die Werkzeuge, aus denen der „kalte“ Krieg und der Aufstieg der nuklearen Energien gezimmert wurden. Die Wirkungen dieser Geheimniskrämerei, so zeigt es sich, ziehen sich ins Heute. Fred Pearce versorgt uns derweil nicht nur mit genauerem Wissen zu den involvierten Akteuren und den Verheerungen der Atomtests. Er beschert uns weiterhin ein grundlegendes physikalisches Verständnis der Atomkraft und zuweilen ein bitteres Lächeln ob den absurderen Manifestationen des propagierten Fortschrittsglaubens: Kleinen Mädchen in Paraden, beispielsweise, mit Atompilzen auf dem Kleidchen.

Aber gut: Es existiert ja nicht nur die kriegerische Nutzung der Atomspaltung. Näher an der Tagesordnung liegt uns deren friedliche Nutzung als Energiequelle. Zu deren Hinterlassenschaften begleiten wir Fred Pearce im zweiten Teil. Three Mile Island, Tschernobyl, Fukushima sind hier einige Stationen, anlässlich derer uns der Autor in die technischen Hintergründe und ökologischen sowie sozialen Konsequenzen der grossen, kleinen und Beinahe-Atomkatastrophen einweist. Er diskutiert dabei nicht zuletzt die vertrackte Frage, wie gefährlich Radioaktivität denn nun tatsächlich sei. Eine klarere Antwort darauf könnte auch die letzte Problemstellung, der er nachforscht, einer befriedigenden Lösung näher rücken: Dem unentwegt schwelenden Konflikt um die Entsorgung der sich stapelnden atomaren Abfälle.

Die friedlichen und die kriegerischen Verwendungen der Atomkraft solcherart zusammenzuwerfen, dürfte einigen schon als eine Verunglimpfung erscheinen. Dass das eine mit dem andern nichts zu tun habe, wurde uns schliesslich jahrzehntelang gepredigt. Dem setzt Fred Pearce mit seiner minutiöse Bestandsaufnahme entgegen, wie in beiden Fällen ganz ähnliche Fehlinformationen und Vertuschungen die dienliche Auseinandersetzung und politische Meinungsbildung vergifteten. Das Misstrauen, so beweist es sich, hat sich die Atomlobby wacker verdient. Dem anderen Lager – einer Atomgegnerschaft, die ihre Ängste an die Stelle von Argumenten setzt – wird sich sein Buch indessen auch nicht mühelos anschmeicheln. Es arbeitet darauf hin, hier wie dort die Fakten aus der Propaganda herauszuklauben und einer konstruktiven Problemlösung verfügbar zu machen. Dazu tritt ein weiteres, womöglich noch dringenderes Anliegen. „Man vergisst so schnell“ stellt Fred Pearce im letzten Satz lakonisch fest. Sein so sachverständiges wie spannendes Buch bewährt sich als eindringliche Warnung vor diesem Vergessen und damit als wertvolle Erinnerung daran, wie uns die Atomenergie nie billig, sondern stets teuer zu stehen kam.

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

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