Buch «Verbot und Verzicht»

Buch «Verbot und Verzicht»

Politik aus dem Geiste des Unterlassens

Die Idee, dass Verzicht und Verbot nur schädlich und repressiv sein können, ist tief in unsere Konsumkultur eingebrannt. In seiner Zerpflückung dieses neoliberalen Glaubenssatzes leitet uns Philipp Lepenies zu einem heilsameren Verständnis von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

 Autor Philipp Lepenies
 Verlag Suhrkamp
 Umfang 265 Seiten
 ISBN 978-3-518-12787-2
 Preis Fr. 25.90 (UVP)

 

Seien es auch nur die Ahnung eines sich abzeichnenden Verbots, einer Forderung des Verzichts: Ein indignierter Aufschrei ist vorprogrammiert. Sogar wir Umweltbewegten und Klimaschützerinnen, die uns im persönlichen Verzicht auf dies und jenes üben, schrecken vor dem Ruf danach präventiv zurück – wo wir nicht gar im selben Geiste darauf reagieren. Dass sich die Politik geflissentlich hüten sollte, Gebote des Konsumverzichts auch nur zuhinterst in ihre Agenda zu schreiben, ist gleichwohl ein neueres Phänomen. Es ist das Resultat eines neoliberalen Welt- und Menschenbildes, das „Freiheit“ zuvorderst als eine Freiheit des Konsums interpretiert und staatliche Lenkungsinstrumente radikal ablehnt. Wie sich diese Denkweise in unsere Köpfe schlich, zeichnet Philipp Lepenies in seinem Buch minutiös nach.

Um uns die Dimension dieser weltanschaulichen Suggestion einsichtig zu machen, setzt sie Philipp Lepenies erst einmal in Kontrast. Dass wir vor Verboten ja keineswegs grundsätzlich zurückschrecken, belegt uns der Berliner Ökonom und Politikwissenschaftler dabei ebenso, wie er nachweist, wie Verzicht die längste Zeit als eine zivilisatorische Tugend gewertet und geübt wurde. Entlang der Ideen und Argumentationen von neoliberalen Vordenkerinnen wie Friedrich Hayek, Ayn Rand oder Milton Friedmann geleitet er uns danach durch das zwanzigste Jahrhundert bis ins digitalisierte, globalisierte Jetzt, das in jeder legislativen Lenkung sogleich den Totalitarismus verwirklicht sieht. Besondere Aufmerksamkeit und Detailtreue widmet er dabei den ökonomischen Denkmodellen des Neoliberalismus und den Methoden und Kräften, mittels derer sie ihren Einfluss auf die Politik befestigten – wobei er ihre Irrtümer, übersteigerten Heilsversprechen und ideologischen Verzerrungen auch gnadenlos offenlegt. Da hinein spielen dann unabdingbar immer wieder belangvolle Einsichten zur Herkunft und Manifestation unserer aktuellen Shopping-Kultur und dem Siegeszug eines Individualismus, der sich hauptsächlich in konsumistischer Konformität ausdrückt.

Auch wenn Philipp Lepenies seine herausragend dichte und tiefschürfende Arbeit mit einem starken Plädoyer gegen die „Politik des Unterlassens“ legitimer regulatorischer Eingriffe beschliesst: Um die Herausarbeitung von Alternativen geht es ihm darin vorerst nicht. Das könnte uns ebenso ein Anlass zur Kritik sein wie die Ahnung, dass Leserinnen ohne gepflegtes sozialwissenschaftliches Vokabular sich von dem Buch frustriert abwenden könnten. Doch wir halten – möchten wir zu einer handlungsfähigen Klimapolitik vorstossen – seine Gedanken und Kenntnisse für so relevante, dass sie alle Mühe übertrumpfen. Das Eingeständnis, wie tief die Ideen und Glaubenssätze des manifesten, unnachhaltigen Neoliberalismus unsere Kultur, unsere Politik und unser Denken prägen, kann nur dabei helfen, sie zu überwinden. Philipp Lepenies Buch führt uns mit Garantie und reichlich zusätzlichem Erkenntnisgewinn dahin.

 

Rezension: Sacha Rufer


 

 

Kommentar schreiben

Die Kommentare werden vor dem Aufschalten von unseren Administratoren geprüft. Es kann deshalb zu Verzögerungen kommen. Die Aufschaltung kann nach nachstehenden Kriterien auch verweigert werden:

Ehrverletzung/Beleidigung: Um einen angenehmen, sachlichen und fairen Umgang miteinander zu gewährleisten, publizieren wir keine Beiträge, die sich im Ton vergreifen. Dazu gehören die Verwendung von polemischen und beleidigenden Ausdrücken ebenso wie persönliche Angriffe auf andere Diskussionsteilnehmer.

Rassismus/Sexismus: Es ist nicht erlaubt, Inhalte zu verbreiten, die unter die Schweizerische Rassismusstrafnorm fallen und Personen aufgrund ihrer Rasse, Ethnie, Kultur oder Geschlecht herabsetzen oder zu Hass aufrufen. Diskriminierende Äusserungen werden nicht publiziert.
Verleumdung: Wir dulden keine Verleumdungen gegen einzelne Personen oder Unternehmen.

Vulgarität: Wir publizieren keine Kommentare, die Fluchwörter enthalten oder vulgär sind.

Werbung: Eigenwerbung, Reklame für kommerzielle Produkte oder politische Propaganda haben keinen Platz in Onlinekommentaren.

Logo von umweltnetz-schweiz

umweltnetz-schweiz.ch

Forum für umweltbewusste Menschen

Informationen aus den Bereichen Umwelt, Natur, Ökologie, Energie, Gesundheit und Nachhaltigkeit.

Das wirkungsvolle Umweltportal.

Redaktion

Stiftung Umweltinformation Schweiz
Eichwaldstrasse 35
6005 Luzern
Telefon 041 240 57 57
E-Mail redaktion@umweltnetz-schweiz.ch

Social Media

×

Newsletter Anmeldung

Bleiben Sie auf dem neusten Stand und melden Sie sich bei unserem Newsletter an.