Buch «Wir Genussarbeiter»

Buch «Wir Genussarbeiter»

Über Freiheit und Zwang in der Leistungsgesellschaft

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler stellt eine elementare Frage. In einer Zeit, in der sich der sogenannte Burnout fleissig Opfer krallt, in der auch in der Freizeit mit oftmals besessener Hingabe an der rechten Gesundheit, Schönheit und Erholungseffizienz gefeilt wird, in der ständig neue Süchte identifiziert werden, kann man da der Aussage vieler Arbeitstätiger trauen, dass ihre Arbeit ihnen Genuss verschaffe?

 

Autor  Svenja Flaßpöhler
Verlag  DVA Verlag
Umfang  200 Seiten
ISBN  978-3-421-04462-4
Preis  Fr. 25.90 (UVP)

 

Wir können es vorwegnehmen: Die Autorin denkt nicht, dass man dieser Selbsteinschätzung bedingungslos glauben sollte. Mit einiger Energie und dem Mut zur freien Assoziation forscht sie nach den gesellschaftlichen und kulturellen Ursachen des Zwangs zur Leistung, wobei sie gleichsam im Vorbeigehen wertvolle und überraschende Einsichten formuliert. Wiederholt mussten wir dabei an Bentham denken, den britischen Vordenker des Utilitarismus, der im obskursten Sinne der Nützlichkeit seinen ausgestopften Leichnam der Welt zum Geschenk machte und gerne darüber nachsann, wie der Arbeiter dazu gebracht werden könnte, sich selbst zu disziplinieren. Svenja Flaßpöhler führt uns vor, wie das zu nennenswerten Teilen, trotz oder gerade wegen der konsumgesellschaftlichen Freiheit, gelungen ist. Sie tut das sprachgewandt und nachvollziehbar, ohne Furcht davor, irgendwelchen heiligen Kühen der etablierten Moral am Lack zu kratzen, und an ihren Thesen finden wir wenig auszusetzen. Im Gegenteil: Soweit wir den Markt überschauen, werden sie zu selten, oder wenn, dann zu oberflächlich verfolgt. Doch bei aller Begeisterung für das Thema löste ihr Buch noch ganz andere Gefühle aus. So übt sich die Autorin in der Kunst, aus unerschöpflicher Quelle Zitate von „grossen Geistern" in ihre Betrachtungen einzustreuen. Als hätte sie kein Vertrauen in ihre eigenen Gedankengänge, springen ihr hier Max Weber, dort C. G. Jung unterstützend zur Seite, erweisen sich dort aber als grösstenteils überflüssig. Und auch wenn der Zusammenhang zwischen der Lust an der Arbeit und der Lust am Sex, wie sie uns überzeugend aufzeigt, keineswegs gesucht ist, werden die auf den Leistungsarbeiter bezogenen Pornografie-Metaphern doch weit über Gebühr ausgereizt. Überhaupt verbeisst sich die Autorin wiederholt in Vergleiche und Assoziationen, die in der Tiefenauslotung zunehmend unfruchtbar werden. Zusammen mit einem getriebenen Tonfall, der nur über die ersten paar Seiten belebend wirkt, entrang dies dem Rezensenten mehrfach ein gequältes Seufzen.

Bei all diesen letzten Kritikpunkten, die natürlich auch einer irregeleiteten Geschmacksentwicklung des Rezensenten zuzuschreiben sein könnten, hält dieser an seinem vordringlichen Urteil fest und möchte das Buch möglichst vielen Lesern ans Herz legen. Sein Wert als unkonventioneller Anschlag auf eine uniforme und selten angezweifelte Arbeitsmoral triumphiert über die erzählerischen Eigenarten der Autorin, und zwar bis auf eine Höhe von vier von fünf Sternen.

Rezension: Sacha Rufer

 

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