Smartphone statt Gehirn

08 Apr 2015
Mass halten im Umgang mit sozialen und digitalen Medien Mass halten im Umgang mit sozialen und digitalen Medien

Schnell auf dem Internet nachsehen, wenn Sie etwas wissen wollen oder vorher selber nachdenken? Eine Studie zeigt, dass die Entscheidung von Ihrem Denkstil abhängt. Ob das Nachsehen statt Nachdenken tatsächlich unsere Intelligenz mindert, ist umstritten. 

Suchmaschine statt Gehirn

Wissen Sie ein Wort nicht auswendig, was tun Sie dann? Zücken Sie Ihr Smartphone oder Tablet und verwenden eine Suchmaschine, um es herauszufinden? Oder denken Sie nach und vertrauen darauf, dass Sie schon recht haben? Forscher der kanadischen Universität Waterloo wollten herausfinden, ob das Verhalten von Smartphone-Nutzern einen Zusammenhang hat mit ihrem Denkstil. Dazu haben sie in einer Studie 660 Teilnehmer unter die Lupe genommen. Sie suchten einen Zusammenhang zwischen dem Denkstil - von intuitiv bis analytisch - und verbalen und numerischen Fähigkeiten in Abhängigkeit des Smartphone-Verhaltensmusters. Sie konnten zeigen, dass Nutzer mit intuitivem Denkstil eher ihr Smartphone zückten als analytische Denker. Gordon Pennycock, Koautor der Studie: „Sie schlagen Informationen nach, die sie eigentlich wissen oder einfach lernen könnten, aber nicht gewillt sind dies zu tun.“ Im Gegensatz dazu würden analytische Denker nachdenken und ein Problem analysieren, das sei vor allem bei intelligenteren Personen der Fall. Smartphones würden die Menschen als eine Art erweitertes Gedächtnis nutzen, sagt Nathaniel Barr, Mitautor der im Fachblatt Computers in Human Behavior veröffentlichten Studie. Die Studie konnte hingegen nicht zeigen, ob Smartphones tatsächlich die Intelligenz mindern, schreiben die Forscher. Sie vermuten aber: Wenn wir unser Gedächtnis nicht mehr brauchen, um Probleme zu lösen, könnte das ernsthafte Konsequenzen für das Gehirn im Alter haben.

„Sie schlagen Informationen nach, die sie eigentlich wissen oder einfach lernen könnten, aber nicht gewillt sind dies zu tun.
Gordon Pennycock, Mitautor der Smartphone-Studie

Grundlegende Fähigkeiten auf dem Spiel

Diese Studie ist nicht die einzige Warnung, dass Smartphones unsere Fähigkeiten selber zu denken verkümmern lassen. Der Zukunftsforscher Gerd Leonhard ist der Ansicht, dass Smartphones und andere smarte Geräte uns abhängig und digital dement machen würden. Dies berichtet er in 20 Minuten. Er vermutet beispielsweise, wir würden uns in Zukunft mit fremdsprachigen Menschen nur noch in unserer Muttersprache unterhalten, und wir werden nicht mehr wissen, wie wir uns ohne Smartphone und Co orientieren können. „Die meisten dieser Entwicklungen haben bereits eingesetzt“, meint Leonhard. Er wolle nicht die Digitalisierung der Welt verteufeln, ihm gehe es darum, dass sich die Menschen bewusst werden, was mit ihren Fähigkeiten passieren könnte.

Unter Wissenschaftern umstritten sind die Thesen des Neurologen und Psychiaters Manfred Spitzer. Sein Buch ‚Digitale Demenz‘ wirft hohe Wellen. Im Interview mit Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) sagt er: „Computer nehmen uns geistige Arbeit ab. Wenn junge Menschen nur noch mit dem Taschenrechner rechnen, verlernen sie das Kopfrechnen – das kennt jeder. Funktionen, die man nicht benutzt, verkümmern.“ Er fürchtet vor allem um die sich noch in Entwicklung befindlichen Gehirne der Kinder und Jugendlichen: „Das Gehirn von jungen Menschen muss sich zuerst einmal entwickeln, damit sie es als Erwachsene für alles Mögliche gebrauchen können. Dies geschieht nur durch die Benutzung des Gehirns.“

Digitale Demenz bleibt umstritten

Forscher von der Universität Koblenz-Landau, Markus Appel und Constanze Schreiner, wollten in einer Studie aufzeigen, was an den Thesen der ‚Digitalen Demenz‘ dran ist. Sie betrachteten in ihrer Studie zahlreiche Forschungsergebnisse zum Thema. Sie konnten zeigen, dass beispielsweise im schulischen Einsatz digitale Medien nicht per se gut oder schlecht sind. Aus ihrer Analyse schliessen die Forscher, dass die Thesen reiner Mythos sind. Sie konnten jedoch nicht untersuchen, ob beispielsweise das Verwenden von digitalen Navigationshilfen zu einer schlechteren räumlichen Orientierung führt. Dazu gäbe es noch keine Studien, schreiben die Forscher.

Kompetenter Ansprechpartner sein

Da sich die Diskussion insbesondere um Kinder und Jugendliche rankt, befürchtet Appel, dass Eltern und Lehrkräfte durch falsche Thesen fehlinformiert würden. „Wichtig erscheint mir, dass Erziehungspersonen die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen nicht von Vornherein verteufeln, denn dann wird es schwer, ein kompetenter Gesprächspartner in Sachen Internet zu sein“, so Appel gegenüber Der Standard.

Regeln sind wichtig

Damit Kinder und Jugendliche das richtige Mass im Umgang mit sozialen und digitalen Medien lernen, gibt es zahlreiche Tipps. So sollten beispielsweise die Inhalte dem Entwicklungsstand des Kindes angepasst ausgewählt werden, Kinder dürfen mit den Medien nicht alleine gelassen werden und besonders wichtig: Die begleitenden Erwachsenen müssen die Zeit eingrenzen, die Kinder und Jugendliche mit den Geräten verbringen.

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