Sieht man den Wald vor lauter Fichten noch?

26 Jun 2015
Für die Biodiversität in der Schweiz spielt der Wald eine entscheidende Rolle. Für die Biodiversität in der Schweiz spielt der Wald eine entscheidende Rolle.

Als Biodiversitätsreservoir ist der Schweizer Wald von grosser Bedeutung. Von den schätzungsweise 64'000 in der Schweiz vorkommenden Arten leben rund 40 Prozent im oder vom Wald. Allerdings prägen grosse ökologische Defizite die Wälder in der Schweiz. Es fehlt an abwechslungsreichen Strukturen, mangelt an Alt- und Totholz, und eine Vielzahl von Arten ist gefährdet.

Rund ein Drittel der Fläche der Schweiz ist mit Wald bedeckt. Der Wald liefert Holz, produziert Sauerstoff, speichert Kohlenstoff, schützt das Trinkwasser, bietet Schutz vor Naturgefahren wie Erosion und Lawinen, ist Erholungsraum für den Menschen und komplexer Lebensraum für Tiere, Pflanzen, Pilze und Flechten. In der Schweiz trifft man auf etwa 120 verschiedene Waldgesellschaften, wie typische Kastanien-, Buchenmischwälder oder einzigartige Auenwälder. Die für die Waldgesellschaften charakteristische Waldvegetation wird durch die Höhenlage, Niederschlagsintensität und Temperatur beeinflusst. Um die 70 Prozent der bewaldeten Fläche bestehen hierzulande aus Nadelbäumen. Von den 53 vorkommenden Baumarten in der Schweiz ist die Fichte mit einem Gesamtanteil von 44 Prozent die häufigste Art, weil sie in den artenarmen Nutzwäldern des Mittellandes und der Voralpen in unnatürlicher Weise an Laubholzstandorten gefördert wurde.

Verlust an struktureller Vielfalt

Nicht nur Landwirtschafts- oder Siedlungsgebiete, sondern auch Wälder sind von einem Biodiversitätsverlust betroffen. Obwohl zwei Drittel der hiesigen Wälder als naturnah klassifiziert wurden, verschwanden vielfältige Strukturen wie lichte oder feuchte Standorte. Der Übergang zwischen Wald und Offenland ist meist unnatürlich abrupt. Es fehlt somit der äusserst artenreiche Randlebensraum, welcher für einen gestuften Waldrand typisch wäre. Viele charakteristische Waldgesellschaften, vor allem die artenreichen Feuchtwälder, wurden gerodet oder gingen mit den Gewässerkorrektionen im 19. Jahrhundert verloren. Ausserdem mangelt es vor allem im Mittelland an Alt- oder Totholz. Solche alten und abgestorbenen Bäume sind für die Erhaltung der Artenvielfalt des Waldes entscheidend. In der Schweiz existieren gerade noch 3 Urwälder. In ihnen findet man eine hohe Artenzahl an Bäumen in verschiedenen Alters- und Zerfallsstadien, die dadurch zahlreichen spezialisierten Lebewesen ein Mosaik an Lebensraumnischen bieten.

Eichen können weit über 400 Jahre alt werden und garantieren damit den langen Fortbestand eines Biotopes.
Biodiversität im Wald: Ziele und Massnahmen, Bundesamt für Umwelt (BAFU)

Die biologische Vielfalt einheimischer Wälder wird nicht zuletzt durch bestimmte gebietsfremde Pflanzen, sogenannte invasive Neophyten, beeinträchtigt. Der Japanknöterich (Reynoutria japonica) zum Beispiel, breitet sich rasant aus und verursacht Probleme, weil er die einheimische Flora an den ökologisch wertvollen, lichten Standorten verdrängt.

Naturnahe Waldbewirtschaftung und Aufwertung von Lebensräumen

Das BAFU hat mit der Vollzugshilfe „Biodiversität im Wald: Ziele und Massnahmen" konkrete Pläne definiert, um die ökologischen Defizite bis im Jahr 2030 zu verringern. Durch die Schaffung von Naturwaldreservaten und Altholzinseln soll eine natürliche, dynamische Waldentwicklung zugelassen und der Alt- und Totholzanteil erhöht werden. Für eine natürliche Biodiversität und Widerstandskraft gegenüber den Folgen des Klimawandels ist es notwendig, dass auch die weniger häufigen, aber ökologisch wertvollen Baumarten gefördert werden. Ausserdem sollen je nach Region spezifische Waldgesellschaften, breit abgestufte Waldränder, Feuchtwälder oder Biotope gefördert und einzelne Waldinseln besser vernetzt werden.

Probleme bei der Massnahmenumsetzung zum Schutz der Biodiversität sieht das BAFU beim grossen Privatwaldanteil mit mehr als 250'000 Waldeigentümern in der Schweiz, welche nur ungern auf ihr Nutzungsrecht verzichten. Trotzdem ist die Schaffung von grossflächigen Waldreservaten dringend nötig, um die Waldbiodiversität und damit eine wichtige Lebensgrundlage der Bevölkerung langfristig zu erhalten.

Weitere Informationen:
Biodiversität im Wald: Ziele und Massnahmen (bafu.ch)
Der Wald – ein Ökosystem mit vielen Fähigkeiten (pronatura.ch)
Lebensraum Wald (waldwissen.net)

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