Bin ich ein guter Gutmensch?

Slumquartiere als Attraktion Slumquartiere als Attraktion

Kontroverse im Tourismus: Immer mehr Reisende wollen ihre Ferien mit einer guten Tat für die Welt verbinden. Ein Rückfall in kolonialistische Muster oder gute Tat mit nachhaltiger Wirkung?

Der Massentourismus hat ein neues Phänomen entstehen lassen: Reisende, denen herkömmliche Ferien nicht mehr genug Abenteuer bieten. Der Tourist, der kein Tourist sein möchte, grenzt sich von der Masse ab und sucht das Gewagte, das Andersartige. Während den Ferien kann ich doch nebenbei den Planeten retten, nicht wahr?
Ein ganz eigener Tourismuszweig ist aus diesen Gedankengängen hervorgegangen. Geschäftsleute und Veranstalterinnen haben bemerkt, dass alternative Tourismusangebote Anklang finden. Vermehrt wurden deshalb Konzepte wie Slum- oder Voluntourismus ausgebaut. Was vielleicht anfangs noch mit einem guten Gedanken begonnen hat, ist heute ein kontroverses Thema. Dieser Kontroverse wollen wir unseren heutigen Teil der Artikelserie „Sanfter Tourismus“ widmen: Widersprüchliche Tourismusangebote, die einmal mehr aufzeigen, wie weit die Welten auf einem Planeten auseinandergehen können. 

Samariterin oder Schaulustiger?

Beweggründe, etwas „Gutes“ während dem Ferienaufenthalt zu tun, gibt es unzählige (sinnvolle aber auch weniger vertretbare): Die authentische und reale Seite eines Landes kennenlernen, die aufkommende Reisescham abwenden, den Lebenslauf aufpeppen, schätzen lernen, wie gut man es zuhause hat… Deshalb konnte ein ergiebiger Markt mit problematischen Tourismusangeboten entstehen. Die Erfahrung zeigt, dass der Reiz im Ungewohnten, Fremden und Mitleiderregenden liegt. Wir sprechen hier von folgenden Angeboten, auf die wir im Einzelnen eingehen werden: Armen-, Projekt- und Voluntourismus sowie Katastrophentourismus.

Slum-/Armentourismus: Kaum eine Grossstadt kennt es nicht. Die Strasse, das Quartier oder das Viertel, das sich selbst überlassen wird. Im Dunkeln werden diese Gebiete gemieden, ansonsten läuft man schnellen Schrittes durch: Das Slumviertel. Der Begriff „slum“ kommt aus dem englischen und bezeichnet ursprünglich eine kleine, schmutzige Gasse. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird das Wort, meistens abwertend, als Synonym für Armen- oder Elendsviertel verwendet. Die Armut und Verwahrlosung im Randviertel einer Stadt löst aber gleichzeitig eine Faszination aus. Dieses Leben spielt sich parallel zum normalbürgerlichen Alltag ab. Der Slumtourist nimmt nun für sich das Recht in Anspruch, diese andere Welt kennenzulernen. Es gibt Touren, die die Reisenden durch Armenviertel führen. Die einen sehen das als Katstrophe: Menschen können doch nicht wie Tiere im Zoo zu Ausstellungsobjekten gemacht werden. Andere Stimmen sehen auch Positives: Eine neue Belebung der Slumquartiere könnte zu einem Aufschwung führen. Die Touristen bringen auch Wertschöpfung in die Slums… unter der Bedingung natürlich, dass die Tourismusanbieter nicht alles absahnen.

Projekttourismus: Ein weiterer Bereich, der immer mehr Touristen anlockt, sind Entwicklungs- und Umweltschutzprojekte. Bananen-Plantagen mit einem Fair-Trade-Gütesiegel, karitative Einrichtungen wie Waisenhäuser oder auch Umweltfachleute, die im Schildkrötenzuchtgebiet arbeiten: Reisende haben heute die Möglichkeit, an solchen Projekten teilzunehmen. Organisationen bieten diese Möglichkeit an, um den Besucherinnen und Besuchern die Anliegen von Entwicklungs- und Umweltschutzarbeit näher zu bringen. Im kleinen Format ist diese Form von Tourismus wünschenswert. Die Einrichtungen eröffnen neue Einkommensquellen und die Reisenden können vor Ort miterleben, was eine Spende bedeuten kann. Leider hat der Projekttourismus zum Teil erheblich grössere Ausmasse angenommen. Die Mitarbeiter der Organisationen sind auf den touristischen Andrang nicht vorbereitet und es entsteht Unmut auf beiden Seiten. Ausserdem schwingt bei einigen Artgenossen die Hoffnung mit, ein solcher Besuch würde ihre Reise sozial- und umweltverträglich machen. Das ist natürlich Humbug: Ein Projektbesuch kann nicht als Rechtfertigung für das eigene Reisefieber herhalten.

Voluntourismus: Was mit vereinzelten Freiwilligeneinsätzen im Ausland begann, ist heute ein profitables Geschäft namens Voluntourismus. Am Grundgedanken, der dahinter steckt, ist nichts verkehrt. Die Volunteers möchten vor Ort ihre Hilfe anbieten und bei Entwicklungsprojekten mitarbeiten. Solche Freiwilligeneinsätze können sinnvoll gestaltet werden - mit der richtigen Planung und Vorbereitung (wir berichteten). Leider wird im Voluntourismus oft vordringlichen Wert auf die Bedürfnisse der Reisenden gelegt, die Anliegen der Hilfesuchenden rücken mehr und mehr in den Hintergrund. Bei solchen Einsätzen ist auf jeden Fall ein hohes Mass an Vorsicht geboten. Die Arbeit mit Kindern in Waisenhäusern ist beispielsweise sehr umstritten. In gewissen Gebieten wurde von Kindern berichtet, die für ein Entgelt aus ihren Familien genommen und in Waisenhäuser verfrachtet wurden. Weil so viele Reisende mit ihrem freiwilligen Einsatz Waisen helfen wollten, wurde ein schwungvolles Geschäft daraus gemacht.

Katastrophentourismus: Eine weitere ungewöhnliche Tourismusart ist der Katastrophentourismus. Er unterscheidet sich von den vorherigen Beispielen, weil andere Beweggründe und Motivationen dahinter stecken. Wie der Begriff schon sagt, wird heute auch die Reise in Katastrophengebiete möglich gemacht. Eine andere Bezeichnung für diese Art von Tourismus ist „Dark Tourism“, zu Deutsch schwarzer Tourismus. Tragische Ereignisse lösen in uns Menschen den Gaffereffekt aus. Wir haben den Drang zu erfahren, was passiert ist. In der Heimat ist die Folge allenfalls ein Stau nach einem Autounfall. Ein Segment der Individualtouristen fühlt sich von diesen Gebieten angezogen und für Schaulustige werden heute sogar ganze Reisen angeboten. Der einzige Sinn und Zweck dahinter ist der Besuch von Krisengebieten und Katastrophenstätten. Beispiele sind Reisen nach Tschernobyl, zur Havarie der Costa Concordia oder zum „Ground Zero“. Verständliche Neugier oder respektlose Anmassung? Ein grosses Problem dabei ist die Sicherheit der Reisenden. Die Katastrophentouristen scheren sich meist nicht um die Empfehlungen des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten EDA. Im Notfall müssen dann die Heimatländer der Dark Tourists oder auch die Zielländer zur Hilfe eilen. Für beide Länder bedeutet das einen hohen finanziellen Aufwand, der vermeidbar gewesen wäre.

Gutes ist leider nicht immer gut

Die ansteigende Zahl an alternativen Tourismusangeboten – meist sehr umstritten – verlangt eine höhere Aufmerksamkeit. Wer an einer der oben genannten Tourismusformen bzw. –touren teilnehmen möchte, sollte sich auch über die negativen Aspekte orientieren. Grosse touristische Anbieter sollten in diesen Bereichen gemieden werden, weil der Profit ansonsten in die falschen Taschen fällt. Ein weiteres Alarmzeichen ist eine grosse Flexibilität im Buchungsprozess. Denn wenn das Angebot zu stark auf die Bedürfnisse der Touristen ausgerichtet wird, kommt die Bevölkerung selbst oftmals zu kurz. Lassen Sie sich von ihrem gesunden Menschenverstand leiten.

Tipps, um schlechte Erfahrungen zu vermeiden
- Informieren Sie sich über den Anbieter: Wo fliesst das Geld hin und was sind die Motive der Organisatoren?
- Klären Sie Ihre eigenen Motive und Erwartungen ab: Sind Sie neugierig, abenteuerlustig, engagiert oder offen?
- Haken Sie nach, ob die Gastgeberinnen informiert sind: Sind sie einverstanden mit ihrem Besuch?
- Bringen Sie ein hohes Mass an Respekt mit: Die Kamera sollte zuhause bleiben!
- Nehmen Sie sich Zeit: Richten Sie sich nach den Bedürfnissen der Gastgeber.
- Kommunizieren Sie auf Augenhöhe und helfen Sie nur dort, wo auch um Hilfe gebeten wird.

Quellen und weitere Informationen
fairunterwegs.org: Vom Freiwilligendienst zum Voluntourismus
Herrmann Frank, FAIRreisen, ISBN 978-3-86581-808-9
GEO: Slum Knigge
fairunterwegs.org: Besuch von Entwicklungs- und Umweltschutzprojekten
fairunterwegs.org: Der Ruf der Gefahr

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