Sozialistischer Umweltschutz – So war`s in der DDR

Berliner Mauer: Save our Earth Berliner Mauer: Save our Earth

Vor dreissig Jahren - am 9. November 1989 - fiel die Berliner Mauer. Zwei verschiedene Welten prallten aufeinander. Umweltpolitisch betrachtet, gab es auf beiden Seiten der Mauer Probleme.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde Deutschland in zwei Staatsgebiete aufgeteilt. Mit der Bundesrepublik Deutschland BRD und der Deutschen Demokratischen Republik DDR standen sich Kapitalismus und Sozialismus gegenüber. Während der Trennung hatten sich die beiden Hälften Deutschlands unterschiedlich entwickelt. Auch die Umweltpolitik von Ost und West wies grundlegende Unterschiede auf.

Dr. Ernst Paul Dörfler
Dr. Dörfler ist Experte in den Gebieten Umweltschutz und DDR. Er hat in der DDR gelebt und als Ökologe gearbeitet. Ausserdem war er Mitbegründer der Grünen Partei der DDR. Der ostdeutsche Natur- und Umweltschützer wurde von der Staatssicherheit genauestens überwacht. Als Autor hat er zahlreiche Bücher zu Natur, Umwelt, Gewässerschutz ua. veröffentlicht. Dr. Ernst Paul Dörfler hat uns einige Fragen für diesen Artikel beantwortet und von seinen Eindrücken der Umweltpolitik zu DDR-Zeiten berichtet. Seine Webseite findet sich hier und unsere Rezension zu seinem neusten Buch mit dem Titel „Nestwärme“ unter diesem Link.

Umweltprobleme

Die beiden Teile Deutschlands hatten im Grunde ähnliche Probleme im Umgang mit Natur und Umwelt. Die natürlichen Voraussetzungen und die Geschichte waren ja im ganzen Land gleich oder zumindest ähnlich. Dr. Ernst Paul Dörfler: „Die Luft wurde verschmutzt, die Flüsse waren schmutzig – egal ob Rhein oder Elbe.“ Abwasser wurde teilweise ungeklärt in Flüsse oder Seen geleitet. Über die verheerenden Konsequenzen solchen Handelns war man sich lange Zeit nicht bewusst. „Der Druck von der Öffentlichkeit aber, der führte dazu, dass im Westen die Verschmutzung (…) mindestens zehn Jahre früher in Angriff genommen wurde als in der DDR.“ Diese zehnjährige Verspätung hatte zur Folge, dass die Umweltschäden in der DDR ein problematisches Ausmass annahmen.

Vertuschung in der DDR

Raubbau, wirtschaftsorientierte Politik, Klimasünden: All das war aus Sicht der DDR eine dunkle Wesenseigenschaft des Kapitalismus. Im Sozialismus würden Umweltprobleme nicht existieren, weil da die Interessen der Allgemeinheit im Vordergrund stehen. Offiziell hatte die DDR bis 1989 keine schweren Umweltprobleme. Seit 1980 wurden Umweltdaten aber als streng geheim eingestuft. Die Wissenschaftlerinnen haben die Verschmutzung der Umwelt in der DDR fleissig gemessen. Die Datenlage soll sogar besser gewesen sein als im westlichen Deutschland. Aber diese brisanten Informationen durften unter keinen Umständen in Umlauf geraten. Dr. Dörfler erinnert sich an die Zensur mit folgenden Worten: „Ich musste unterschreiben, dass ich meine Kenntnisse nicht an die Öffentlichkeit gebe. Es gab ein Verbot Umweltdaten zu sammeln und zu verbreiten.“ Die Bevölkerung hat dann aber mit der Zeit die Umweltschäden von selber wahrgenommen.

Realität

Hinter den Kulissen erkannte man nämlich: Die Wirtschaft der DDR war hauptsächlich auf die Braunkohle ausgerichtet. Das hatte zur Folge, dass Ostdeutschland als einer der grössten Kohlendioxidverschmutzer ganz Europas galt. Ein weiterer zentraler Faktor der Umweltbelastung in der DDR sind militärische und industrielle Altlasten, die den ostdeutschen Boden vergifteten. Die Förderung von Uranerz führte zusätzlich zu radioaktiv kontaminierten Gebieten. Ein weiteres Problem stellte die Abfallentsorgung dar: Über 13`000 wilde Müllkippen wurden ohne Rücksicht auf die Umwelt betrieben. Ausserdem nahm der Osten ab 1974 die Abfälle des Westens gegen Devisen an. So landeten jährlich etwa 2.5 Millionen Tonnen BRD-Abfall in der DDR. Die hohe Luftbelastung hatte gesundheitsschädigende Auswirkungen auf die Bevölkerung. Man stellte eine Häufung von Atemwegs- und Hauterkrankungen fest. 

Verschiedene Mentalitäten

Trotzdem können die Wirtschaft und das Leben der Ostdeutschen nicht pauschal als umweltschädlich verurteilt werden. Der Sozialismus an sich ist eher umweltschonender als der Kapitalismus. „Die Knappheit war der Treiber für ressourcensparendes und flächenschonenderes Wirtschaften.“ – Dr. Dörfler. Die DDR war gewissermassen gezwungen, umweltfreundlich zu wirtschaften. Im Gegensatz zum Westen hatten sie nämlich nur die Ressourcen innerhalb ihrer Grenzen zur Verfügung. „Die DDR war ein Musterland der Reparatur und der Wiederverwendung.(…) Früher wurde das belächelt (…). Inzwischen hat man begriffen, dass langlebige Produkte ökologischer und vorteilhafter sind.“ Die BRD aber hatte Zugriff auf den weltweiten Markt. Es entwickelte sich eine Wegwerf- und Konsumgesellschaft, mit entsprechender Belastung für Natur und Umwelt.

Ostdeutschland: Paradies der Innovation

Neben der ressourcenschonenden Grundeinstellung in Ostdeutschland gab es auch fortschrittliche Projekte. SERO stand für die Sekundär-Rohstofferfassung. Das war ein innovatives Recycling-System mit folgendem Konzept: Kinder der DDR klingelten bei den Nachbaren und sammelten altes Glas, Papier, Metall, usw. ein. Diese Rohstoffe wurden schliesslich für ein Taschengeld zu SERO-Annahmestellen gekarrt. Die Materialien konnten so recycelt und wiederverwendet werden. Das ist nur ein Beispiel der Innovationen aus DDR-Zeiten, von denen wir uns eine Scheibe abschneiden könnten.

…Fortsetzung folgt im zweiten Teil

Quellen und weitere Informationen:
SRF Echo der Zeit: DDR - Umweltschutz war damals das dringendste Problem
Konrad Adenauer Stiftung KAS: DDR Mythos und Wirklichkeit – Umweltschutz
Umwelt im Unterricht: Umweltpolitik in der DDR
Deutschlandfunk: Dreck gegen Devisen
Zeit: Interview mit Dr. Ernst Paul Dörfler

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