Man stelle sich ein Land vor, so groß wie Australien und Europa zusammen. Sonniger als Kalifornien und kälter als das Gefrierfach eines Kühlschranks. Trockener als Arabien und höher als die Schweiz. Leerer als die Sahara. Es gibt nur einen Ort auf der Welt, auf den diese Beschreibung zutrifft: die Antarktis – dieser fremde, aber wunderschöne Kontinent im untersten Teil der Erde.
J. M. Dukert, Buchautor
Geschichte des Antarktis-Tourismus
Bis Ende der 1950 Jahre, als die ersten touristischen Reisen in die Antarktis stattfanden, bestand der Hauptanteil der Antarktisreisenden aus Wissenschaftlerinnen. Die ersten zahlenden Gäste reisten zunächst mit den Forschern zusammen. 1966 entwickelte der schwedisch-amerikanische Reiseunternehmer und Entdecker Lars-Eric Linblad sein „Lindblad-Modell“. Zum ersten Mal fuhren Kreuzfahrten ins Südpolarmeer, jedoch fanden anstelle eines typischen, für Kreuzfahrten üblichen Unterhaltungsprogramms auf dem Schiff Vorträge und Informationsveranstaltungen von Fachleuten statt. Dieses Modell wird bis heute angewendet. Jedoch sind auch einige andere, besorgniserregende Aktivitäten hinzugekommen.
1991 war das Gründungsjahr des Internationalen Verbands der Antarktis Reiseveranstalter (IAATO), der es sich auf die Fahnen geschrieben hatte, den sicheren und umweltverträglichen Tourismus zu fördern und zu gewährleisten. Zu dieser Zeit besuchten rund 6700 Menschen aus touristischen Zwecken die Antarktis. Innerhalb der nächsten 15 Jahre hat sich die Zahl auf 37.000 Besucher verfünffacht. In der Saison 2018/ 2019 besuchten über 56.000 Touristen die Antarktis.
Reisezeit
Die Reisezeit ist der Südsommer, also von November bis März. Überwiegend wird das Gewässer der antarktischen Halbinsel angefahren, da dieses Gebiet im Sommer weitestgehend eisfrei ist. Dort besteht auch die Möglichkeit mit Schlauchbooten anzulanden. Beliebte Plätze zum Anlanden sind jene, die touristische Attraktionen bieten: Pinguine, Pflanzen, Gletscher, heisse Quellen oder Relikte aus der Walfangära. Nur zirka 160 Anlagestellen gibt es. Die daraus resultierende hohe Frequentierung hinterlässt vielerorts deutliche Spuren in den dortigen Ökosystemen.
Tourismus heute
Auch die touristischen Aktivitäten haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Was früher ein reines Besichtigen war, soll heute ein Abenteuer in der Wildnis sein. Die Anzahl der Tourenanbieter, die einen Erlebnisurlaub anbieten, steigt. Im Programm sind extreme Berg- und Skiwanderungen, Motorschlittenfahrten, Paragliding und Rundflüge. Wie die Anlandungen der Kreuzfahrtschiffe konzentrieren sich viele der touristischen Aktivitäten auf die wenigen eisfreien Gebiete. Diese sind auch der Lebensraum vieler Pflanzen und Tiere. Es kommt zum Nutzungskonflikt zwischen Mensch und Tier. Allein die grosse Menge an Besuchern führt zu Veränderungen der Habitate und so zur Gefährdung der Pflanzen und Tiere. Es handelt sich um ein extrem empfindliches Ökosystem, bei dem Störungen gering gehalten oder vermieden werden sollten.
Regulierungen ohne Kontrolle
Die Arbeitsgruppe Tourismus des jährlichen Treffens der Konsultativstaaten (Antarctic Treaty Consultive Meeting) erstellte die seit 2005 verbindlich geltenden Besucherrichtlinien. Zum Beispiel muss ein Mindestabstand von fünf Metern zu den Tieren eingehalten werden. 2007 sprach sie eine Empfehlung aus, alle touristischen Aktivitäten, die langfristig zur Zerstörung der Umwelt führen, zu vermeiden. Darunter fällt insbesondere der Bau von permanenter Infrastruktur, wie der Bau von Hotels. Ein rechtsverbindlicher Beschluss von 2009 reguliert die Anlandungen. Es dürfen nie mehr als 100 Personen gleichzeitig an Land gehen und nur ein Schiff pro Landungsplatz vor Ort sein. Pro 20 Personen muss ein geschulter Reiseleiter die Gruppe auf dem Land begleiten.
Doch reichen diese Empfehlungen aus, und wer kontrolliert die Beschlüsse?
Eine Forscherin aus Jena untersuchte das Stressempfinden bei den Riesensturmvögeln. Dabei beobachtete sie die Herzfrequenz, die stark anstieg, wenn Touristen sich den Vögeln auf 50 Meter näherten. Stress bedeutet, dass die Tiere Energie verbrauchen. Bei häufigen Störungen verlieren sie unter Umständen so viel Energie, dass sie bei einer Schlechtwettersituation nicht mehr genügend Reserven zur Verfügung haben, um zu überleben. Das dürfte auch für die übrigen Tiere gelten. Der Kontakt mit Menschen ist für die Tiere der Antarktis viel belastender als für unsere heimische Fauna, die an den Menschen gewöhnt ist. Generell seien jedoch nicht die Kreuzfahrt-Touristen das Problem, meint Hans-Ulrich Peter vom Institut für Ökologie der Universität Jena, solange sie sich nur für kurze Zeit auf dem Land aufhalten und von professionellen Führern geleitet werden. Problematischer seien die Abenteuertouristen, die in der Antarktis zelten, aufs offene Gewässer paddeln, Gletscher besteigen oder Tauchen gehen. Doch gerade diese Branche des exklusiven Tourismus wächst und schadet so der einzigartigen Flora und Fauna der Antarktis.
Quellen und weitere Informationen:
Umweltbundesamt: Leitfaden für Besucher der Antarktis
Uni Jena: Einschätzung des Gefährdungsgrades der Antarktis
The Protocol on Environmental Protection to the Antarctic Treaty
Diercke: Pro und Contra für den Tourismus in der Antarktis
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