«Können Tiere planen?»

Eichhörnchen bereiten sich fleissig auf den Winter vor — aber gilt das als Planung? Eichhörnchen bereiten sich fleissig auf den Winter vor — aber gilt das als Planung?

Eichhörnchen verstecken ihr Futter, Meisen steuern die Brutzeit ihres Nachwuchses und Bonobos wissen, welches Werkzeug sie mitnehmen müssen, um an Futter zu kommen. Heisst das, dass auch Tiere planen können?

Wir Menschen denken fast ständig an die Zukunft. Was gibt’s heute zum Abendessen? Wohin soll der nächste Urlaub gehen? Mentale Zeitreisen nennt man diese Gedanken, die evolutionär betrachtet nützlich sind, denn sie ermöglichen es uns, auf eventuelle Gefahren in der Zukunft vorbereitet zu sein und aus Erfahrungen in der Vergangenheit zu lernen. Doch ist diese Eigenschaft alleine uns Menschen gegeben oder ist sie auch im Tierreich verbreitet?

Affen packen das richtige Werkzeug ein

Wir wissen zwar nicht, was genau in den Köpfen anderer Tiere vor sich geht. Dass gewisse Tiere aber vorausplanen und ihr Verhalten entsprechend anpassen, das können wir beobachten. Beispielsweise anhand von Experimenten an Bonobos: In diesem Experiment untersuchten Forscher des Max-Planck-Institut in Leipzig Bonobos und Orang-Utans aus dem örtlichen Zoo. Die Affen mussten sich einen komplexen Weg merken, um an Leckereien zu kommen. Sie durften dazu unterschiedliche Werkzeuge mitbringen und benutzen. Bislang wurde bei der Forschung zu Werkzeuggebrauch und Planungfähigkeit nur die Erfüllung eines unmittelbaren Bedürfnisses getestet, die kein langfristiges Planen erfordert. Wenn Primaten zum Beispiel Steine transportieren, um damit Nüsse zu knacken oder Krähen Äste benutzen, um Insekten zu fangen, tun sie dies, um ihren aktuellen Hunger zu stillen. Bei dem Experiment am Max-Planck-Institut hingegen mussten sich die Affen daran erinnern, das richtige Werkzeug mitzunehmen und es später wieder für den nächsten Test zurückzubringen. Sowohl Orang-Utans als auch Bonobos bestanden die Tests mehrmals, was auf die Fähigkeit zur Planung zukünftiger Aktivitäten hindeutet.

Raben stehen Menschenaffen in nichts nach

Nicht nur Primaten, sondern auch Vögel sind in der Lage, gewisse Dinge vorauszuplanen. Eichelhäher beispielsweise merken sich, wer ihnen beim Futterverstecken zugeschaut hat. Sie legen später das Versteck um, wenn der andere Vogel nicht mehr zusieht. Sie tun dies jedoch nur bei potenziellen Konkurrenten — wenn ihnen etwa die Partnerin zuschaut, lassen sie das Futter im ersten Versteck  liegen.

In einem neuen Experiment zeigte sich, dass Kolkraben für Vorhaben wie Werkzeuggebrauch und Tauschgeschäfte bis zu 17 Stunden im Voraus planen können. Die Vögel mussten Gegenstände aufbewahren, die zum Erreichen von Futter dienen — entweder direkt als Werkzeug oder als Tauschobjekt. Dies taten sie mit Bravour. Ihre Leistung in dem Bereich steht der von Menschenaffen in nichts nach.

Bei kaltem Frühlingswetter würde man vermuten, dass die Vogeleltern länger auf ihrem Gelege sitzen. Meisen machen es aber genau umgekehrt: Sie nutzen kältere Wetterverhältnisse, um für sich auf Nahrungssuche zu gehen. Das machen sie nicht aus egoistischen Gründen, sondern ganz bewusst, damit ihre Küken dann schlüpfen, wenn es wieder wärmer und das Nahrungsangebot grösser ist.

Was nicht zum Planen dazugehört

Nun ist es aber nicht immer trennscharf, was genau als Planen gelten kann. Zwar legt auch ein Eichhörnchen Vorräte für den Winter an und wirkt damit planvoll. Solche Verhaltensweisen sind aber im Laufe der Evolution in Reaktion auf sich wiederholende Ereignisse wie den nahenden Winter entstanden. Deshalb gilt das vorbereitende Nüsseverstauen beim Eichhörnchen nicht als planerisches Verhalten, sondern als ein reiner Automatismus. Das Tier zeigt kein wirkliches Bewusstsein dafür, was als Nächstes kommt: Auch ein Eichhörnchen, das die Erfahrung gemacht hat, den ganzen Winter durchgefüttert zu werden, legt im Herbst eine Vorratskammer an. Echte Planung hingegen sollte flexible Antworten auf immer neue Situationen beinhalten.

Tiere können Dinge vorausplanen, die wir nicht beherrschen

Über 130 Säugetiere können etwas, was bei uns Menschen nicht klappt: Die Geburt ihrer Jungen hinauszögern. Für die Tiere ist diese Strategie überlebenswichtig. Hat sich beispielsweise ein Bärenweibchen gepaart, könnte sich der befruchtete Embryo im Uterus ganz normal einnisten. Doch ihr Körper prüft zuerst, ob sie über ausreichend Fettreserven verfügt, um das Bärenjunge durchzubringen. Wenn nicht, hält die Mutter den Embryo zurück. Anderes Szenario: Die Bärenmutter hat aktuell schon zu viele Jungen zu versorgen und möchte das neue Junge lieber etwas später auf die Welt bringen. Sie kann dafür sogar ein Embryo als eine Art „Back-Up“ zurückstellen. Sollte etwas mit der aktuellen Trächtigkeit nicht klappen, wäre dann sozusagen noch ein Bärenembryo in der Warteschleife. Grundsätzlich können Säugetiere ihre Trächtigkeit einige Tage oder sogar Monate verzögern. Das australische Derbywallaby kann die Geburt beispielsweise bis zu elf Monate aufschieben.

Dieses Beispiel illustriert dann auch gleich, mit welchen grundsätzlichen Fragen wir uns herumschlagen, wenn es um die Erforschung einer komplexen kognitiven Leistung wie der Planungsfähigkeit geht. Beruht die „Familienplanung“ der Bärenmutter auf einer bewussten Entscheidung und Abschätzung der eigenen Lebensumstände, oder auf einer schlichten Stoffwechselfunktion? Nach den Regeln der Naturwissenschaft sollten wir von der simpleren der beiden Möglichkeiten ausgehen – also in diesem Fall der letzteren. Das schliesst dann aber die erste Möglichkeit noch nicht aus. In philosophische Höhen steigt die Diskussion, wenn wir noch hinterfragen, ob eine bewusste Planungsentscheidung stets höher zu werten sei als eine evolutionär vorgezeichnete – und inwiefern unsere eigene diesbezügliche Fertigkeit Ausdruck des ersten oder des zweiten sei.

Doch wie dem auch sei: Anlässlich unseres momentanen Kenntnisstandes können wir mit grosser Zuversicht nachweisen, dass wir Menschen nicht die einzigen Lebewesen sind, die in die Zukunft schauen. Vielleicht deckt die Verhaltensbiologie bald noch weitere Fähigkeiten in anderen Tieren auf, von denen wir bislang nur träumen können…

Quellen und weitere Informationen:
N. J. Mulcahy and J. Call (2006): Apes save tools for future use
Dally, J. M. et al. (2006): Food-caching western scrub-jays keep track of who was watching when
ISCRM: Metabolism, mTOR, and the mysteries of diapause

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