Atomausstieg - wie lange laufen die alten Reaktoren noch?

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Tschernobyl, einige Atomunfälle zuvor, aber insbesondere Fukushima haben die Weltöffentlichkeit aufgeschreckt und die Gefährlichkeit und unabsehbaren Folgen dieser Energiegewinnung aufgezeigt. Einige Atommeiler wurden daraufhin –teils nur vorübergehend- ausser Betrieb gestellt. Inzwischen ist aber wieder weitgehend Alltag eingekehrt und der Wille, den beschlossenen Atomausstieg zu vollziehen, ist vielerorts verpufft. Insbesondere in der Schweiz mit ihrem ältesten Reaktorpark der Welt hat es die Politik bisher verpasst, das Lebensende der fünf Atomkraftwerke mit festen Abschaltdaten zu regeln. Damit wird die nukleare Sicherheitslage verschärft, und das Unfallrisiko für die Bevölkerung steigt.

Am NuclearPhaseout Congress vom 21. März 2016 in Zürich hat die Schweizerische Energie-Stiftung dazu in- und ausländische Experten zu Wort kommen lassen. Dabei galt ein erster Themenblock dem Umgang mit alten Reaktoren und ein zweiter der Zukunft der Atomindustrie.

Anhand der beispielhaft vorgebrachten realen Belege kann aus den Darlegungen der Experten geschlossen werden, dass einerseits nach 40 Jahren Betrieb die schwindenden Sicherheitsmargen ein steigendes Risiko bedeuten und andererseits die Beurteilung der AKW-Sicherheit Ermessenssache ist. Insbesondere bei den ältesten Reaktoren der Welt Beznau I und II (1969 und 1971) finden die Prüfverfahren immer wieder Herstellungsfehler und zeigen auf, dass es technisch unmöglich ist, die Werke auf den erforderlichen Sicherheitsstandard zu bringen. Der Umfang der Nachrüstungen wird –in gegenseitiger Absprache zwischen Betreiber und Aufsichtsbehörde- durch wirtschaftliche Kriterien bestimmt, was dem Schutz des Betreibers und nicht der Bevölkerung gleichkommt.

Aufgrund von Materialalterung, -ermüdung und Korrosion, ebenso wie aus Gründen sich verändernden technischer Verfahren, müsste die Betriebsdauer der AKWs von Beginn weg auf 30 – 40 Jahre festgeschrieben sein. Im Vergleich mit einem Auto oder der Haustechnik in Gebäuden erscheint dies plausibel.

Atom-Sicherheit lässt sich nicht definieren, Selbst wenn eine Anlage als „sicher" bezeichnet wird, bedeutet dies nicht, dass kein Unfall geschehen kann. Dafür garantieren auch die (politisch immer eingebundenen) Aufsichtsbehörden nicht. Verantwortlich ist jedoch der Betreiber, -auch gegenüber der Bevölkerung. Das von den ältesten Schweizer AKW ausgehende Risiko ist gross, da Unfallauslöser vorhanden sind. Die Wahrscheinlichkeit der Beherrschung ist aber gering. Die radioaktive Wolke würde zu einer grossräumigen Evaquation der Bevölkerung führen.

Das Bewusstsein, dass ein Unfall geschehen kann, ist geschwunden. Selbst der Direktor des Eidg. Nuklearsicherheitsinspektorats Hans Wanner stellt fest, dass heute die Wirtschaftlichkeit im Zentrum steht und nicht die Sicherheit. Er fordert aber, dass politische und wirtschaftliche Überlegungen nicht zu Abstrichen bei der Sicherheit der AKW führen dürfen. Er bedauert auch, dass die Reaktoren über unbefristete Konzessionen verfügen und das Parlament das Langzeitbetriebskonzept (40 Jahre Laufzeit, dann regelmässige Überprüfungen und Nachrüstungen) abgelehnt hat.

Während die Atommeiler jahrelang maximale Gewinne abwarfen, sind sie heute nicht mehr rentabel zu betreiben. Somit werden Investitionen zurückgefahren. Mühleberg soll deshalb 2019 vom Netz genommen werden. Sicherheit wird der Profitabilität geopfert. Zwangsläufig stellt sich die Frage nach der genügend grossen Sicherstellung der Rückbau- und Entsorgungskosten. Die in Diskussion stehende Auslagerung der AKW in eine Auffanggesellschaft lässt nichts Gutes erahnen.

Noch immer gibt es keine Lösungen für die Endlagerung des radioaktiven Materials. Jürgen Trittin, der frühere deutsche Bundesumweltminister, stellt dazu fest, dass mit der Atomproduktion begonnen wurde, ohne zu wissen, wie und wo der Müll entsorgt werden soll und vergleicht dies mit einem Flugzeug, das startet, ohne zu wissen, ob irgendwo eine Landepiste existiert. Er fordert eine generelle Laufzeitbeschränkung und einen geordneten, schrittweisen, aber sofort einsetzenden Ausstieg aus der Atomenergie, damit einerseits die vorhandenen Fachleute für den Rückbau der Anlagen eingesetzt werden können und andererseits ein geregelter und umfassender Einstieg in die erneuerbaren Energien realisiert werden kann. Dabei spielen die staatlichen Subventionen eine wichtige Rolle. Allerdings kann nicht ausser Acht gelassen werden, dass beispielsweise in Deutschland zwischen 1970 und 2012 für die erneuerbaren Energien zwar 54 Mrd. Euro aufgewendet wurden, aber für die Atomenergie 187, für Steinkohle 177 und für Braunkohle 65.

Eindrücklich gestaltete sich der abschliessende Auftritt von Naoto Kan, der während der Katastrophe von Fukushima Japans Premierminister war. Seine Schilderung zeigte die enormen Schwierigkeiten auf, trotz genügender und sich auch widersprechender Informationen handeln zu müssen. Heute stellt er ein damals systematisches Versagen der verantwortlichen Personen fest, die nicht fähig waren, die Auswirkungen der innerhalb von vier Tagen geschmolzenen drei Kerne (in Tschernobyl schmolz ein Reaktorblock) zu beurteilen und zu beherrschen. Interessanterweise wurde aber schon für den Bau des Atomkraftwerks Fukushima der eigenartige Entscheid gefällt, das ursprünglich 35 m über dem Meeresspiegel gelegene Gelände abzutragen, um das zur Kühlung benötigte Meerwasser nicht so hoch hinauf pumpen zu müssen und um angeblich einen besseren Schutz vor Tornados zu erzielen!

Noch heute werden täglich 3 t Wasser zur Kühlung benötigt. Dieses wird versucht, in Becken aufzufangen, läuft aber –verstrahlt- teilweise ins Meer. Noch immer sind 100'000e Menschen evaquiert und wissen nicht, wo sie dereinst leben können. Es wird noch Jahrzehnte dauern (vgl. Tschernobyl) und entsprechende Finanzmittel verzehren, bis die bestehende Gefahr gebannt werden kann.

Weitere Informationen:
NPC 2016 Nuclear Phaseout
Congress Referate NPC 2016

 

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