Des einen Lärm, des andern Freud

26 Feb 2014

Laut WHO stellt Lärm das zweitgrösste Gesundheitsrisiko im Bereich der Umweltbelastungen dar – gleich nach der Luftverschmutzung. Dennoch ist er, ausserhalb von beiläufigen verärgerten Kommentaren, als Umweltrisiko weder in der Umweltdiskussion noch im öffentlichen Bewusstsein besonders präsent. Umso mehr lohnt es sich, im Hinblick auf die kommende Fasnacht einen kurzen Blick auf das Phänomen Lärm zu werfen.

 Dass der Lärm nicht als Umweltbelastung ähnlich dem Feinstaub oder der Radioaktivität gewertet wird, hat wohl eine ganze Reihe von Gründen. Da wären einmal wirtschaftliche Interessen, die die zunehmende Geräuschentwicklung als einen Preis des technischen Fortschritts anpriesen und sich so in Opposition zu Lärmverordnungen und ähnlichen Reglementierungsbestrebungen befanden und befinden – siehe Fluglärmdebatten. Dies mag auch ein Gefühl der Machtlosigkeit gegen diese ‚unvermeidbaren‘ Lärmquellen der Mobilität und der Industrie begünstigt haben. Doch ein noch schwerwiegenderer Grund ist wohl in uns selbst, der breiten Masse der Lärmkonsumenten, angelegt. Denn der Begriff und das Verständnis des Lärms sind diffus, und wir alle sind des Lärmes Quellen.

Was als Lärm gilt, ist zu nennenswerten Teilen subjektiv. Der Kindergarten um die Ecke, die Musik des Nachbars, die Kirchenglocken am Morgen werden vom Einzelnen meist nur dann als Lärm interpretiert, wenn sie ihn stören - also wenn er sie nicht mit positiven Werten besetzt hält, die ihn dann mit Wohlgefühl belohnen. Nun lässt sich über Geschmack bekanntlich nicht besonders folgewirksam streiten. Was indessen von den meisten Menschen als unangenehm erlebt wird, sind Verkehrs-, Baustellen-, oder Rasenmäherlärm; sprich, der Lärm von Maschinen. Im Gegenzug ist die Natur keineswegs besonders leise. Wer einmal neben einem Wasserfall ein Gespräch zu führen versuchte oder sich am Ufer eines sommernächtlichen Teiches niederliess, kann ein (wahrscheinlich übertöntes) Liedchen davon singen. Doch Geräusche über der Schmerzschwelle bringt die Natur kaum hervor, und auch bezüglich ihrer Rhythmen und Frequenzen scheint sie uns besser ins Ohr zu passen. Der Anstieg der Lärmbelästigung lässt sich also, trotz Fröschen, Gewittern und Flüssen, berechtigterweise als ein zivilisatorisches Problem festmachen.

Der eigene Hund macht keinen Lärm, er bellt nur“
                                                          Kurt Tucholsky

Natürlich gibt es auch harte Fakten, die sich bezüglich Schalldruck, Geräuschpegel und Lärmaufkommen festhalten lassen. Die Schmerzschwelle von Schall, also der ganz offizielle Punkt, an dem er zu Lärm wird, liegt zwischen 120 und 130 Dezibel (dB). Ein startender Düsenjet oder eine Trillerpfeife, in die direkt neben dem Ohr geblasen wird, liegen über diesem Wert, ein Presslufthammer noch darunter. Bezüglich der möglichen Schädigungen des Ohrs muss dieser Wert jedoch nicht erreicht werden: Hier zählt vor allem auch die Zeitdauer, während denen man Lärmbelastungen oberhalb jener eines normalen Gesprächs (60dB) ausgesetzt ist.

Die wohl direkteste Schädigung durch Lärm ist jene des Ohrs. Tinnitus und Lärmschwerhörigkeit sind weit um sich greifende Volkskrankheiten, und dies nicht nur bei chronischen Heavy-Metal-Konzertbesuchern oder Hobbyschützen. Über ein Sechstel der Schweizer sind übermässigem Lärm zu Hause oder bei der Arbeit ausgesetzt. Hoher Schalldruck wird als Stress wahrgenommen, was dann zur verstärkten Ausschüttung von Hormonen wie Cortisol oder Adrenalin und Bluthochdruck mit einer ganzen Anzahl von körperlichen Auswirkungen – bis zum Herzinfarkt und Störungen des vegetativen Nervensystems und des Immunsystems – führt. Die Folter durch Beschallung ist also keine rein psychologische. Konstante Schlafstörungen haben ebenfalls eine ganze Bandbreite von Folgen: Was Unausgeschlafenheit im Strassenverkehr anrichten kann, sei hier nur einmal als Beispiel angedeutet. Ihre psychologischen Folgen reichen von Reizbarkeit bis zur Depression. All dies hat wiederum soziale Folgen. Wer es sich leisten kann, zieht weg vom Lärm; die Ärmeren bleiben im Lärmghetto an der Durchgangsstrasse.

In Bezug auf die Fasnacht lässt sich anmerken: Viele der Instrumente, die eine Guggemusig bei sich trägt und mit Energie bearbeitet, operieren bedenklich nah der Schmerzschwelle. Die Interpretation dieses Ausnahme-„Lärms“ wird dem einen mehr Wohlgefühl einbringen als dem andern, und bezüglich solcher auseinandergehenden Positionen kann man nur an die erprobten sozialen Mechanismen von Rücksichtnahme, Kommunikation und Toleranz appellieren. Bezüglich der harten Fakten jedoch muss die Ausrüstung mit Ohrenwatte empfohlen sein.

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