Der Umwelt zuliebe zum Schneider

15 Jan 2015
Brigitte Heinzer nimmt in ihrem Nähatelier "Fadenschlag" einen Auftrag zum Flicken entgegen. Brigitte Heinzer nimmt in ihrem Nähatelier "Fadenschlag" einen Auftrag zum Flicken entgegen.

Jedes Kleidungsstück, auch dasjenige aus Bio-Baumwolle, hat einen ökologischen Fussabdruck. Gleichzeitig werden die Textilien oft unter haarsträubenden sozialen und gesundheitlichen Bedingungen in Entwicklungsländern gefertigt. Es lohnt sich daher, Kleidern möglichst Sorge zu tragen, sie lange zu tragen – und sie zu flicken! Wer Talent und Werkzeug hat, kann dies gleich selbst tun. Wem es daran mangelt, der geht am besten zum Schneider. Umweltnetz-schweiz hat es ausprobiert und hat ein paar Kleider mit Überholbedarf vorbeigebracht.

Eigentlich war es früher ganz normal: Den kaputten Schuh liess man vom Schuhmacher reparieren, hatten die Hosen oder das Hemd Löcher, kamen sie zum Schneider – oder eine Frau des Hauses konnte sie gleich selbst flicken. Mit den oftmals unglaublich tiefen Preisen in Kleiderläden „lohnt“ es sich finanziell und zeitlich oftmals kaum mehr, die Kleider reparieren zu lassen; das neue Stück ist ja gleich auch noch modischer und rasch gekauft. Zudem liessen sich viele Materialien heutzutage oftmals gar nicht mehr gut flicken, heisst es allenthalben. Umweltnetz-schweiz wollte es genauer wissen und hat den Selbstversuch gewagt, schliesslich sind reparierte Kleider um einiges umweltschonender als Neue.

Kleider flicken im „Fadenschlag“

Ich will es wissen und bringe gleich einen ganzen Rucksack voll Kleider mit ins Nähatelier „Fadenschlag“ in Luzern. Da wäre zuerst die Winterjacke. Meine Mutter meint zwar, so könne man nicht mehr herumlaufen, völlig verwaschen und mit all diesen Löchern. Doch ich will nicht glauben, dass sich eine solche Jacke nicht wieder aufmöbeln lässt. Brigitte Heinzer, die Besitzerin des „Fadenschlags“, bestätigt: Die Löcher könne sie gut nähen und das Futter sei ja noch in Ordnung. Eine Jeans mit Löchern im Schritt vom Velofahren möchte ich ebenfalls flicken lassen. „Das sollte funktionieren“, meint Brigitte Heinzer.

„Es ist schon lustig: Was sich heute fast ein bisschen hip, ein wenig öko anfühlt, war früher ganz normal."


Etwas weniger optimistisch ist sie bei zwei Manchester-Hosen. Der Stoff ist schon stark aufgelöst und durchlöchert. Um diese zu flicken, müsste sie fast die kaputten Stücke herausschneiden und neuen Stoff einnähen. Ob das dann noch entsprechend gut aussieht? Ich entschliesse mich, in den nächsten Tagen auf Stoffsuche zu gehen. Zu guter Letzt habe ich noch eine Hose dabei, die noch in sehr gutem Zustand ist, doch der Schnitt stammt aus einer Zeit, als Skater die Hosen noch weit und baggy mochten. Diese könne sie leicht anpassen, meint Brigitte Heinzer. Ich ziehe die Hosen an und sie steckt die gewünschte, neue Passform ab.

Tradition wird hip

Es ist schon lustig: Was sich heute fast ein bisschen hip, ein wenig öko anfühlt, war früher ganz normal. Brigitte Heinzer erzählt von ihrer Grossmutter, die bereits Schneiderin war – zu dieser Zeit nicht selbstverständlich. Die Grossmutter habe Mäntel auseinandergenommen, wenn sie etwas älter waren und einfach die Innenseite nach aussen gedreht. Oder aus einem alten Hochzeitskleid habe sie Blusen für die Mädchen genäht. Die Nachfrage bei der Kundschaft sei sehr gross und es bestehe ein extremes Bedürfnis, Sachen korrigieren, flicken oder anpassen zu lassen. Brigitte Heinzer hat heute zwei Angestellte, die 80 bis 100 Prozent arbeiten und zwei Heimarbeiterinnen, zur Unterstützung in der Hochsaison unterstützen. Wann diese sei, möchte ich wissen. „Fast das ganz Jahr durch“, antwortet die Chefin lachend.

„Die Produktion eines Baumwoll-T-Shirts verbraucht bis zu 2000 Liter Wasser, ungefähr 150 Gramm Pestizide, und drei Viertel der weltweit erzeugten konventionellen Baumwolle stammt von genmanipulierten Pflanzen."


Die diplomierte Schneiderin hat das Atelier vor rund neun Jahren übernommen. Eine ältere Frau hatte den „Fadenschlag“ zuerst als Flickstube gegründet, doch die Nachfrage sei grösser und grösser geworden, erzählt Brigitte Heinzer; und sie wächst noch immer. Die Leute brächten ihre Lieblingsstücke zum Flicken mit, oder schöne Sachen aus der Brockenstube, die sie abändern möchten. Kunden kommen aber auch mit Grossmutters Jacke oder Sachen, die sie im Internet gekauft haben, die aber nicht ganz passen wollen. Die älteren Sachen seien oft von viel besserer Qualität als die heutige Ware, berichtet die Schneiderin. Es lohne sich, Qualität zu kaufen, solche Sachen hielten viel länger. Am meisten bringen die Leute übrigens Jeans zum Flicken mit. Dort störe es auch am wenigsten, wenn Reparaturstellen sichtbar sind, was heute ohnehin modern sei.

Problemkind Textilindustrie

Über die Schattenseiten der Kleiderproduktion findet sich auf umweltnetz-schweiz.ch eine ganze Sammlung an Artikeln. Zur Kostprobe ein paar daraus zusammengetragene Argumente dafür, dass es sich eben lohnt, den Schneider aufzusuchen: Die Produktion eines Baumwoll-T-Shirts verbraucht bis zu 2000 Liter Wasser, ungefähr 150 Gramm Pestizide, und drei Viertel der weltweit erzeugten konventionellen Baumwolle stammt von genmanipulierten Pflanzen. In Kleidern landet rund ein Drittel aller weltweit eingesetzten Chemikalien, diese sind oft gesundheitsgefährdend – für Produzent wie Träger der Textilie.

„Es lohnt sich also aus ökologischer und sozialer Sicht, Kleidern Sorge zu tragen, sie zu pflegen und sie eben auch flicken zu lassen."


Hinzu kommen oft unmenschliche Arbeitsbedingungen und eine schreiend ungerechte Verteilung des Gewinns. So gehen im Durchschnitt 1 Franken einer 100-Franken-Jeans an den Arbeiter, 11 Franken werden für den Transport, 13 Franken für Material- und Fabrikkosten, 25 Franken für Markenwerbung eingesetzt und 50 Franken gehen an den Detailhandel.

Kaum einer kann noch nähen

Diese Zahlen mögen von Marke zu Marke, von Ort zu Ort variieren. Doch sie zeigen: Beim Schneider geht ein grosser Teil direkt an die Arbeitnehmer, was bei den meisten gekauften Textilien nicht der Fall ist. Es lohnt sich also aus ökologischer und sozialer Sicht, Kleidern Sorge zu tragen, sie zu pflegen und sie eben auch flicken zu lassen. Das Nähatelier „Fadenschlag“ schneidert übrigens auch Massanfertigungen, die Nachfrage steigt ebenfalls laufend. Ein solches Stück ist zwar meist etwas teurer als ab der Stange, doch es sitzt und der Lohn geht zu grossen Teilen direkt an die Schneiderin. Warum ist das Atelier so beliebt? Brigitte Heinzer verortet den Grund nicht nur beim gestiegenen ökologischen Bewusstsein oder dem Trend zu Secondhand. „Es kann heute fast niemand mehr nähen“, lautet ein weiterer, simpler Grund. Für das Geschäft sei dies durchaus zuträglich, schmunzelt die sympathische Ladenbesitzerin.

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