Frösche aus der Türkei sorgen in der Schweiz für Geschrei

30 Jan 2015
Umstrittene Delikatesse: Froschschenkel Umstrittene Delikatesse: Froschschenkel

 Froschschenkel auf einem Teller in einer SRF-Sendung von letztem Freitag sorgten für grosse Aufregung. Der Verzehr der vermeintlichen Delikatesse ist in der Schweiz höchst umstritten. Die bedrohten Tiere stammen meist aus Wildfang. In der Schweiz ist dies zwar verboten, der Import von lebenden Fröschen sowie gefrorenen Froschschenkeln jedoch zulässig. Eine Motion von Nationalrätin Maya Graf versuchte bereits im Jahre 2009, auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Die Schenkel im Bären in Andermatt stammten von Fröschen, die in der Türkei wild gefangen wurden.

Froschschenkel im Restaurant, das gibt’s in der Deutschschweiz nicht alle Tage. Der Schwarze Bär in Andermatt hat die Delikatesse in der SRF-Sendung „Mini Beiz, dini Beiz“ von letztem Freitag nun publikumswirksam serviert; und sorgte für Aufsehen! Als Wirt Francesco Coldesina den fünf Beizentestern Froschschenkel an Knoblauchsauce servierte, ging ein Raunen durch die Schweizer Stuben.

Lebend aus der Türkei importiert

Laut 20 Minuten tischt der Schwarze Bär jährlich rund 200 Kilogramm Froschschenkel auf. Während im Welschland und im Tessin Frösche als Mahlzeit geläufiger sind, gehören sie sonst eher zu den südostasiatischen Spezialitäten. Die Tiere stammen meist aus dem asiatischen Raum, doch von einer Delikatesse kann eigentlich keine Rede sein: Die EU hat 1999 zirka 10‘000 Tonnen Froschschenkel importiert; dafür starben rund 400 Millionen Frösche. Die Froschschenkel werden dabei auf einem globalen Markt gehandelt und sind rund um die Uhr verfügbar. Ein Artikel in der Fachzeitschrift Conservation Biology zeigt: Dies war nicht immer so! Früher wurden Frösche vor allem saisonal und für den lokalen Markt gefangen. Dies bestätigt auch Guerino Coldesina. Der Vater von Wirt Francesco kocht im Bären. „Früher haben mir lokale Bauern die Frösche gebracht“, erzählt er gegenüber umweltnetz-schweiz, heute beziehe er die Schenkel aus der Waadt. Der Wildfang ist in der Schweiz allerdings verboten. Die Froschschenkel, welche die Tester in „Mini Beiz, dini Beiz“ verspeisten, stammten jedoch nicht etwa aus einer Zucht im Waadtland, wie der Artikel in 20 Minuten vermuten liess, sondern wurden als lebende Frösche aus der Türkei importiert. Guerino Coldesina sieht darin allerdings kein Problem, schliesslich hätte es in der Türkei noch sehr viele Frösche und sie dienten den Leuten als wichtige Lebensgrundlage.

„Früher haben mir lokale Bauern die Frösche gebracht.“
Guerino Coldesina, Wirt im Restaurant zum Schwarzen Bären, Andermatt

Der symapthische Koch, der ursprünglich aus dem Tessin stammt, bezieht die Froschschenkel von der Fivaz Vallorbe SA in der Waadt. Eine Anfrage bei deren Besitzer ergab: In Vallorbe werden die lebend aus der Türkei importierten Frösche gehalten und bei Bedarf geschlachtet. Ein Eisbad betäubt die Tiere, dann werden sie enthauptet und erst dann die Schenkel abgetrennt. Nur diese werden dann als Delikatesse serviert. Von den Amphibien werden nur die hinteren Schenkel gegessen. Der Rest (etwa 80 Prozent) ist Abfall. Für eine kleine Speise müssen sechs bis zehn Tiere getötet werden. Die Schenkel sind geschmacklich neutral und nehmen meist den Geschmack der Marinade an. Sie seien zarter als Poulet, berichten Feinschmecker. Den meisten Testern in der SRF-Sendung hatten sie aber etwas zu viel Knochen im Fleisch und zu wenig Fleisch am Knochen.

Import von potentiell gefährdeten Amphibien zum Verzehr

Aus der Türkei importiert die Fivaz Vallorbe SA Frösche der Arten Rana esculenta (Teichfrosch) und Rana ridibunda (Seefrosch). Der Teichfrosch steht in der Schweiz auf der Roten Liste der Amphibien als potentiell gefährdet. Der Seefrosch ist hingegen in der Schweiz nicht heimisch, wurde aber vor einiger Zeit eingeschleppt.

Indonesien dominiert Weltmarkt

Der globale Froschmarkt hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Während ab den 1950er-Jahren zuerst Indien und Bangladesch für rund 30 Jahre Marktführer waren, ist seit bald 30 Jahren Indonesien der weltgrösste Exporteur. Diese Situation entstand durch das Verbot des Handels im Jahre 1987 in Indien. Die Gründe dafür: Bedenken bezüglich der unmenschlichen Tötung der Frösche und dem Verlust der natürlichen Kontrolle von Schädlingen in der Landwirtschaft. Gleichzeitig wurden mehrere Froscharten als gefährdet eingestuft. Indonesien führt pro Jahr ungefähr 4000 Tonnen Froschschenkel aus; dies entspricht 150 Millionen Tieren. Die Frösche stammen dabei meist aus dem Wildfang und gehören zur Familie der echten Frösche: Nordamerikanische und asiatische Ochsenfrösche, Zahnfrosch, Philippinen-Frosch und südostasiatischer Reisfrosch. Der grösste Abnehmer in Europa ist Frankreich mit jährlich zirka 75 Millionen Tieren.

10 Millionen Frösche für die Schweiz

Die Schweiz hat laut Eidgenössischer Zollverwaltung 2006 rund 150 Tonnen Froschschenkel importiert, aktuellere Zahlen sind nicht vorhanden, da die Statistik seither die Schenkel nicht mehr seperat führt. Der Grossteil stammt aus Indonesien, 13 Tonnen aus der Türkei und 1,5 Tonnen aus Belgien. Laut einer Motion von Grünen-Nationalrätin Maya Graf entspricht dies zwischen 7 und 10 Millionen Tieren. Gleichzeitig wurden zwischen Januar und November 2014 rund 80 Tonnen lebende Frösche zur Gewinnung von Froschschenkeln importiert. Fast die Hälfte der Tiere kam aus Italien, ein Drittel aus den Niederlanden. Die Motion aus dem Jahr 2009 wurde nach zwei Jahren übrigens abgeschrieben; sie war zu lange hängig. Amphibien gehören dabei zu den weltweit gefährdetsten Tiergruppen. Die Forscher forderten deshalb im Artikel in Conservation Biology, den globalen Handel streng zu zertifizieren.

Kommentar schreiben

Die Kommentare werden vor dem Aufschalten von unseren Administratoren geprüft. Es kann deshalb zu Verzögerungen kommen. Die Aufschaltung kann nach nachstehenden Kriterien auch verweigert werden:

Ehrverletzung/Beleidigung: Um einen angenehmen, sachlichen und fairen Umgang miteinander zu gewährleisten, publizieren wir keine Beiträge, die sich im Ton vergreifen. Dazu gehören die Verwendung von polemischen und beleidigenden Ausdrücken ebenso wie persönliche Angriffe auf andere Diskussionsteilnehmer.

Rassismus/Sexismus: Es ist nicht erlaubt, Inhalte zu verbreiten, die unter die Schweizerische Rassismusstrafnorm fallen und Personen aufgrund ihrer Rasse, Ethnie, Kultur oder Geschlecht herabsetzen oder zu Hass aufrufen. Diskriminierende Äusserungen werden nicht publiziert.
Verleumdung: Wir dulden keine Verleumdungen gegen einzelne Personen oder Unternehmen.

Vulgarität: Wir publizieren keine Kommentare, die Fluchwörter enthalten oder vulgär sind.

Werbung: Eigenwerbung, Reklame für kommerzielle Produkte oder politische Propaganda haben keinen Platz in Onlinekommentaren.

Logo von umweltnetz-schweiz

umweltnetz-schweiz.ch

Forum für umweltbewusste Menschen

Informationen aus den Bereichen Umwelt, Natur, Ökologie, Energie, Gesundheit und Nachhaltigkeit.

Das wirkungsvolle Umweltportal.

Redaktion

Stiftung Umweltinformation Schweiz
Eichwaldstrasse 35
6005 Luzern
Telefon 041 240 57 57
E-Mail redaktion@umweltnetz-schweiz.ch

Social Media

×

Newsletter Anmeldung

Bleiben Sie auf dem neusten Stand und melden Sie sich bei unserem Newsletter an.