Logistik und Nachhaltigkeit: Wohin führt der Weg?

Podiumsdiskussion am Lifefair-Forum zum Thema Logistik und Nachhaltigkeit Podiumsdiskussion am Lifefair-Forum zum Thema Logistik und Nachhaltigkeit

Das Wachstum der Bevölkerung führt auch zu einem Wachstum des Konsums, und der zunehmende Wohlstand verführt zu höherer Konsumation. Dafür müssen Produkte nicht nur hergestellt, sondern auch transportiert werden. Das erzeugt Verkehr, der je länger desto mehr im Stau stecken bleibt.
Der Güterverkehr ist zu einem der grössten Umweltprobleme herangewachsen, sowohl auf unseren Strassen wie auch in der Luft und auf den Weltmeeren. Kann der Transport der Güter künftig umweltverträglich ausgestaltet werden? Was ist vorzukehren, damit er nachhaltig abgewickelt werden kann?

Im Zuge von Globalisierung und Digitalisierung verfolgen viele Unternehmen globale Wachstumsstrategien und expandieren in neue Märkte. Umweltrisiken, geopolitische Konflikte, unsichere Verkehrswege stellen aber an die Logistik zunehmend grössere Anforderungen. Funktioniert diese nicht, drohen Betriebsstillstände und entsprechende finanzielle Schäden. So steigt der Bedarf an „sicheren“, intelligenten und nachhaltigen Logistiksystemen, die vorhandenes Potenzial optimal ausnützen.

Diesem Problemkreis stellte sich das 29. Lifefair Forum in Zürich und liess namhafte Experten zu Wort kommen. Dabei wurden zwar Engpässe und Schwierigkeiten aufgezeigt, aber wenig innovative Lösungen präsentiert. Angesichts unserer räumlichen Verhältnisse  - 30% unseres Landes sind bereits durch Verkehrsinfrastruktur verbaut-  kann es ja nicht sein, dass die Kapazitäten sowohl für Strasse und Schiene einfach mit höheren Flächenansprüchen befriedigt werden, selbst wenn diese unterirdisch vorgesehen wären.
Angesichts der Fakten, dass beispielsweise 20% der Staustunden auf den Autobahnen wegen Unfällen verursacht werden und die Tagesganglinie des Schienenverkehrs lediglich zu 30% ausgelastet ist, müssen primär organisatorische Lösungen gesucht und realisiert werden.

Da 40% der CO2-Emissionen vom Verkehr stammen, die inländischen Güter bisher lediglich im Ausmass von 10% im sog. Kombinierten Verkehr abgewickelt werden und der Transitgüterverkehr erst bei 70% liegt, sind sicher Massnahmen gefordert, die eine effizientere Abwicklung der Transporte erlauben (z.B. genormte Ausstattung von Güterwagen, Baustellen-Koordination, Verteilungsplattformen, Elektrofahrzeuge mindestens im Nahverkehr zur Feinverteilung der Agglomerations- und Cityversorgung) und die auch die Lärm- und Luftbelastungen reduzieren würden.

Die ökologischen Fragestellungen wurden am Forum leider nicht diskutiert, obwohl die Ökologie ein Teilbereich der Nachhaltigkeit ist (vgl. Titel der Veranstaltung!) und im Vorprogramm ein Film zu den ökologischen Problemen der Hochsee-Schifffahrt gezeigt wurde.

Dabei stellt sich primär doch die Frage nach der Sinnhaftigkeit all der Gütertransporte grundsätzlich. Muss es denn wirklich sein, dass in Europa beispielsweise Lebensmittel aus einem Herkunftsland zur Verarbeitung in Zweit- und Drittstaaten gekarrt werden, um letztlich auf unseren Märkten zu landen? Ist es denn sinnvoll, wenn durch Just-in-time Lieferungen die Laster zu rollenden Warenlagern werden? Macht es Sinn, dass bis 50% aller LKW-Fahrten Leerfahrten sind?

Damit zeigt sich einerseits sicher, dass die Transporte (und die dafür benötigte Energie) offensichtlich zu billig sind, sowohl auf dem Land, in der Luft wie auch zu Wasser. Andererseits ist die Situation wohl ebenso Ausdruck unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Neuste Untersuchungen zeigen, dass sich unser Nahrungsmittelimport seit 1990 verdoppelt hat und in 26 Jahren von 344 kg auf 490 kg/Pers/a angestiegen ist. Bedenklicherweise landet davon immer noch rund die Hälfte letztlich im Müll. Der Abfallberg von Herr und Frau Schweizer hat inzwischen die europäische Spitze erklommen. Mit 742 kg/Pers/a (2015) beträgt der Anstieg seit 2000 satte 27%! Immerhin erreicht die Schweiz eine Recyclingrate von rd. 50%, liegt damit aber hinter Deutschland, Österreich und Belgien lediglich an vierter Stelle. Mit allen diesen Aktivitäten sind überdurchschnittlich viele Transportleistungen verbunden.

Angesichts unserer Überflussgesellschaft und deren negativen Folgen für unsere Umwelt stellt sich sicher die Frage, ob wir nicht unser Verhalten ändern sollten.
Durch die Bevorzugung saisongerechter und regionaler Produkte liessen sich beispielsweise viele Transporte vermeiden.
Brauchen wir auch wirklich all die textilen und elektronischen Massenwaren, die erst in riesigen Containerschiffen über die Weltmeere und dann mit Lastenzügen über Land zu uns gelangen und dabei enorme Umweltschäden verursachen?

90% aller Konsumgüter kommen im Schiffscontainer, sodass die Frachtschiff-Industrie fast alle Produkte, die auf unserem Planeten transportiert werden, kontrolliert.
Der Film „Freightened“ dokumentiert dies auf eindrückliche Weise. Bekanntermassen sind die weltweit rd. 60‘000 bis zu 400 m langen Containerschiffe und Öltanker eigentliche Dreckschleudern und verursachen jährlich mehr CO2-Emissionen als ganz Deutschland. Ein einzelnes Schiff stösst beispielsweise so viel Schwefel aus wie 50 Millionen Autos! Die 20 grössten Frachter stossen mehr Schwefel aus als alle Autos dieser Welt! Da die in der UN-Unter-Organisation IMO (International Maritime Organization) vertretenen Herkunftsländer durch die wenigen Billigflaggen-Länder (Liberia, Panama, Bahamas, Marshall Islands, Malta u.a.) aufgrund derer Flottengrössen dominiert werden, sind bisher sämtliche Bestrebungen zum Klimaschutz verhindert worden. Selbst am aktuellen Klimagipfel (One Planet Summit) in Paris, zu dem Präsident Macron eingeladen hat, wurde kein Resultat erzielt. Vielleicht hilft der Druck der EU, die Weltschifffahrt in den Emissionshandel einzubeziehen, wenn bis 2023 nichts geschieht. Dann könnte es wenigsten teuer werden.

Schade, dass diese grundsätzlichen Problemkreise weder von den sog. Keynote-Speakern noch von den Podiumsteilnehmern und deren Moderator aufgegriffen wurden. Dadurch hätte sich zeigen können, wie wichtig und dringend innovative Ansätze zu einer umweltverträglichen, klimabewussten und letztlich nachhaltigen Entwicklung des Gütertransportwesens in der Schweiz wären.

 

„Freightened – Der wahre Preis des Verschiffens“. – Dokumentarfilm von Denis Delestrac, 2016
Lifefair- Die Plattform für Nachhaltigkeit

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