Die Lachszucht bedroht den Wildlachs

Ein Braunbär hat einen Rotlachs erwischt. Ein Braunbär hat einen Rotlachs erwischt.

Um in ihre Laichgründe zu gelangen, schwimmen die Ausnahmetalente bis zu tausend Kilometer und überwinden dabei springend die Stromschnellen der Flüsse. Doch die pazifischen Wildlachse sind bedroht.


Im längsten Fluss Kanadas schwammen in den letzten 50 Jahren normalerweise  zwischen 2-28 Millionen Rotlachse zu ihrem Geburtsort zurück, um dort zu laichen. Für 2020 lagen die Prognosen zunächst bei 941.000 Tieren. Anfang August musst die Zahl gewaltig nach unten korrigiert werden: Nur 283.000 Rotlachse erreichten ihre Laichplätze. Schon ein Jahr zuvor zeigte sich ein ähnlich düsteres Bild. Anstatt der geschätzten 4,8 Millionen schwammen lediglich 493.000 Rotlachse im Fraser River. Auch die Buckellachse, die am weitaus stärksten verbreitete Art Kanadas, werden immer weniger. Der Bestandsrückgang der Fische hat direkte Auswirkungen auf das Ökosystem und die Gesundheit der Umwelt. 
Rotlachse leben zunächst 2 Jahre im Süsswasser und verbringen dann als adultes Tier 2 Jahre im Pazifik. Die oben genannten Erwartungen an die Anzahl rückwandernder Lachse resultierten aus der geschätzten Anzahl an Tieren, die vor 4 Jahren geboren wurden. Wenn also so viele der Tiere nicht zurückkehren, was ist mit ihnen passiert? 

Es gibt 9 Lachsarten weltweit. Von ihrem Geburtsort schwimmen sie flussabwärts ins Meer, wo sie den Grossteil ihres Lebens verbringen. Das Verbreitungsgebiet des Atlantischen Lachs (Salmo solar) reicht von den gemässigten bis in die arktischen Gewässer des Atlantiks. Noch vor 100 Jahren waren Lachse auch in Mitteleuropa weit verbreitet. Die 5 pazifischen Wildlachse bevorzugen die kalten Regionen des Nordpazifiks. In Kanada kommen sie alle vor: Königslachs (Oncorhynchus tshawytcha), Rotlachs (Oncorhynchus nerka), Buckellachs (Oncorhynchus gorbuscha), Silberlachs (Oncorhynchus kistutch) und Ketalachs (Oncorhynchus keta).  

 

Klimawandel, Überfischung und Lebensraumverlust

Der Rückgang der 5 pazifischen Wildlachsarten hat vielerlei Gründe. Zum einen sorgt der Klimawandel für eine maritime Hitzewelle im sonst kühlen Nordpazifik. Dies hat zur Folge, dass die Hauptnahrungsquelle der Lachse - tierisches Plankton wie beispielsweise Krill - stark dezimiert wurde. Die Raubfische finden demnach weniger Nahrung. Gleichzeitig konnte sich ein Lachsräuber weiterverbreiten: Der Seelöwe vergrössert sein Gebiet immer weiter Richtung Norden. Die Störung in der Nahrungskette hat Konsequenzen für über 100 Tierarten, für die der Lachs eine wichtige Proteinquelle ist. In besonders betroffenen Gebieten wurde gezielt Zuchtlachs an Bären verteilt, um diese für ihren Winterschlaf mit den nötigen Energiereserven zu versorgen. Aber auch als Verbindung zwischen Meer und Wald ist der Lachs enorm wichtig. Er ist ein wichtiger Lieferant von Stickstoff und Phosphor. Die maritimen Nährstoffe sind in den westkanadischen Wäldern dringend benötigt für die Bäume und Pflanzen. 
Auch die Überfischung macht allen Meeresbewohnern zu schaffen. Die Rückreise der Lachse wird stets gefährlicher, da sie Fangflotten mit kilometerlangen Schleppnetzen entkommen müssen. Hier zeigt sich die Gier der Menschen besonders deutlich. Fast die Hälfte dessen, was in den Netzen landet, gilt als “nutzloser” Beifang, darunter Meeresschildkröten und Meeressäuger.  


“Wir entnehmen dem Meer alles und geben ihm lediglich Dreck zurück” 
Hannes Jaenicke (Schauspieler und Aktivist) 


Der Klimawandel begünstigt Trockenheit und starke Regenfälle, Erdrutsche werden häufiger. Der im Juni 2019 entdeckte Erdrutsch Big Bar am Fraser River beendete die Reise der Lachse vorläufig. 99% der besonders früh heimkehrenden Stuart Sockeye-Lachse (einer Unterart der Rotlachse) konnte diese Hürde nicht überwinden.  
Den Wildlachsen macht zusätzlich der immer kleiner werdende Lebensraum zu schaffen. Gerade in Meeresnähe – also dem Ort, an dem die juvenilen Lachse ihre Entwicklung zum adulten Tier durchlaufen – werden immer öfters industrielle Grossprojekte realisiert. Schon 77% der Lachsgebiete hat der Fraser River durch Bauten der Transmountain Pipeline oder der Tilbury LNG Fabrik verloren. Mit dem geplanten Containerhafen würden noch einmal 177ha Fläche verloren gehen. 
Lachse sind die Lebensgrundlage vieler Indigener in Nordamerika. Sie haben für viele First Nations eine kulturelle und spirituelle Bedeutung und sind ein wichtiger Bestandteil ihrer Ernährung. Die Anerkennung ihrer Fangrechte bleibt weiterhin aussen vor. 


“Ich hoffe sehr, dass das Ministerium für Fischerei bald etwas unternimmt. Sonst können wir unseren Enkeln nur noch davon erzählen, dass es im Fraser River Lachse gab. Ich denke, dass es noch nicht zu spät ist, aber die Zeiger stehen 5 vor 12.”
Chief Wayne Sparrow (Musqueam Indian Band) 

Auswirkungen der Zuchtbetriebe auf Lachse und Ökosystem 

Viele Umweltaktivisten und Indigene fordern von der Regierung Fangrestriktionen und verschärfte Kontrolle der Fischfarmen. Diese industriellen Betriebe stellen laut Lachsforschern eine weitere grosse Bedrohung der Wildlachse dar. Die kultivierten Atlantiklachse brachten den Piscine-Reo-Virus mit. Dieser führt zu Blutarmut und Leberschäden. Die Wildlachse stecken sich mit dem PR-Virus an, wenn sie an den zahlreichen Zuchtbetrieben vorbeischwimmen. Sie überleben selten.  
Ausserdem werden die Fischzuchten gerne als Läusefarmen bezeichnet. Der Läusebefall der Lachse schädigt ihre Schuppen und Finnen, führt zu offenen Wunden und Infektionen. Die Biologin Alexandra Morton berichtet in ihrer Studie von einer Todesrate von 98% bei den von Seeläusen betroffenen Tieren.  

Warum wir keinen Lachs mehr essen sollten 

Der Grossteil des Lachses in unseren Fischtheken oder auf dem Teller stammt aus Norwegen. Dort werden zirka 1 Milliarde Lachse industriell gezüchtet. Auch die Zuchtfarmen in Kanada gehören hauptsächlich drei grossen norwegischen Firmen. 
Diese Massentierhaltung bringt Krankheiten und Parasiten. Die Zuchtlachse werden mit toxischen Chemikalien behandelt, die dann im Meer landen. Fischkot und Futterreste verschmutzen die Umwelt zusätzlich. Oftmals wird das Blut von der Schlachtung ungefiltert im Meer entsorgt, es infiziert dann die vorbeischwimmenden Wildlachse. In den Fischfarmen leiden die Tiere ausserdem teilweise so sehr unter Atemnot, dass nur die zusätzliche Zufuhr von Sauerstoff ihnen das Leben rettet. 

Die guten Lachsfänge sind schon seit einigen Jahren nur noch ferne Erinnerung. Die Auswirkungen des Schwunds auf das maritime und das Waldökosystem werden katastrophal enden, wenn wir nicht handeln. Selbst in einem Szenario mit weniger Treibhausgasemissionen wird es für einige Lachsarten schwierig, zu überleben. Statt Flüsse voll mit Wildlachsen werden nun Zuchtlachse am Eingang von Fjorden in Massentierhaltung kultiviert – zum “Nutzen“ nur einer Spezies anstatt hundert weiterer. 


 

Quellen und weitere Informationen: 
Weltspiegel: Indigene kämpfen gegen Zuchtfarmen
VICE: Abwasserrohr von Fischfarm vergiftet das Meer mit Blut, Viren und Fischabfällen
GlobalNews: Einbruch der Lachspopulation in Kanada 2019
Studie zur Lachspopulation
Fisheries and Oceans Canada: Informationen
ZDF: Einsatz für den Lachs

 

 
 
 
 
 

 

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