Von wessen Fleisch und Blut ich bin

Herr und Frau Schweizer essen in ihrem Leben im Durchschnitt 720 Hühner, 33 Schweine, 8 Kühe und 390 Fische. Herr und Frau Schweizer essen in ihrem Leben im Durchschnitt 720 Hühner, 33 Schweine, 8 Kühe und 390 Fische.

Der vegane Lebensstil wird immer bekannter, jedoch durchaus nicht überall beliebter. Unmut gegen Veganismus ist daher keine Seltenheit. Doch weshalb?

Der Umstieg zu einer vegetarischen oder veganen Lebensweise ist in den letzten Jahren zum Trend geworden. Die Argumente scheinen einleuchtend: Bessere Gesundheit, Nachhaltigkeit und Fairness. Dennoch ernähren sich erst rund 5.6% der Schweizer Bevölkerung konsequent fleischlos und nur etwa 2.6% verzichten komplett auf tierische Produkte.
Mit der Popularität der nachhaltigen Ernährung häuft sich auch die Vegan-Wut seitens der Fleischessenden. Während der Vegetarismus bereits eine grössere Akzeptanz in der Bevölkerung gewonnen hat, so herrscht gegenüber Menschen, die sich für eine vegane Ernährung entschieden haben, immer noch Unmut.

Der Mensch, das Gewohnheitstier

Kaum eine Schweizerin oder ein Schweizer ernährt sich von Geburt an vegan. Der Hauptgrund, weshalb wir tierische Produkte essen, ist so einfach wie tragisch: Aus Gewohnheit. Die Entscheidung Fleisch zu essen, ist von der Kultur geprägt. Wo es gesellschaftliche Übereinkunft und damit „normal“ ist, dass tierische Produkte auf dem Speiseplan stehen und in vielen weiteren, alltäglichen Verwendungen genutzt werden, muss diese Entscheidung selten bewusst hinterfragt werden. Auch die Versorgung ist bereits geräuschlos geregelt. Hingegen verlangt die Wahl, auf tierische Produkte zu verzichten, nach einer sorgfältigen Überlegung und einer thematischen Auseinandersetzung.
In diesem Text wollen wir uns nun aber für einmal nicht in die ernährungswissenschaftlichen oder ökologischen Debatten um die fleischlose Ernährung stürzen, so notwendig und belangreich diese auch sind. Stattdessen wollen wir ein paar Gedanken zu den gesellschaftlichen Prägungen teilen, die diese erst so aufheizen.

Karnismus. Die Macht der Normalität

Schon seit so einigen Jahren existiert der Begriff des Karnismus, der das Phänomen beschreibt, dass trotz bekannter Problematik der grösste Teil der Weltbevölkerung immer noch Fleisch isst. Bei Karnismus handelt es sich um ein System aus Überzeugungen, das den Menschen von Geburt auf dazu konditioniert, bestimmte Tiere zu essen und deren gewaltvolle und umweltschädliche Produktion zu übersehen. Die US-amerikanische Psychologin Melanie Joy hat drei Rechtfertigungen analysiert, welche das Überleben des Karnismus möglicherweise erklären:

Verborgenheit: Dadurch, dass wir Fleischessen als gegeben statt als Wahl sehen, sind sich viele Menschen seiner Hintergründe kaum bewusst. Natürlich ist bekannt, dass ein Tier sterben muss, bevor es auf unserem Teller landet. Zudem wissen immer mehr Menschen über dessen Umweltkosten Bescheid. Trotzdem fehlt eine bewusste, empathische Verbindung zwischen dem Fleisch auf dem Teller und dem Tier, das es einst war. Die Opfer sind uns in aller Regel nicht sichtbar, und es wird auch vermieden, sie sichtbar zu machen.
Beispielsweise wurden im Jahr 2019 in der Schweiz über 400 000 Tonnen Fleisch konsumiert. Bereits solche Statistiken zeigen, wie wir versuchen, den lebendigen Bezug zu kappen. Es wird nicht von Tieren, sondern von Fleisch geredet. Auch wird nicht die Anzahl der getöteten Individuen gelistet, sondern nur das totale Gewicht. Denn eigentlich werden in der Schweiz jährlich knapp 2,5 Millionen Schweine und 72,5 Millionen „Geflügel“ geschlachtet – ohne Import. Das addiert sich auf die Lebenszeit von Herrn und Frau Schweizer auf rund 720 Hühner, 33 Schweine und 435 andere Tiere.

Mythen: Da das Thema Fleisch und dessen Herstellungs-Problematik immer häufiger diskutiert wird und es immer mehr Veganer und Vegetarierinnen gibt, die zu solchen Diskussionen anregen, schwindet die Verborgenheit dieser Thematik. Verstärkt werden jetzt Rechtfertigungen gesucht und bestärkt: Fleisch essen ist normal, notwendig und natürlich. Drei N’s, die sich im Wesentlichen alle auf die Gewohnheit stützen und eine welterklärende Geschichte vom Wert und Sinn der Tiernutzung erzählen, während ihre wissenschaftliche Grundlage sich auf immer wackligeren Füssen zeigt.

Wahrnehmungsverzerrung: Durch den Konsum von Fleisch wird auch unsere Wahrnehmung der Tiere verzerrt. Während in unserer Kultur niemals Haustiere wie Hunde und Katzen gegessen, beziehungsweise in engen Ställen gemästet würden, so werden die - kulturell als solche zugewiesenen - Nutztiere als weniger menschenähnlich, leidensfähig und bar aller individuellen Charakterzüge angesehen. Dies erleichtert deren Konsum. Es ist jedoch faktisch nicht der Fall: Auch einzelne Schweine und Hühner haben ihre eigene Persönlichkeit, und auch Fische empfinden Schmerz.

Gewissensbisse

Auch wenn der einzelne Mensch mit den Schäden der tierischen Nahrungsmittelproduktion bekannt ist, versucht er trotzdem, sein schlechtes Gewissen zu beschwichtigen und seine Wahl – nun bewusst – zu rechtfertigen. Diese Ausweichbewegung funktioniert jedoch sehr viel schlechter, wenn Fleischessende auf Veganer oder Veganerinnen treffen – oftmals reicht dafür deren blosse Anwesenheit. Die eigene Entscheidung und das moralische Empfinden gleiten aus dem Gleichgewicht. Das führt zu Stress. Und wer verschuldet dieses Dilemma? Sind es nicht die Veganerin oder der Veganer – die man ja persönlich vielleicht sehr gerne mag – so doch bestimmt der Veganismus.

 

Quellen und weitere Informationen:
Fleisch und sozialer Wandel
Nungesser, F., Winter, M.: Albert Schweitzer Stiftung: Karnismus: die Psychologie des Fleischkonsums

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