Blechlawinen im Nationalpark

Ofenpassstrasse: Der Grossteil des Verkehrs wird durch das Ziel Livigno verursacht. Ofenpassstrasse: Der Grossteil des Verkehrs wird durch das Ziel Livigno verursacht.

Nationalpark – Naturidylle und Ruhe preisen sich dem Besucher an. Doch Blechlawinen sommers wie winters quälen sich durch den bisher einzigen Schweizer Nationalpark im Engadin. Einerseits sind Besucherströme, andererseits Durchgangsverkehr dafür verantwortlich.

Nur die Ruhe?

Der Schweizer Nationalpark – ein Rückzugsgebiet für Steinbock, Gämse, Murmeltiere und den erfolgreich wiederangesiedelten Bartgeier. Der Schweizer Nationalpark – ein Erholungsgebiet für ruhebedürftige und naturverbundene Menschen. Der Schweizer Nationalpark verfügt aber auch über einen Durchgangskorridor: die Ofenpassstrasse.

Eigentlich führt diese Strasse aus Sicht der Schweizer Geographie nur ins abgelegene Münstertal, aber aus touristischer Sicht führt sie ins zollfreie Skigebiet von Livigno, und da kämpfen sich an Wochenenden tausende Fahrzeuge der osteuropäischen Wintertouristen durch das Kernstück des Nationalparks bis zum Munt-La-Schera-Tunnel. Die einspurige Röhre der Engadiner Kraftwerke führt von Punt la Drossa an der Ofenpassstrasse ans Ufer des Lago di Livigno. Er bietet die praktischste Verbindung von Italien und Osteuropa ins Hochtal von Livigno, das den Touristen Wintersportferien zu günstigen Preisen ermöglicht. So passierten denn auch im Winter 2005 geschätzte 45‘000 Fahrzeuge den Tunnel.

Im Sommer ist der Durchgangsverkehr nach Livigno geringer, denn andere Pässe wie die Forcola di Livigno, der Umbrailpass und das Stilfserjoch ermöglichen die Zufahrt ins Zollfreigebiet. In der warmen Jahreszeit dröhnt Motorradlärm bis weit nach oben ins Kerngebiet des Nationalparks. Am automatischen Verkehrszähler des Kantons Graubünden bei Buffalora am Eingang des Nationalparks wurden im Jahr 2013 täglich durchschnittlich 1517 Fahrzeuge gezählt, das ganze Jahr über waren es 573‘000 Vehikel. Der Trend zeigt nach oben: Eine Studie im Auftrag der Autonomen Provinz Bozen geht davon aus, dass der Verkehr am Ofenpass bis mindestens 2030 weiter zunehmen wird.

Alternativen für den Winter gesucht

An Samstagen im Winter staut sich der Verkehr vom Eingang des Munt-La-Schera-Tunnels bis hinunter in das 10 Kilometer entfernte Zernez. Nicht nur die schädlichen Emissionen, sondern auch die blockierte Zufahrt ins Münstertal sorgen für Ärger. So wollte denn auch die Bündner Regierung nicht länger zusehen und hat der Gemeinde Livigno Beine gemacht: Sie drohte, den Munt-La-Schera-Tunnel zu sperren, wie der Tagesanzeiger berichtete. Die Gemeinde Livigno hat reagiert und lockt nun Touristen mit günstigen Wochenangeboten von Sonntag zu Sonntag statt von Samstag zu Samstag. Damit soll der Verkehr auf zwei Tage verteilt werden, wie der Südostschweiz zu entnehmen war.

„Über 40 Prozent der Fahrten über den Ofenpass führen durch das Engadin, das Val Müstair und das Vinschgau und sind Transit- oder Zubringerverkehr nach Livigno ohne Ziel in diesen Regionen.“
Schlussbericht Engadin-Vinschgau-Bahn

Bald ein neuer Bahntunnel?

Der Durchgangsverkehr stört Besucherinnen und Besucher des Nationalparks, er führt zu Lärmemissionen und Luftverschmutzung. Norman Backhaus, Professor für Humangeografie an der Universität Zürich und Präsident der Forschungskommission des Nationalparks, erklärt gegenüber der Berner Zeitung: „Der Motorenlärm ist neben Klagen über zu viele andere Wanderer fast das Einzige, was die Leute bei einem Besuch im Nationalpark stört.“

Der Nationalpark als sensibles ökologisches System muss vom Durchgangsverkehr entlastet werden. Wie dies erreicht werden soll, ist allerdings noch offen. Zahlreiche Studien wurden von regionalen Vereinigungen und Behörden in Auftrag gegeben. Eine Studie der grischconsulta kommt zum Schluss, dass ein Grossteil des Verkehrs auf dem Ofenpass durch das Ziel Livigno verursacht wird: „Über 40 Prozent der Fahrten über den Ofenpass führen durch das Engadin, das Val Müstair und das Vinschgau und sind Transit- oder Zubringerverkehr nach Livigno ohne Ziel in diesen Regionen“, wie die Studie schreibt. Was den Regionen also bleibt, ist Lärm und Luftverschmutzung.

Mit dem Thema Verkehr durch den Nationalpark hat sich auch die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) befasst. Sie fordert die Einführung einer Strassengebühr für die Ofenpassstrasse. Diese Herangehensweise hat jedoch einen Haken, wie Thomas Rohrbach vom Bundesamt für Strassen gegenüber der Südostschweiz erklärt: Eine solche Maut ist nach Schweizer Gesetzen nicht umsetzbar.

Der Verkehrsclub (VCS) Graubünden möchte einen anderen Weg gehen, um den Durchgangsverkehr zu verringern: Die Ofenpassstrasse soll durch einen 22 Kilometer langen Tunnel von Zernez bis Santa Maria (Val Müstair) ergänzt werden. Ein weiterer Tunnel aus dem Raum Zuoz/S-chanf nach Livigno ist die Wunschlösung von Livigno, wie dem Richtplan des Kantons Graubünden zu entnehmen ist. Die EU würde dieses Projekt finanzieren, wenn im Gegenzug der Zollfreistatus von Livigno aufgehoben würde.

Lichtblicke? Der Ofenpasstunnel wurde aus finanziellen Gründen auf die lange Bank geschoben, wie die vom VCS in Auftrag gegebene Studie schreibt. Stattdessen ist geplant, den Postauto-Fahrplan auf einen Halbstundentakt im Sommer und einen Stundentakt im Winter zu verdichten.

Eine andere Möglichkeit sehen die Behörden der Region im Bau einer Bahnverbindung zwischen dem Unterengadin und dem Vinschgau, welche den Nationalpark indirekt entlasten würde. Die Studie der grischconsulta hält fest: „Der Verkehr über den Ofenpass und somit die Belastungen des Nationalparks und der Biosphäre Val Müstair wird tendenziell abnehmen, beziehungsweise mit der Eisenbahnverbindung kann einem weiteren Wachstum des Strassenverkehrs von der Schweiz ins Südtirol entgegen gewirkt werden. Ein Grossteil des Verkehrs auf dem Ofenpass wird aber durch den Ofenpass beziehungsweise durch den Nationalpark oder als Zubringerverkehr durch Livigno verursacht. Diese Verkehrsströme lassen sich mit einer Eisenbahnverbindung nicht auf die Schiene umlagern. Bei einer allfälligen Wintersperre des Passes könnten die Belastungen durch den motorisierten Verkehr im Winter sehr stark vermindert oder sogar verhindert werden. Um den Nationalpark effizient vom Transitverkehr zu entlasten, müsste ein direkter Autoverlad Selfranga-Mals angeboten werden können. Die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln in den Nationalpark und in die Biosphäre wird durch das Eisenbahnprojekt verbessert.“

Ungewisse Zukunft

Auf kurze Sicht ist also keine Entlastung absehbar. Die Besucherinnen und Besucher und die Bewohner des Nationalparks müssen also weiterhin nicht nur mit Schneelawinen sondern auch mit Blechlawinen rechnen.

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