Tauziehen um Schweizer Seen

Das Ufer des Genfersees ist zu grossen Teilen verbaut und verhindert dadurch eine natürliche Uferzone. Das Ufer des Genfersees ist zu grossen Teilen verbaut und verhindert dadurch eine natürliche Uferzone.

Durch die vielfältige Beanspruchung der schweizerischen Gewässer entstehen Konflikte zwischen den einzelnen Nutzern. Fischer, Kraftwerkbetreiber, Naturschützer und weitere Akteure geraten hierbei immer wieder aneinander.

Verbauung der Uferzone / Lebensraum

Die zunehmende Verbauung der Uferzone, die Siedlungsentwicklung sowie der Ausbau von Strassen, Gewerbe und Infrastruktur führen dazu, dass die natürliche Uferzone weiter verkleinert wird. Durch die Befestigung von Ufermauern zum Erosionsschutz entstehen unüberwindbare Barrieren für Tiere. Der mangelnde Übergang von Land zu Wasser verhindert die typische Vegetation der Bruchwald-, Röhricht- und Schwimmblattzone. Untersuchungen des Bundesamts für Umwelt zeigen, dass grosse Teile des Ufergebiets des Boden-, Genfer- und Vierwaldstättersees naturfern sind. Beim Vierwaldstättersee sind über 40 % des Uferbereichs künstlich, während als naturnah lediglich ein Viertel bezeichnet wird.

Im Rahmen der Gewässerschutzgesetzgebung sind die Kantone angehalten, die Revitalisierung der Seeufer bis 2022 planerisch anzugehen. Diese geplante Renaturierung gewisser Uferabschnitte kann in Bezug auf Siedlungsbau sowie gewerblicher Nutzung weiter Spannungen erzeugen.

Natürliche Gewässer / Fischpopulation

Die Eutrophierung schweizerischer Seen konnte dank dem Ausbau der Abwasserreinigungsanlagen weitgehend wieder normalisiert werden (eine Ausnahme bildet beispielsweise der Baldeggersee, siehe unten). Durch die Verringerung der Nährstoffe in den Seebecken auf den ursprünglichen, natürlichen Wert hat auch die Futtermenge für die Fische abgenommen. Die Fischpopulationen haben sich dem verkleinerten Futterangebot angepasst. Die Forderung der Berufsfischerei nach der Erhöhung des Phosphorgehalts in den Seen verläuft konträr zur Devise, die Gewässer in ihrer natürlichen Form mit minimierten anthropogenen Einflüssen zu erhalten. Die Fischbestände im Vierwaldstättersee beispielsweise haben sich weitgehend wieder an die Zahlen der ersten Hälfe des 19. Jahrhunderts angeglichen (siehe Artikel: Von Albeli bis Zander). Die verminderten Fangzahlen sind auch mit den verkleinerten Uferzonen und der abnehmenden Zahl an Berufsfischern zu erklären.

Landwirtschaft / natürliche Gewässer

Durch die an die Seen angrenzende landwirtschaftliche Nutzung gelangen Düngesubstanzen wie Phosphor (als Gülle) in die Böden. Durch Abschwemmung und Auswaschung erreichen sie den See. Eine intensive landwirtschaftliche Nutztierhaltung, wie dies beispielsweise rund um den Baldeggersee (LU) der Fall ist, führte hierbei zu einer starken Überbelastung der Seen mit Phosphor. 1975 erreichte der See einen Höchststand des Phosphorgehalts von 520 mg P/m3 (siehe Artikel: Der See – ein vielschichtiger Lebensraum). Dies führte zu massivem Fischsterben. Massnahmen in der Landwirtschaft sowie die künstliche Belüftung des Sees haben dazu beigetragen, dass der See den Zielwert von 30 mg pro Kubikmeter in den letzten Jahren meist erreicht hat. Um den See aber in den ursprünglichen Zustand zurückzuführen, muss der Phosphoreintrag weiter verringert werden. Bis die Selbstregeneration des Sees wieder erreicht ist und eine standorttypische Flora und Fauna vorherrscht, kann es noch Jahrzehnte dauern.

Hochwasserschutz / Fischlebensraum

Die Seeregulierung mittels Wehren kann den Wasserstand eines Sees konstant halten, um Niedrigwassermengen auszugleichen, bzw. bei Hochwasser die Abflussmengen zu erhöhen. Dies führt aber zu weiteren Interessenskonflikten, da beispielsweise für Fauna und Flora ein unregulierter, natürlicher Pegel wünschenswert wäre. Im Frühjahr werden aber beispielsweise die Seepegel tendenziell tief gehalten, um Schmelzwasser aufnehmen zu können.

Die Wehre, aber auch weitere Flussverbauungen wie Stufen, erschweren oder verhindern die natürliche Wanderung der Fische. Die so entstandenen Barrieren schneiden die Fische von ihren natürlichen Laichplätzen ab. Im Zuge des Gewässerschutzgesetzes von 2011 sollen Zuflüsse weiter revitalisiert werden.

Wasserkraftnutzung / Flora & Fauna

Auch die Wasserkraftnutzung kann in Konflikt stehen mit Flora und Fauna. Durch das Anlegen von künstlichen Stauseen wird Flora und Fauna des natürlichen Fliessgewässers zerstört. Im Abfluss des Sees bleiben nur noch Restwassermengen zurück. Bei zu geringer Menge verschlammt die Sohle, das Algenwachstum nimmt zu und Fische verlieren ihren Lebensraum. Auch andere Kleinlebewesen werden durch geringe Wassermengen beeinträchtigt. Die schnellen Veränderungen von Pegelständen in den abfliessenden Gewässern (Schwall und Sunk) führt dazu, dass Lebewesen abgeschwemmt werden oder austrocknen.

Diese fünf aufgezeigten Probleme zeigen ansatzweise die vielfältige, aber auch konfliktreiche Nutzungsweise der Natur durch den Menschen. Die Eingriffe des Menschen in die Natur sind teilweise verheerend, wie in der Vergangenheit ersichtlich wurde. Reaktive Massnahmen, wie die Revitalisierung, Klärwasservorschriften, Restwassermengen, zeigen uns, dass wir die Komplexität unserer Ökosysteme nach wie vor nicht vollständig verstehen. Eine sorgfältige und bedachte Nutzung ist nötig, um den Lebensraum See in all seinen Facetten zu erhalten.

 

Weiterführende Informationen/Quellen:
Bundesamt für Umwelt, Zustand Schweizer Seen
EAWAG, Faktenblatt Gewässerraum
Baldeggersee
Aufsichtskommission Vierwaldstättersee
WWF, Flüsse und Seen

 

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