Flackern des Lebens in ökologischer Wüstenei: Eine Primel im Rasen Flackern des Lebens in ökologischer Wüstenei: Eine Primel im Rasen

Immerhin grün ist er, der Rasen. Und eine spannende Herkunftsgeschichte hat er auch. Nur ökologisch, leider, ist er nahezu wertlos.

Der Rasen ist schön grün. "Natur" ist er dennoch nicht - zumindest nicht, wenn wir uns den Begriff klassisch in Gegenposition zur Kultur definieren. Das zeigt sich schon daran, dass er - verbreiteter Fehleinschätzung zum Trotz - recht aufwändig im Unterhalt ist. Was muss da nicht alles gemacht werden: Gemäht, gedüngt, gejätet, nachgesät, bewässert. Gelegentlich dann auch noch vertikutiert (von vertical cut), auf grösseren Flächen aerifiziert. Schön ist er trotzdem: So viele Gärtnerinnen, Stadtplaner, Architektinnen können nicht irren. Oder doch? Quatsch.

Eine Erklärung dafür, weshalb wir Rasen als so attraktiv empfinden, beruft sich auf unsere Herkunft aus der afrikanischen Savanne. Da war es von vitalem Vorteil, weite Sicht zu haben; Strauchdickicht hingegen barg potentiell Gefahr. Etwas spitzzüngiger die andere Einschätzung, nach der der Rasen versinnbildlicht, wie wir uns die Natur gern erträumen: Zu unseren Füssen, unterkomplex, bescheiden sich kaum über unsere Knöchel hebend. Aber das alles ist blanke Spekulation. Keine reine Unterstellung ist hinwiederum, dass der Rasen eine aufschlussreiche Geschichte hat.

Ackerbau und Rasenschau

Fassen wir unser Verständnis des Rasens etwas weiter - schlicht als einer von niedrigwachsenden Pflanzen bestandenen, kultivierten Landfläche, darauf sich trefflich lustwandeln und Festgesellschaft halten lässt - so dürfen wir seine Herkunft bis in die Antike zurückverfolgen. Römer und Griechen gestalteten bereits Gärten, die vorrangig sozialen Zwecken verschrieben waren: Als Statussymbol und Versammlungsort. In leichter Verschiebung dieser Zwecke übersiedelte der Rasen dann in die Klöster als Ort der Entspannung und Kontemplation. Auch vor mittelalterlichen Festungen und Stadtmauern wurden niedrig bewachsene Areale gehegt. Das erst einmal aus strategischen Gründen. Es wurde als wenig vorteilhaft eingeschätzt, den nahenden Feind erst zu erspähen, wenn er bereits gegen die Tore poltert. Doch selbstverständlich boten sich die Freiflächen dann auch für allerlei Anlässe wie etwa Wettkämpfe oder Feste an. Ob wir diese Bereiche allerdings, mit unserem heutigen Auge, als Rasen erkennen würden, ist zweifelhaft. Es waren wohl eher Wiesen, bewachsen neben den Gräsern auch mit Blumen, Klee, Moos und Kräutern.

Unser modernes Bild des Rasens als einer reinen Grasfläche ist jünger und historisch mit dem Adelsstand gekoppelt. Ab der Renaissance - mit ihrer Rückbesinnung auf antike Lebensart - wurde der Gartenbau zur Kunstform. Das paarte sich zunehmend mit Standesgepränge. Herrschaft, Reichtum und das Privileg kultivierten Müssiggangs wollten angezeigt sein: Bleiche Haut, durch die blau das Blut schimmerte, bezeugte eindrucksvoll, wie wenig Zeit man damit verbrachte, unter der Sonne auf dem Feld zu rackern. Und was bewies besser, sich von den Bedürfnissen des einfachen Volkes abgekoppelt zu haben, als auf seinem Land statt Kohl und Dinkel nur unproduktives Gras anzubauen? Zumal der lawn dann auch noch eine geeignete Unterlage schuf, sich fröhlichem Ballspiel hinzugeben, und von Bediensteten in nicht endender Besorgtheit gepflegt werden musste...

Dem aufstrebenden Bürgertum blieb diese Symbolik nicht verborgen. In ihrem Bemühen, sich dem bevorrechtigten Stand anzugleichen, ahmten sie ihn nach: Pflegten Gärten und säten Rasen. Oder geschah das etwa in trotziger Usurpation? Wir müssten sie fragen. Die wohlhabenderen Bürger wurden jedenfalls zu Industriellen und bauten für die Arbeiterfamilien Siedlungen mit Gärtchen. Darin konnten die dann Gemüsebeete anlegen, einen Birnbaum pflanzen und einen Hühnerstall bauen... Bald darauf: Einfamilienhaussiedlungen mit weissem Zaun und Rasenmäher.

Viel Gras um nichts

Diese Lesart der Rasenfläche als einer Trophäe gewonnener Souveränität kann nun aber von einem bedauerlichen Umstand nicht ablenken. Der ökologische Wert des Rasens tendiert gegen null. Als Lebensraum wertlos, als Kohlenstoffsenke vernachlässigbar, tritt er mit seiner Umwelt kaum in Kontakt. Ein blinder Fleck im Lebensnetz. Zudem: Er ist, wie bereits erwähnt, anspruchsvoll in Unterhalt und Pflege. Was er per Photosynthese an Kohlendioxid filtert, wird um etwa das Vierfache zunichtegemacht durch die Emissionen der Pflegegerätschaften sowie der Düngemittel, die im Abbau das klimarelevante Lachgas freisetzen. In seiner Verwendung als Sportrasen verschlechtert sich dieser Wert noch, da durch die höhere Belastung auch der Pflegeanspruch zunimmt.

Die fortschreitende Verbreitung von Kunstrasen - hergestellt aus Gummigranulat - verbessert diesen Befund nicht, sondern verschiebt ihn nur. Kunstrasen setzt beständig Mikroplastik frei. Nach einer Studie des deutschen Fraunhofer-Instituts verliert eine befüllte Kunstrasenfläche 95 Gramm pro Jahr und einwirkender Person, eine norwegische Untersuchung addiert das auf 3000 Tonnen Mikroplastik, die jährlich in ihre Fjorde gespült werden. Das macht, zumindest für Norwegen, den Kunstrasen zum zweitgrössten Verursacher der Mikroplastik-Verschmutzung der Ozeane, gleich nach dem Abrieb von Autoreifen. Neben den preisgünstigeren befüllten Kunstrasen gibt es mittlerweile auch unbefüllte, deren Werte diesbezüglich besser ausfallen. Gleichwohl gilt natürlich auch hierfür, dass die davon belegte Fläche als gründlich versiegelt zu werten ist.

Seht, ein Blümchen!

Doch zurück zum Naturrasen: Er ist noch in anderem Zusammenhang umweltrelevant. Riesige Flächen weltweit sind von den in Monokultur angebauten, am Wachsen gehinderten Gräsern bestanden. Etwa 1.8 Millionen Hektar sind es in Deutschland. Die weltweite Rasenfläche würde dann dieses Deutschland - konservativen Schätzungen zufolge - gesamthaft abdecken. Etwa ein Drittel davon entfällt auf private Gärten. Das sind durchaus relevante Flächenansprüche, denken wir an die Diskussionen um Ernährungssicherheit. Zumal diese Grünflächen zu weiten Teilen auch noch urbares Land bedecken.

"Und jetzt?" denken Sie: "Worauf will das hinaus?" Jedenfalls nicht darauf, sofort alle Stadtparks umzupflügen oder fürderhin Fussball im Rübenacker zu spielen. Viele der Grünflächen, gerade im urbanen Raum, erfüllen ja eine wichtige gesellschaftliche und psychohygienische Funktion. Unser Hirn mag Grün, und als eine trittsichere Unterlage bietet sich die Rasendecke für Freibäder, Spielplätze usw. einfach an. Gewiss aber wollen wir dazu inspirieren, jetzt, bevor die Gartenarbeit bald wieder losgeht, beim Blick in den eigenen Garten den Gedanken zuzulassen: "Hier könnte eine Blumenwiese sein."

 

Quellen und weitere Informationen:
sapereaudepls.de (Johannes Heinle): Geschichte des Rasens
meine-rasenwelt.de: Geschichte des Rasens (mit gartenbaulichem Fokus)
Redaktion Pflanzenforschung: Englischer Rasen schadet dem Klima
Technology Review (Ben Schwan): Gefährlicher Kunstrasen

 

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