Eine Lunge voll Ozean - World Oceans Day 2019

Sauerstoff ist nur eines der vielen Geschenke, die wir zu wesentlichen Teilen dem Ozean zu verdanken haben Sauerstoff ist nur eines der vielen Geschenke, die wir zu wesentlichen Teilen dem Ozean zu verdanken haben

Was gehen uns Binnenländer, ausserhalb der Ferien, die Ozeane an? Tja... Was geht uns unsere Atmung an?

Morgen, am 8. Juni, ist wieder einmal Gelegenheit, die Schwimmflossen zu montieren, den Schnorchel umzuhängen und derart ausgerüstet durch den Tag zu watscheln. Es ist der Internationale Tag des Meeres, World Oceans Day. Ausgerufen wurde dieser am 8.6.1992 am Erdgipfel von Rio de Janeiro, seit 2009 wird er von den Vereinten Nationen als ein internationaler Gedenktag begangen. Wobei Schnorchel und Schwimmflossen nicht offiziell verordnet wurden - das war jetzt nur ein alberner Vorschlag unsererseits. Unser ernsthafter Vorschlag ist, an diesem Tag tatsächlich mal einen Moment innezuhalten und sich der immensen Bedeutung der Ozeane als dem grössten und grundlegenden Lebensraum unseres Planeten bewusst zu werden. Auch wenn wir, als Binnenländer, dazu vielleicht nicht den unmittelbarsten Bezug haben.

Vier Atemzüge: Wald, Meer, Meer, Meer

Die volle Bedeutung der Ozeane für unser ganz persönliches Dasein darzulegen, lässt sich in einem kleinen Artikelchen natürlich nicht bewerkstelligen - wir hätten uns sonst eine ganze Menge Beiträge, die wir zum Thema bereits verfasst haben, sparen können. Ein paar Eckdaten sind dennoch schnell erfasst: Mit ihren grob 391 Millionen Quadratkilometern bedecken die salzhaltigen Meeresgewässer 71% der Erdoberfläche und stellen etwa 90% des Lebensraums. Schwerer abzuschätzen ist die marine Biodiversität, einfach da wir noch kaum wissen, wie viele verschiedene Arten, genetische Varianten und Ökosystemtypen da überhaupt insgesamt aufzufinden wären: Eine rein quantitative Schätzung geht derweil davon aus, dass vier Fünftel der irdischen Organismen in den Meeren leben.

Aber greifen wir uns jetzt mal eine der offensichtlichsten ökologischen Gefälligkeiten, die die Ozeane uns angedeihen lassen, heraus: Sauerstoff. Wir tun uns schwer ohne ihn. Und nicht nur wir: Die allermeisten Lebewesen sind ja auf dieses Element notwendig angewiesen. Der molekulare Sauerstoff O2 in unserer Atmosphäre stammt zu geschätzten drei Vierteln aus den Ozeanen. Die restlichen 25 - 30% kommen von Pflanzen auf dem Land; die Kalkulation der jeweiligen Anteile ist ein Stück weit dadurch erschwert, dass auch die Primärproduzenten - all jene Lebewesen also, die Photosynthese betreiben - wiederum selbst in unterschiedlichem Mass Sauerstoff verbrauchen. Doch wie dem auch sei. Egal ob wir, ohne dem Beitrag der Meere, nun mit nur jedem vierten oder jedem dritten Atemzug auskommen müssten; zuträglich wäre uns das in keinem Fall.

Schwebteilchen im Sonnenstrahl

Dass wir Landratten beim Gedanken an unsere Sauerstoffversorgung gleichwohl zuerst an Bäume und Wälder denken, dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass wir die eben sehen können. Die Sauerstoffproduzenten im Wasser sehen wir mit blankem Auge nicht. Wir nennen sie Phytoplankton: Eine unüberschaubare Vielfalt klitzekleiner Algen, Dinoflagellaten und Cyanobakterien, die - wie die Landpflanzen - Kohlendioxid konsumieren, den Kohlenstoff für sich behalten und Sauerstoff abgeben. Sie leisten damit neben der Sauerstoffproduktion auch noch ihren Anteil an der Speicherung des anthropogenen Kohlendioxids in den Weltmeeren - und da einen besonders willkommenen, da sie zur fortschreitenden, klimabedingten Versauerung der Ozeane kaum beitragen.

Alles paletti also? Mehr Kohlendioxid, mehr Phytoplankton, mehr frische Luft? Nein, leider nicht. Mal ganz abgesehen davon, dass ein erhöhter Anteil des reaktionsfreudigen Sauerstoffs in unserer Atmosphäre kaum wünschenswert wäre, gestaltet sich die Sauerstoffproduktion in den Ozeanen in einem sensiblen Gleichgewicht, das schnell ins gänzlich Unerfreuliche kippen kann. So etwa in jenem Fall, in dem wir das Phytoplankton dann doch sehen können. Und das sogar vom Weltraum aus. Da treiben plötzlich riesige grüne, bräunliche, himmelblaue oder rote Schlieren im Wasser: Eine Algenblüte. Ausgelöst wird die Algenblüte durch die Anreicherung des Wassers mit Nährstoffen - etwa im Mündungsgebiet von Flüssen, die die Düngerüberschüsse der Landwirtschaft ins Meer spülen. Das Phytoplankton freut sich darüber sehr und beginnt, sich geschwind und kräftig zu vermehren. Dies wiederum führt nun aber nicht zu einem grossen Rülpser von frischem Sauerstoff in die Atmosphäre. Denn sind die Nährstoffe erst aufgebraucht - was bei dem fröhlichen Treiben recht schnell gehen kann - sterben die nun allzu zahlreich vertretenen Mikroorganismen ab und sind ein gefundenes Fressen für Destruenten, die wiederum dem Wasser den Sauerstoff entziehen. So können dann (ein paar Zwischenschritte und weitere Verstrickungen auslassend; das Leben ist kompliziert) sauerstoffarme Tote Zonen entstehen, mit den zu erwartenden Folgen für die Tiere in den betroffenen Lebensräumen. Verstärkt oft noch dadurch, dass das Phytoplankton in der Algenblüte starke Toxine absondert, die dem Menschen direkt gefährlich werden und sich in der Nahrungskette anreichern. Zu allem Überfluss nimmt nun wiederum das Kohlendioxid Einfluss, in Gestalt des Klimawandels. Mit der Erwärmung der Ozeane erhöht sich die Häufigkeit von Algenblüten...

Im Emmental wie auf Mauritius

Dass uns, in Folge unserer sträflichen Ausbeutung und Verschmutzung der Weltmeere, der Sauerstoff ausgehen könnte, steht zwar nicht in der vorderen Reihe der aktuellen Umweltbedenken. Erst die verwegensten Propheten warnen auch davor. Gleichwohl gilt es auch hierauf ein vorsorgliches Augenmerk zu richten. Die Ozeane sind, als der grösste und weitreichendste Lebensraum der Erde, in all ihren physikalischen, chemischen, klimatischen und biologischen Aspekten so komplex untereinander und mit der Aussenwelt verwoben, dass sie sich noch zu gewichtigen Teilen unserem Verständnis entziehen. Mit steigenden Wassertemperaturen ist mit einem geringeren Sauerstoffgehalt zu rechnen, was dann auf die marinen Lebensräume einwirkt und sich damit auch wieder auf den Sauerstoffausstoss auswirken kann. Und tatsächlich wurde eine allgemeine Verringerung des Sauerstoffgehalts unserer Meere (um etwas über 2% innert der letzten 50 Jahre) bereits festgestellt, zusammen mit einem Anstieg der oben genannten Toten Zonen.

Bereits aus dieser Teilbetrachtung können wir schliessen: Wir hängen in unseren Lebensbedingungen ganz unmittelbar und unauflöslich von den Ozeanen ab. Deren Grösse und Undurchschaubarkeit mögen darüber hinwegtäuschen, wie stark sich die menschliche Einflussnahme auf ihre ökologischen Prozesse auswirkt: Bei nur kurzem genaueren Hinsehen offenbart sich aber schnell, in welch gnadenlosem Ausmass das längst geschieht. Überfischung, Versauerung, Walfang, Erwärmung, Plastikmüll, Lärmemissionen, Neobiota... So lang die Liste der Probleme ist, so lang ist dann aber auch die Liste, wie wir hier unseren kleinen Beitrag leisten können. Klimafreundliches Verhalten, Reduktion des Plastikverbrauchs, verantwortungsvoller Fisch- und Meeresfrüchtekonsum oder die Unterstützung eines Vorstosses zur Ausscheidung von mehr und grösseren Meeresschutzgebieten wären da nur ein paar Ideen - wirksam ganz gleich, ob wir gerade unter einer Linde im Emmental oder am Strand auf Mauritius hocken.

Soweit unsere Einschätzung der Beziehung des Menschen zum Ozean. Dieser selbst hat sich letzthin, angelegentlich einer umgekehrten Beurteilung, die Stimme von Harrison Ford gekapert. Nur falls noch Unklarheiten bestünden:

 

Quellen und weitere Informationen:
UN: World Oceans Day
Sea&me: Why is the Ocean important? Oxygen in the atmosphere
NASA Earth Observatory: What are Phytoplankton?
Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung: Weniger Sauerstoff in allen Meeren

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