Jöö-Effekt mit bitterem Nachgeschmack

Ein Schimpanse mit Jungtier im Zoo Basel. Ein Schimpanse mit Jungtier im Zoo Basel.

Als "Botschafter ihrer Art" und als Publikumsmagnete instrumentalisiert, sollen Zootiere, insbesondere Jungtiere, das Geld für das Artenschutz-Engagement in die Kassen der Zoobetreiber spülen. Viele Jungtiere werden jedes Jahr eingeschläfert, weil für die kleinen Publikumslieblinge kein geeigneter Lebensplatz vorhanden ist. Einzelne Tiere zu sterilisieren oder gar auf die Haltung mancher Arten zu verzichten, scheint jedoch für viele Zoos nicht in Frage zu kommen. Das Recht auf Fortpflanzung – das es in freier Natur nicht gibt – rangiert häufig weit über allen anderen Tierbedürfnissen.

Zoobericht: Artenschutz oft vernachlässigt

Der im September erschienene Zoobericht des Schweizer Tierschutzes (STS) bescheinigt vielen der 51 untersuchten Schweizer Zoos und Tierparks ein akzeptables Niveau der jeweiligen Tierhaltung. In etlichen Zoos und Tierparks finden sich heute grosszügige, tiergerecht gestaltete Gehege, so etwa der neue Elefantenpark im Zoo Zürich oder die Gemeinschaftsgehege von Bären und Wölfen in den Tierparks Goldau und Dählhölzli. Die “Sichtbarkeit” der Tiere steht nicht mehr im Vordergrund –Zootiere dürfen sich auch einmal zurückziehen. Fälle schlechter Tierhaltung sind selten geworden. 

„Artenschutzorganisationen in Indonesien könnten mit einem Bruchteil, der allein deutschen Zoos für die nutzlose Haltung und Zucht von Orang-Utans zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel, die letzten natürlichen Lebensräume effektiv schützen.“

Stellungnahme der Tierschutzorganisation Peta

Doch während sich die Lebensbedingungen der Zootiere verbessern, rückt die Diskussion über die gängige Zootiervermehrung unter dem Deckmantel der Arterhaltung und das geradezu routinemässige Einschläfern von Jungtieren in den Vordergrund. Erhaltungszucht bedrohter Arten und das Engagement im Artenschutz gehören heute zu den erklärten Aufgaben moderner Zoos. Somit sollten Zoos vorrangig Arten halten, mit deren Nachzucht sie einen konkreten Beitrag an den Artenschutz vor Ort (Wiederansiedlung, Botschafterfunktion für bedrohten Lebensraum) leisten können. Viele Zoos erfüllen diesen Anspruch laut dem Zoobericht nicht, sondern betreiben eine Tierzucht, die einzig auf die Erhaltung eines Zoobestands ausgelegt ist, ohne sich gleichzeitig tatsächlich um den Schutz der Herkunftsgebiete ihrer Tiere, um eine seriöse Öffentlichkeitsarbeit oder um eine auf Wiederansiedlung ausgerichtete Vermehrung von Tieren zu bemühen.

Braunbären und Menschenaffen

Aus Tier- und Artenschutzsicht ist es beispielsweise ein Rätsel, warum Zoos in heutigem Umfang Braunbären vermehren. Vor allem auch die Haltung von Menschenaffen (Gorillas, Schimpansen, Bonobos, Orang-Utans) in Zoos wird von Ethikern, Tierrechtlern und Tierschützern zunehmend hinterfragt. Es sind in mehreren Ländern Bestrebungen im Gang, den Menschenaffen fundamentale Persönlichkeitsrechte –inklusive des Rechts auf Freiheit –zuzugestehen und die Zoohaltung dieser Tiere zu verbieten. Ihre Verwendung in Zirkussen oder Tierversuchen ist in manchen Ländern bereits verboten. Die Fachleute sind sich heute einig, dass es für die Zoohaltung dieser Arten sehr guter Gründe und allerhöchster Haltungsstandards bedarf.

Im Umgang mit allfällig “überzähligen” Jungtieren stellen sich deshalb enorme ethische Probleme: Darf man einen jungen Schimpansen einschläfern, weil er in keinem anderen Zoo untergebracht werden kann? Olivier Pagan, Direktor des Basler Zoos, meint in einem Interview im Das Magazin dazu: Man solle sich vorstellen, die Orang-Utans stürben in der Wildnis aus und in den Zoos lebten keine fortpflanzungsfähigen Tiere mehr, weil alle frühzeitig kastriert wurden, „aus Angst, es könnte ein überschüssiges Junges geben. Was dann?“, fragt Olivier Pagan.Darf man also einen Gorilla oder Orang-Utan seinem Familienverband entreissen, weil es das Zuchtprogramm so vorsieht? Mit Ausnahme eines Rehabilitations- und Auswilderungsprogramms für Orang-Utans in Indonesien gibt es bislang keine Bestrebungen, Menschenaffen in ihrem natürlichen Lebensraum wieder anzusiedeln.

Bei den Orang-Utans in oben genanntem Programm handelt es sich zudem nicht um Zoo-Nachzuchten, sondern um Wildtiere, die Tierhändlern und Holzfällern zum Opfer gefallen sind. Der Arterhaltungs-Beitrag der Zoos bei den Menschenaffen geschieht also offenbar durch deren “Botschafter-Funktion” und das Generieren von Geldern, die in Schutzprojekte investiert werden.

Bildergalerie

  • Click to enlarge image Joeoe_Zoo Basel 15 066.JPG Die Nashörner (Rhinoceros unicornis) und die Muntjaks (asiatische Hirsche) teilen sich eine Anlage. (Foto: Yolanda Stocker)
  • Click to enlarge image Joeoe_Zoo Basel 15 085.JPG Im Zoo Basel hat es im 2015 bei den Löwen Nachwuchs gegeben. (Foto: Yolanda Stocker)
  • Click to enlarge image Joeoe_Zoo Basel 15 097.JPG Ein Gorilla tut sich gütlich an den Maden aus seiner Wunde. (Foto: Yolanda Stocker)

Kommentar schreiben

Die Kommentare werden vor dem Aufschalten von unseren Administratoren geprüft. Es kann deshalb zu Verzögerungen kommen. Die Aufschaltung kann nach nachstehenden Kriterien auch verweigert werden:

Ehrverletzung/Beleidigung: Um einen angenehmen, sachlichen und fairen Umgang miteinander zu gewährleisten, publizieren wir keine Beiträge, die sich im Ton vergreifen. Dazu gehören die Verwendung von polemischen und beleidigenden Ausdrücken ebenso wie persönliche Angriffe auf andere Diskussionsteilnehmer.

Rassismus/Sexismus: Es ist nicht erlaubt, Inhalte zu verbreiten, die unter die Schweizerische Rassismusstrafnorm fallen und Personen aufgrund ihrer Rasse, Ethnie, Kultur oder Geschlecht herabsetzen oder zu Hass aufrufen. Diskriminierende Äusserungen werden nicht publiziert.
Verleumdung: Wir dulden keine Verleumdungen gegen einzelne Personen oder Unternehmen.

Vulgarität: Wir publizieren keine Kommentare, die Fluchwörter enthalten oder vulgär sind.

Werbung: Eigenwerbung, Reklame für kommerzielle Produkte oder politische Propaganda haben keinen Platz in Onlinekommentaren.

Logo von umweltnetz-schweiz

umweltnetz-schweiz.ch

Forum für umweltbewusste Menschen

Informationen aus den Bereichen Umwelt, Natur, Ökologie, Energie, Gesundheit und Nachhaltigkeit.

Das wirkungsvolle Umweltportal.

Redaktion

Stiftung Umweltinformation Schweiz
Eichwaldstrasse 35
6005 Luzern
Telefon 041 240 57 57
E-Mail redaktion@umweltnetz-schweiz.ch

Social Media

×

Newsletter Anmeldung

Bleiben Sie auf dem neusten Stand und melden Sie sich bei unserem Newsletter an.