Tierhaltung – Interview mit Thomas Jermann vom Zoo Basel

1874 eröffnete der Zoo Basel zum ersten Mal die Türen für seine Besucher. 1874 eröffnete der Zoo Basel zum ersten Mal die Türen für seine Besucher.

In der vergangenen Freitagsserie haben wir wöchentlich über die Tierhaltung berichtet und über die Kontroversen der Tierethik diskutiert. Abschliessend haben wir das Gespräch mit einer Fachperson gesucht. Der Meeresbiologe Thomas Jermann ist Kurator des Vivariums im Zoo Basel und Mitglieder der Projektleitung des geplanten Ozeaniums.

un-s: Taucherferien und Safaris werden immer beliebter und vor allem erschwinglicher. Sind Zoos Auslaufmodelle?

tj: Nein, ganz im Gegenteil. Es ist nicht möglich alle Menschen an die echte Natur heranzuführen. Dies würde ihren Untergang bedeuten. Der zunehmende Tourismus ist für sehr viele Umweltprobleme verantwortlich: Treibhausgase durch Flugzeuge, Schäden in der Natur durch vermehrten Hotelbau und Abwässer im Meer. Genau deshalb sehe ich eine enorme Wichtigkeit in Zoos und Aquarien. Wir möchten bei den Menschen Emotionen für den Erhalt der Natur wecken. Bereits im Gründungsjahr des Zoo Basels, im Jahr 1872, stand in den Statuten: „Die von der Natur entfremdete Bevölkerung soll wieder zurück zur Natur gebracht werden.“ Dieser Leitsatz ist immer noch aktuell und notwendiger denn je.

un-s: Sie sprechen davon, den Menschen die Natur nahe zu bringen. Wie viel hat der Zoo noch mit den natürlichen Lebensbedingungen der Tiere gemeinsam?

tj: Es ist natürlich ein komplett künstliches Gebilde. Aber hier muss zuerst die Frage gestellt werden: Was ist künstlich? Unser Lebensraum ist die Stadt. Wie natürlich ist es, dass wir Häuser bauen und darin leben? Dies kann ich nicht abschliessend beantworten, aber dies ist auch Teil unserer Natur. Was fest steht, ist, dass wir den Tieren etwas zumuten. Wir geben ihnen einen Beruf als Vermittler. Dies ist allerdings nur in einem Rahmen möglich, indem sie sich wohlfühlen. Würde es ihnen schlecht gehen, wären merkwürdige Verhaltensweisen und Krankheiten ersichtlich. Damit würden wir die Besucher abschrecken und damit den Sinn des Zoos komplett verfehlen. Die Tiere sollen mit normaler, nicht genau derselben wie in der Natur, jedoch gesunden Verhaltensweise als „Botschafter“ der Natur dienen. Hier muss aber beachtet werden, dass der Nutzen grösser sein soll als die Einschränkung. Mit den richtigen Anlagen und Aquarien können wir diese Einschränkung minimieren. Auf schwer haltbare Tiere verzichten wir.

un-s: Wie wichtig ist die aufklärende Rolle des Zoos im Internetzeitalter?

tj: Wir Menschen haben exzellente Sinnesorgane. Wir sehen gut, wir hören gut und unser Geruchsorgan ist stark ausgeprägt. Im Alltag setzten wir immer alle ein. Dadurch werden unsere Gefühle direkt beeinflusst. Benutzen wir nur eines, fehlen die vier anderen... Oder, um es überspitzt zu sagen: Wenn ich das Bedürfnis nach Natur verspüre, reicht es mir nicht, bloss ein Foto eines Waldes anzusehen. Ich muss hinausgehen, spazieren, die Luft tief einatmen, die Bäume berühren und dem Rascheln der Blätter und Äste zuhören.

Die neuen Medien bringen uns einen zusätzlichen Nutzen. Allerdings kann dieser nur ergänzend wirken, sofern die Aufnahmen realitätsgetreu sind. Tierfilme haben oft die Tendenz ein falsches Bild zu vermitteln. Sie liefern zwar spektakuläre Bilder, haben mit der Wirklichkeit allerdings wenig zu tun. Die Realität ist viel ruhiger, langsamer und langweiliger.

un-s: Dem Ozeanium wird vorgeworfen nicht mehr zeitgemäss zu sein. Die Fische werden sich hinter Glasscheiben befinden, sodass die Besucher die meisten Sinnesorgane nicht einsetzen können. Weshalb stehen Sie trotzdem hinter dem Projekt?

tj: Hier ist vor allem die Nähe überzeugend. Im extremsten Fall ist es eine 50cm dicke Acrylscheibe, die den Besucher von den Fischen, welche sonst nicht gesehen werden können, trennt. Damit soll eine Faszination oder beinahe eine Ehrfurcht geschaffen werden. Genau in einem Binnenland wie der Schweiz, ist dieser Wert von grosser Bedeutung. Im Gegensatz zu den Bewohnern der Meerstaaten, fehlt uns dieser Bezug. Natürlich ist es eine pointierte Aussage, zu behaupten Basel liege am Meer. Aber es soll verstanden werden, dass alles was wir dem Rhein antun, schlussendlich im Meer endet. Zudem sind wir es, die Energie verbrauchen, die vom Meer bezogen wird. Wir fliegen ans Meer, um das Meer zu konsumieren und wir essen die Fische aus dem Meer. Hier ist vor allem Aufklärung nötig. Das Ozeanium ist nicht primär ein Aquarium, sondern ein Ort der Umweltbildung, des Meeresschutzes und der Forschung.

un-s: Was bedeutet für Sie eine artgerechte Tierhaltung?

tj: Die Tiere sollen ihre Funktion in Würde, Anstand und Gesundheit ausüben. Das heisst, die Lebensdauer soll ähnlich wie jene in der Natur sein. Der gesundheitliche Zustand muss mit dem der wilden Artgenossen vergleichbar sein. Zudem muss sich das Tier sein Futter, den Geschlechtspartner, Orte zum Verstecken und Schlafgelegenheiten selber aussuchen können. Durch möglichst gute Simulationen kann erreicht werden, dass das Tier in den Verhaltensäusserungen nicht eingeschränkt wird.

un-s: Tiere haben einen Jagdinstinkt. Fehlt Zootieren das Jagen?

tj: Im Zoo ist es klar: Löwen können wir nicht jagen lassen. Aber in einem bestimmten Mass kann eine solche Jagdsituation simuliert werden. Im Aquarium können wir Futter verabreichen, welches diese Funktion übernehmen kann. Oktopusse beispielsweise sind sehr intelligente und wählerische Tiere, welchen das Jagen fehlen würde. Aus diesem Grund geben wir ihnen Austern oder auch mal eine lebendige Garnele zur Abwechslung. Dies jedoch eher als Besonderheit und nicht als Hauptfutter. Durch diese Simulationen können wir das nötige „Wohlbefinden“ in diesem Bereich schaffen.

un-s: Jüngst wurde einer Schimpansin vom argentinischen Gericht den Status als "nicht-menschliche Person" zugesprochen. Finden Sie diesen Entscheid legitim?

tj: Als erstes möchte ich betonen, dass wohl alle Entscheide, welche von einer vom Volk gewählten Regierung beschlossen werden, legitim sind. Persönlich finde ich Menschenaffen etwas sehr besonderes. Über diese uns sehr nahen Wesen, sollten wir uns wirklich viel Gedanken machen.

un-s: Vom Projekt ‘Sentience Politics’ wurde in Basel-Stadt die Volksinitiative ‘Grundrechte für nichtmenschliche Primaten’ eingereicht. Halten Sie diese Initiative für sinnvoll?

tj: Ich erachte es als sinnvoll, dass es Menschen gibt, welche sich darüber intensiv Gedanken machen. Wenn durch diese Initiative nun erreicht wird, dass die Gesellschaft zum Denken angeregt wird, begrüsse ich dies sehr. Vermutlich ist jedoch die Zeit für eine solche Initiative noch nicht reif.

un-s: Wird der Debatte um die Tierethik global genügend Raum gegeben?

tj: Diese Debatte geht ins Philosophische. Es geht um das Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Welchen Wert geben wir unseren Haustieren oder dem Fleischkonsum? Darüber sollten sich alle Gedanken machen. Allerdings bin ich der Meinung, dass die Diskussion etwas zu laut und unsachlich geführt wird. Der Diskurs dürfte gerne etwas ruhiger und weniger dogmatisch sein.

un-s: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch. 

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