Der Aal: Rätselhafter Wanderer und uralter Gestaltwandler

Europäischer Aal (Anguilla anguilla) Europäischer Aal (Anguilla anguilla)

Der Fisch des Jahres 2018 bewältigt in seinem Leben eine der faszinierendsten Wanderungen im ganzen Tierreich. Doch der Aal hat zunehmend Mühe, in verbauten Flussläufen seinen gewohnten Wanderweg zu finden.

Auch wenn er im Laufe seines Lebens mehrmals seine Gestalt wechselt, ist der Europäische Aal (Anguilla anguilla) mit seinem langgestreckten, schlangenähnlichen Körper unverwechselbar. Die nachtaktiven Fische sind äusserst robust und können im Salz- und Süsswasser gleichermassen überleben. Dennoch geht es den Schweizer Aalbeständen alles andere als blendend. Um auf die missliche Lage des Fisches aufmerksam zu machen, hat der Schweizer Fischerei Verband den Aal deshalb zum Fisch des Jahres 2018 ernannt.

Beweglich wie eine Schlange

Die ersten Vorfahren der Aale schlängelten sich bereits zur Zeit der Dinosaurier vor über 100 Millionen Jahren durch die urzeitlichen Gewässer. Seither konnte sich der Aal optimal an die Lebensbedingungen unter Wasser anpassen. Seine mehr als 100 Rückenwirbel verleihen ihm eine erstaunliche Beweglichkeit, sodass er sich selbst in engen Unterwasserverstecken bewegen und jagen kann. Dabei schützen ihn seine lederartige Haut und die dicke Schleimschicht zusätzlich vor schroffen Steinen, wenn er sich durch eine enge Spalte schlängeln muss.
Dank seiner Anpassungsfähigkeit ist der Aal ein wahrer Weltenbürger. Vom Meer bis hin zu Bergbächen ist er überall zu Hause.

Ein geheimnisvoller Lebenszyklus

Über die Fortpflanzung des Aals ist nur sehr wenig bekannt. Bisher konnte noch niemand die Paarung oder das Schlüpfen der Aale beobachten. Die Laichgründe werden allerdings in der Sargassosee zwischen Florida, der Karibik und den Bermudainseln vermutet, da dort regelmässig Aallarven gefunden werden. Die Aalwanderung beginnt also an der Ostküste Amerikas, von wo aus die Larven während mehrerer Jahre mit dem Golfstrom nach Europa treiben. Wenn die Larven die Küste Europas erreichen, machen sie eine drastische Umwandlung durch. Sie werden zuerst zu durchsichtigen Glasaalen und später, wenn sie den Weg flussaufwärts antreten, zu olivgelben Gelbaalen. Hat der Aal ein Gewässer gefunden, in dem er sich wohlfühlt, frisst er sich Fettreserven für die spätere Wanderung zurück ins Meer an. Dies kann bis zu 20 Jahre dauern. Wenn der Aal für die Hochzeitsreise bereit ist, verändert er seine Gestalt ein weiteres Mal. Ehe er den 6000 Kilometer langen Rückweg in die Sargassosee antritt, verliert er seine Farbe und wird zum Silberaal. Während der gesamten Rückwanderung verzichtet der Aal auf Nahrung, und sein Verdauungsapparat weicht den Geschlechtsorganen. Die Wanderung und der Umwandlungsprozess verschlingen alle angefressen Energiereserven, sodass der Aal nach der Paarung stirbt.

Wanderrouten müssen wieder geöffnet werden

Eine solch anspruchsvolle Wanderung kommt natürlich nicht ohne Hindernisse. Besonders der Weg flussaufwärts und flussabwärts birgt viele Gefahren und ist teilweise sogar ganz versperrt. Auch die Schweizer Flüsse wurden für die Nutzung der Wasserkraft verbaut und stellen so Barrieren für die Aalwanderung dar. Viele Wasserkraftwerke entlang der Schweizer Flüsse sind zwar mit Fischaufstiegshilfen ausgestattet, doch es fehlen Abstiegsmöglichkeiten. Auf dem Weg zurück ins Meer verendet ein Grossteil der wandernden Aale in den Turbinen der Wasserkraftwerke. Die Mortalität beim Passieren der Turbinen beträgt bei jedem Hochrheinkraftwerk im Mittel rund 30 Prozent. Rechnet man dies hoch auf alle Kraftwerke entlang des Rheins, ist es wenig erstaunlich, dass kaum ein Aal den weiten Weg zurück ins Meer schafft.

Vor der Industrialisierung zählte der Aal zu den häufigsten Fischen der Schweiz. Die zunehmende Verbauung der Wasserwege bedeutete dann ein abruptes Ende des Aal-Höhenflugs. Seit 2014 steht der Aal auf der Roten Liste der gefährdeten Arten und gilt als vom Aussterben bedroht.
Neben Wasserkraftwerken haben Uferverbauungen, Krankheiten und Gewässerverschmutzungen den Aalen das Leben zusätzlich schwer gemacht. Auch der intensive Fischfang an der europäischen Küste hat zur Aal-Dezimierung beigetragen.

Da der Aal ein äusserst hartnäckiger Wanderer ist und Aale trotz all der Hindernisse immer noch Jahr für Jahr die Schweiz erreichen, bleibt Hoffnung für die Erholung der Aalbestände. Der Aal lässt sich aber nur retten, wenn die Wasser-Wanderwege wieder frei zugänglich werden.

 

Portrait des europäischen Aals
Fisch des Jahres 2018: Dossier des Schweizerischen Fischerei Verbands

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